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Wo der Balkan vitaler Alltag ist: Das kleine südeuropäische Land begrüßt Naturliebhaber voller Herzlichkeit

Der tiefste Canyon Europas verläuft durch Montenegro

Wer Podgorica nicht kennt, ist wahrscheinlich nicht allein. Podgorica ist die Hauptstadt des noch jungen Staates Montenegro, der sich 2006 die Unabhängigkeit vom großen Bruder Serbien ertrotzt hat. Nur rund 670 000 Einwohner hat das Land, das ein temperamentvolles, von großer Herzlichkeit geprägtes Völkergemisch beherbergt.

Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Überdurchschnittlich groß ist hier oft etwas anderes: der Montenegriner an sich. Mehmedin Colovic, genannt Mesa, ist einer von ihnen. Seit er Rentner ist, kann er sich seinen Hobbys widmen: Mesa ist Kabarettist, Lektor und Korrektor, passionierter Botaniker und so etwas wie Naturarzt. Früher hat er für die Regierung gearbeitet. Seit langer Zeit wohnt er an der Küste, vor sieben Jahren zog er mit der Familie nach Dobra Voda nahe der Hafenstadt Bar. Geboren aber ist er in Rozaje, einer Stadt im südöstlichsten Zipfel des Landes. Dort, wo das Land an den Kosovo und an Serbien grenzt. Wo es oft eisig ist und das Bergleben noch karg und entbehrungsreich. Die Industrie hat hier ihre Produktion weitgehend eingestellt. Die Menschen leben von der Landwirtschaft, mancher vom Drogenhandel. Die Geschichte vom schnellen Geld erzählen zwei verwaiste Luxusbauten mit viel Glas und ein protziges Hotel mit Hubschrauberlandeplatz.

Hoffnungsfroh stimmen dagegen die Natur und das Miteinander in Rozaje. Über 90 Prozent der Menschen bekennen sich hier zur Lehre des Propheten Mohammed. In jeder Ecke der Stadt steht eine Moschee, viele Männer tragen Bart, die Frauen Kopftuch, einige Burka. Andere kleiden sich westlich, und in friedlicher Nachbarschaft zu den Moscheen befinden sich serbisch-orthodoxe Kirchen.

Mesa kommt vor allem in seine Heimat, um in den Bergen Kräuter zu sammeln. Getrocknet und sorgsam verpackt, bietet er sie auf dem Markt von Rozaje feil. Die wilde Schönheit der Bergwelt Montenegros ist der Jungbrunnen des 77-Jährigen. Auf nur knapp 14 000 Quadratkilometern hat das kleine Land eine ungewöhnliche Vielfalt zu bieten. Im Norden erreicht das schneesichere Durmitor-Gebirge spielend hochalpines Niveau. Durmitor ist wie der Skadar-See, dessen eine Hälfte in Albanien liegt, der Biogradska Gora, Lovcen und Prokletje ein Nationalpark. Nur wenige hundert Meter hinter der Küstenlinie haben die Spitzen des dinarischen Rückens Mittelgebirgshöhe. Die unberührte Natur mit ihren spektakulären Bergen, glasklaren Flüssen und tiefen Schluchten ist an vielen Stellen dramatisch schön und ein Paradies für Individualtouristen.

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Die unberührte Gebirgsregion besuchen jedoch nur drei Prozent der Touristen. Die meisten zieht es an die 293 Kilometer lange Küste, von der 73 Kilometer als Strand ausgewiesen sind. Hier brummt das Geschäft. Alles, was zu vermieten ist, findet im Sommer einen Abnehmer. Vom einfachen Zimmer ab fünf Euro bis zur Luxusvilla ist alles zu haben.

Richtig zufrieden sind die Montenegriner trotzdem nicht. Denn die meisten Touristen sind wenig zahlungskräftige, ehemalige Bundesgenossen aus Serbien und Bosnien-Herzegowina. Entsprechend kann man als deutscher Urlauber einen günstigen Urlaub verbringen. Die kulinarische Vielfalt ist beachtlich, die Gastfreundlichkeit unschlagbar. Dass es mancherorts trotzdem luxuriöser wird, liegt an den kauffreudigen Russen. Seit Montenegros Unabhängigkeit haben sie das kleine Balkanland für sich entdeckt.

