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Die abenteuerliche Reise des Jakob Chrysostomus Praetorius vor 250 Jahren

„Der Prospect bey der Einfahrt des Tejo ist ungemein schön“

Die Deutschen gelten, nur knapp hinter den Chinesen, als Vizereiseweltmeister. Weit mehr als die Hälfte der Bundesbürger packt mindestens einmal im Jahr die Koffer. Zu den beliebtesten Zielen gehören die Länder und Inseln im und ums Mittelmeer. Kultur- und Geschichtsbeflissene fühlen sich seit jeher besonders von der portugiesischen Metropole Lissabon angezogen. Man setzt sich in Hannover in den Flieger, und drei Stunden später ist man da.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Von solchen Möglichkeiten hätten unsere Altvorderen nicht einmal zu träumen gewagt. Ein Tagebuch aus dem Jahre 1762 macht deutlich, wie schwer und langsam man vor 250 Jahren vorwärts kam. Zu Papier gebracht hat den Bericht der schaumburg-lippische Ingenieur Jakob Praetorius. Die Schilderungen des gelernten Landvermessers gehören zu den originellsten und unterhaltsamsten Dokumenten der heimischen Reisegeschichte.

Für die Tour von Schaumburg nach Lissabon brauchten Praetorius und seine Begleiter mehr als dreieinhalb Monate. Auslöser des Trips war der Siebenjährige Krieg. Was 1756 als Grenzkonflikt zwischen Preußen und Österreich begann, war zu einem euroweiten Hauen und Stechen geworden. Als Hauptkontrahenten standen sich Österreich und Frankreich auf der einen sowie Preußen und England-Hannover auf der anderen Seite gegenüber.

Als einer der fähigsten und wichtigsten Oberbefehlshaber der preußisch-englischen Allianz mischte der schaumburg-lippische Graf Wilhelm mit. 1762 wurde ihm das Kommando über die Streitkräfte des von den übermächtigen Nachbarn Frankreich und Spanien bedrängten Portugal übertragen. Um das dortige Militär fit zu machen, brach er am 25. Mai zusammen mit Praetorius und 68 weiteren Ausbildern und Waffenspezialisten in seine neue Kommandozentrale Pedrosa auf. Wegen der militärischen Situation war nur der Seeweg über Nordsee und Atlantik möglich.

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Start- und Sammelplatz der schaumburg-lippischen Truppe war Hagenburg. Den ersten Teil der Strecke bis zur Küste legte man zu Fuß zurück. „Unsere Colonne marschirte bemeldeten Tages eine Route über Rehburg, Nienburg, Hoye und Brehmen nach der Lehe (Bremerhaven-Lehe), den Ort unsres Embarquements (Einschiffung). Für den Weitertransport mit „Segeln“ (Segelschiffen) hatten die verbündeten Engländer vier Frachtboote und als Begleitschutz die Kanonen-Fregatte „Scarborough“ bereitgestellt.

Am meisten zu schaffen machte dem Tross das wechselhafte Wetter mit miserablen Windverhältnissen, langen Flaute-Perioden und orkanartigen Stürmen. „Der beständig contraire Wind (Gegenwind) aus N. W. (Nord-West) hielt uns hier vom 28 May bis 19. Junius auf; an welchem Tage wir mit Booten von der Geeste, einem kleinen aber tiefen Fluß, abgeholet und an Bort gebracht wurden“.

Erst nach rund einem Monat schaffte es der Schiffsverband endlich aufs offene Meer. „Den 20 Jun. wollten wir mit O.N.O. unter Segel gehen, der Wind wurde aber augenblicklich wieder Nord“, beginnt einer der täglichen Ereignisberichte. „Endlich den 29. Jun. segelte unser Man of ware (alte englische Bezeichnung für Kriegsschiff, gemeint war die Scarborough) mit seinen 4 Transport Schiffen, wovon unseres Isabella hieß, aus der Weser. Hinter der Feuerbacke wurde auf einige Stunden geanckert. Nachts sahen wir den Leuchtturm auf Helgoland. Den 30. ließen wir die Sandinseln Ameland und Schelling lincks, und fischeten viele Maquerels und Faenets. Abends wurde der Wind contrair und starck und wir segelten N.O.“

