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Der Schuld ins Auge blicken

Bad Münder. Es ist ein Moment, der alle Zuhörer in der großen Halle der KGS Bad Münder zutiefst bewegt. Immer wieder muss Uwe Siever innehalten, kann seine Erschütterung nicht verbergen. Sein aus Altenhagen stammender Großvater, berichtet Siever mit zwischendurch versagender Stimme, sei mit 23 Jahren in die NSDAP eingetreten und später in Russland an Mord- und Gräueltaten der SS beteiligt gewesen. „Ich möchte alle Nachkommen und Gott um Vergebung bitten“, sagt der 46-jährige Münderaner leise.

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Siever und seine zwei Jahre ältere Ehefrau Estha, die am Springer Gymnasium Religion und Biologie unterrichtet, haben anlässlich des Gedenktages zur Reichpogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 in Bad Münder den „Marsch des Lebens“ und ein „Fest des Lebens“ organisiert. Innerhalb kürzester Zeit haben sie viele Gleichgesinnte um sich geschart, die die mittlerweile europaweite, von Jobst Bittner ins Leben gerufene Bewegung, unterstützen.

Estha Siever erläutert: „Es geht darum, der Schuld der Väter und Großväter ins Auge zu sehen.“ Die „Decke des Schweigens“, so der Titel einer Schrift von Bittner, müsse fortgerissen werden. Rechtfertigungen, Sätze wie „es war halt eine schlimme Zeit“, müsste durch aktive Schuldbekenntnisse offensiv entgegengetreten werden. Die Auseinandersetzung mit der Tätergeneration sei auch für nachfolgende Generationen nicht nur im Rahmen der Kriegstraumata-Forschung dringend vonnöten, betont Estha Siever.

Ausgehend von den Forschungen des Hamelner Historikers Bernhard Gelderblom stellten sie und ihr Mann am Vorabend des Marsches durch Bad Münder in der KGS das ergreifende Schicksal von Hermann und Sophie Friedheim und deren kleiner Tochter Ingrid dar. Ausgrenzung, planmäßig Verelendung, Deportation in „Judenhäuser“, wie es sie in Hannover-Ahlem gab, und von dort der Weg zur systematischen Ermordung markierten den Leidensweg auch vieler Münderaner Juden.

„Der Feuerlöschteich war der zentrale Ort, von dem aus die jüdischen Mitbürger damals per Lastwagen nach Hannover und von dort in Konzentrations- oder Vernichtungslager abtransportiert wurden“, berichtete Siever.

Nach der Auftaktveranstaltung versammelten sich unter israelischen und deutschen Fahnen am Jahrestag der Schändung der Münderaner Synagoge Junkerstraße/Ecke Deisterallee zahlreiche Gäste. Unter ihnen auch Vertreter der Hamelner jüdischen Kultusgemeinde um deren Vorsitzende Irina Pirogova. Der „Marsch des Lebens“ führte dann zu den ehemaligen Wohnstätten deportierter Münderaner Juden, ehe am Feuerlöschteich Grußworte des Bundtagspräsidenten, des SPD-Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel und des Begründers des „Marsches des Lebens“, Jobst Bittner, verlesen wurden.

Ein weiterer besonders ergreifender Moment war die Verlesung der Namen der münderschen Holocaust-Opfer. „Unfassbar, dass das hier passiert ist“, zeigte sich eine Teilnehmerin fassungslos.

Nach dem Besuch des jüdischen Friedhofs mündete der „Marsch des Lebens“ ins „Fest des Lebens“ in der örtlichen Grundschule. An diesem nahm als Schirmherr auch der neue Landrat Tjark Bartels teil.

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