Montenegro, das in den 80ern schon auf dem Weg zum beliebten Ferienland war, steckt in der Zwickmühle: Wirtschaftlich zurückgeworfen durch den Krieg in den 90ern, schwankt es zwischen Verführung und Vernunft. Der Tourismus soll den wirtschaftlichen Schwerpunkt bilden. Doch Montenegro muss aufpassen, dass die guten geografischen und kulturellen Voraussetzungen nicht dem Lockruf des Geldes geopfert werden.

„Viele sind hier nach dem Krieg über Nacht sehr reich geworden“, sagt Mesa. Auch an seinem Haus zeigen russische Käufer Interesse. Es ist ein schönes Haus in den Bergen von Dobra Voda, wo sich die Oleander-Büsche und Olivenbäume im Sommer in ihrer Pracht gegenseitig übertreffen. Wenn Mesa den Kamm des Hügels erklimmt und auf die nächste dicht bewaldete Anhöhe schaut, kann er die Villa des russischen Oligarchen Roman Abramowitsch sehen. Aber in Dobra Voda ist es mindestens genauso schön. Momentan kommt zwar noch der Tankwagen, um Mesas Haus mit Wasser zu versorgen. Auch der Strom kann schon mal ausfallen. Doch das tut den Geboten für sein Heim keinen Abbruch – sie steigen von Jahr zu Jahr.

Dass Montenegro das Zeug hat, steil zu starten, zeigt die Investition des kanadischen Milliardärs Peter Munk. Er will Montenegro zu einem zweiten Monaco machen, denn immer mehr Mega-Yachten besuchen die Adria. Porto Montenegro heißt sein Projekt beim Küstenstädtchen Tivat im Golf von Kotor. Entlang der Adriaküste gibt es keinen anderen Fjord dieses Ausmaßes. Mehr als 1000 Meter hohe Berge umgeben ihn. Am Ende liegt die Festungsstadt Kotor, wo nicht nur Yachten, sondern auch Handelsschiffe anlegen.

Munk und andere Investoren treiben die Entwicklung einer Marina für gehobene Ansprüche im ehemaligen russischen Marinestützpunkt voran. Gemäß dem Motto „Pöbel parkt – Reichtum ankert“ hat der Porto Montenegro 14 Liegeplätze für Yachten von 30 bis 100 Meter Länge.

Mesa kümmert das Treiben im Norden des Landes wenig. Er ist froh, dass es in Dobra Voda gemächlich zugeht. Je weiter man nach Süden kommt, desto hüllenloser und herzlicher erscheint das Land. Das gilt auch für den Nachbarort Ulcinj. Lebhaft geht es zu in der kleinen Stadt in der windigen Tiefebene vor Albanien. Dass man hier in den muslimisch geprägten Teil des Balkans eintaucht, merkt man nicht nur an Schildern mit albanischer Schrift. Auch die Preise purzeln. Dem feinen dunklen Sand der „Velika Plaza“ wird wegen seiner natürlichen Radioaktivität heilende Wirkung zugeschrieben. Die schwefelhaltige Quelle, die am Plaza za Zene ins Meer mündet und an dem nur Frauen Zutritt haben, soll gar die Fruchtbarkeit erhöhen. Ob’s stimmt? Immerhin: Frauen im Kosovo sind im Gebären mit 29 Geburten pro 1000 Einwohner europäische Spitze.

Das wohl meist fotografierteste Motiv in Montenegro ist die Hotel- und Casino-Insel Sveti Stefan (links). Auf dem Markt verkauft Mesa getrocknete Kräuter. Und in Rozaje prägen Moscheen das Stadtbild, aber auch serbisch-orthodoxe Kirchen. Fotos: doro

Das Herzstück des Nationalparks Biogradska Gora ist der See Biogradska jezero. Er ist das größte von sechs Gewässern und etwa einen Kilometer lang.




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