Trotz immer neuer Versuche gelang es nicht, von der Nordsee in den Atlantik zu kommen. Der Verband hing mehr als drei Monate im Ärmelkanal fest. Dazu kam die ständige Angst vor Angriffen feindlicher Schiffe. In „Praetorius’ Tagebuch liest sich der Fortgang der Reise (stark verkürzt wiedergegeben) so: „Den 5. 6. ,7., bis zum 8. (Juli) kreuzten oder lavirten wir bey N. W. Winde, man weiß nicht warum? und fischeten. Abends avertirte (informierte) uns ein Paquetboot, wo wir eigentlich waren, und ging darauf unser Capit. Ellely mit Erlaubniß des Capitain Stots als Wegweiser vor, und brachte uns morgens, den 9. Julii im Gesicht von Cramary. Wir gingen darauf laengst der flachen Shore (Küste) von Nordfolck und Suffolck. Den 11ten sahen wir den fürtreflichen Hawen Portsmouth und Holborns Escadre (Geschwader); bey der Retour aber war unser Boot durch einen unversehenen Sturm in augenscheinlicher Gefahr mit 22 man unterzugehen. Der Wind wurde immer staercker die See höher und die Leute kraencker“. Den 14. Jul. segelten wir die Themse hinauf mit der Fluth; wir anckerten zwischen Gravesand und Tilbury Fort“.

Endlich, am 27. August, rund ein Vierteiljahr nach dem Start des Unternehmens, gelang es „den See capitains, das verwünschte Südvorland zu umsegeln“. „Den 18. August sahen wir vor uns Inseln Scylli. Wir fingen einen großen Hayfisch, den Menschenfresser in der See; die folgenden Tage bis zum 1. Sept. favorisirte (begünstigte) uns der Wind ungemein, und die Würckungen der Sonne belehrten uns taeglich, daß wir ihrer Laufbahn immer naeher kahmen“.

Die Erlebnisse während der folgenden Tage auf dem Atlantik brachten Praetorius ein ums andere Mal ins Schwärmen: „Die unvergleichlich durchsichtig himmelblaue See ließ uns unsere Escorte (Begleitung) deutlich sehen: ein Schwarm praechtiger Delphinen begleitete uns; Fische von vortreflichen Farben; umsonst suchten wir durch schiessen und Harpuniren einen zu erhaschen; besonders lief einer als ein treuer Wegweiser bestaendig unter dem Bugspriet vor uns her“.

Am 6. September tauchten am Horizont die Umrisse der portugiesischen Küste auf. „Mittags den 7. Sept. waren wir neben der Insel und den Klippen Barlengues. Der prospect (Anblick) bey der Einfahrt des Tejo ist ungemein schön. Hier sagte uns der Man of war (die Scarborough) adieu“. Der Rest des Schiffsverbands fuhr mit Hilfe eines einheimischen Lotsen den Fluss hinauf. „Bey dem Turm von Belem wurfen wir den Ancker, und nachdem wir folgenden Tages den 9ten Sept. zu Belem debarquiret (ausgeschifft) waren, bekamen wir unser quartier zu Pedrosa im Palais du Marechal unseres Herrn“.

Zum Schluss seiner Tagebuchaufzeichnungen brachte Praetorius – in zehn Einzelpunkten zusammengefasst – „einige unterwegs gemachten Anmerckungen“ zu Papier. Hier eine Auswahl:

„Das Wasser der Nord See faelt ins Grüne, vom Grünspan an bis zum Saftgrün, wogegen das Wasser des oceans vom Hellblauen an bis zum schwaertzlich blauen aussiehet, je naeher dem Lande, je mehr wird es grau oder gelblicht; In gewisser Seiten Reflexion sieht man bey heitrem Wetter alle Regenbogen Farben darin; Dieses komt von der verschied. Tiefe u. dem Grunde desselben.“ – „Das Seewasser ist sehr electrisch, doch leuchtet der Schaum desselben nicht zu allen Zelten gleich starck; am meisten funckeln des Nachts diejenigen unzaehlig in der See schwimmenden Cörper (die Quallen), welche wie eine Blume gestaltet, und einem Fischleich oder Gallert gleichen, und von einigen Katzenköpfe genant werden; Sie haben würcklich Leben und Bewegung in sich.“

Die „Charte und Diarium“ des Geografen Praetorius aus dem Jahre 1762 ist eines der originellsten und unterhaltsamsten Reise-Dokumente aus einer Zeit, in der die christliche Seefahrt – zumal für hochseeunerfahrene Schaumburger – noch ein höchst abenteuerliches Unterfangen war.

So oder so ähnlich wie auf dieser Darstellung eines englischen Flottenverbandes aus dem Jahre 1788 dürften die Segler mit dem schaumburg-lippischen Portugal-Kommando im Ärmelkanal entlang der Kreidefelsen von Dover unterwegs gewesen sein.




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