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Der mit den Bären tanzt

Robert lehnt sich nach hinten, wippt etwas, reißt den Mund weit auf, zieht die obere Lippe am Mundwinkel nach oben, seine Augen leuchten und aus der Tiefe seiner Seele kriechen quietschende und leicht röhrende Töne. Robert ist kitzlig. Besonders unter den Armen und am Nacken mag er es. Robert lacht nämlich gerne. Überhaupt sei „der Dicke“, wie Dieter Kraml ihn nennt, „sehr verspielt“ und habe allerhand Kneepe im Kopp. „Der ist wie ein kleines Kind.“ Dabei: Wenn Robert sich aufrichtet und hinstellt, ist er zwei Meter und achtunddreißig Zentimeter groß.

Thomas Thimm

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Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Robert lehnt sich nach hinten, wippt etwas, reißt den Mund weit auf, zieht die obere Lippe am Mundwinkel nach oben, seine Augen leuchten und aus der Tiefe seiner Seele kriechen quietschende und leicht röhrende Töne. Robert ist kitzlig. Besonders unter den Armen und am Nacken mag er es. Robert lacht nämlich gerne. Überhaupt sei „der Dicke“, wie Dieter Kraml ihn nennt, „sehr verspielt“ und habe allerhand Kneepe im Kopp. „Der ist wie ein kleines Kind.“ Dabei: Wenn Robert sich aufrichtet und hinstellt, ist er zwei Meter und achtunddreißig Zentimeter groß. Ein Bär wie im Bilderbuch, kuscheliges Fell, und wenn er einen anschaut, dabei den Kopf etwas zur Seite legt und mit seinen tiefen Augen zwinkert, dann hat dieser sanfte Riese gewonnen.

Der braune Kaventsmann schaut neugierig aus seinen dunklen Kullerknöpfen, wenn Dieter Kraml von ihm und seinen anderen sieben Bären erzählt. Der gebürtige Österreicher ist ein echter Bärenbruder: „Urlaub? Was ist das denn? Ich bin jeden Tag zwölf Stunden mit meinen Bären zusammen.“ Füttern, trainieren, betuddeln, Späße machen, kraulen, ringen, buffen, erziehen – all das muss der Tierlehrer, wie Kraml sich selber nennt, tagein, tagaus mit seinen acht Braunen machen. Da bleibt keine Zeit für Urlaub oder sowas. Schließlich könne man ja acht Bären nicht wie eine Katze bei Freunden oder dem Nachbarn zur Aufbewahrung abgeben. Und außerdem gibt es „ja sowieso so einen wie den Dieter kein zweites Mal“, sagt dessen Lebensgefährtin Heide Kloth. Soll heißen: Es gibt auf der Welt keinen besseren Bärenflüsterer als ihren Dieter. Und so jemand kann seine Bären doch gar nicht alleine lassen.

Die Tierleidenschaft war dem heute 55-Jährigen in die Wiege gelegt: Vater Franz lebte im Zirkus Sarrasani, arbeitete mit Elefanten. Als der Vater 1957 dem Kleinen einen Teddybären schenkte, war es um den Junior geschehen. Ja, die meisten Kinder haben wohl einen Teddy gehabt, aber bei diesem Steppke hat der Stoffbär diese ganz besondere Zuneigung, diesen ganz außergewöhnlichen Zugang zu Tieren im Allgemeinen und zu Bären im Besonderen ausgelöst. Als Dieter Kraml zwölf Jahre alt war, hatte er seine erste echte Bärin. „Sie hieß Nancy, und ich weiß heute noch ganz genau, wie sie aussah.“ Mit 16 Jahren zog Dieter mit seiner Nancy durch Südamerika und trat in Zirkussen auf. Später dann machte Kraml eine Lehre als Tierpfleger bei der Firma Ruhe in Alfeld, der damals die Zoos in Hannover und Gelsenkirchen gehörten. Diese Begabung, mit Tieren umgehen zu können, ihnen zuzuhören, aber auch von ihnen akzeptiert zu werden, die hat Kraml schon immer in sich gefühlt: „Diese Gabe kommt bei mir von innen, das hat einfach gepasst.“

Mit den Bären zu leben und zu arbeiten ist für Kraml etwas anderes als Teddybären zu sammeln oder Tiere auszustellen oder Kunststückchen zeigen zu lassen. Er lebt mit den Tieren, er will sie verstehen, und er will von ihnen lernen. Kramls Augen glänzen, wenn er erzählt: „Einige sind berufen, nur wenige auserwählt, sage ich immer. Man muss die Tiere verstehen, in sie hineinhorchen, ihre Seele akzeptieren wie sie ist, dann kann man auch mit ihnen leben.“ Und wenn das alles passt zwischen Mensch und Tier, dann kommen manchmal auch kuriose Dinge dabei heraus: „Ich bin schon ein Verrückter“, lacht Kraml in seiner Bärenhalle sitzend. „Wenn es mir einfällt, fahre ich mit den Bären auch mal in meinem alten Kübelwagen zu McDrive, und dann gibt es eine Runde Eis.“ Seine Tochter Franziska lacht und nickt, ja, so sei ihr Vater nun mal. Ein bisschen spinnert, aber im positiven Sinne. So würde sie es niemals sagen, aber ihre Augen erzählen diesen zweiten Satz, der aufrichtig herzlich gemeint wäre, würde man ihn hören können.

In der Bärenhalle und überhaupt so ist klar, wer der Chef im Hause ist. Die handaufgezogenen Bären Robert, Mary, Mascha, Dimka, Nora, Hera, Zeus und Max wissen offenbar, was sie an Dieter Kraml haben. Nicht nur ihre sechs bis sieben Kilogramm Obst, Salat, Brot oder auch Fleisch bekommen sie täglich von ihm, er ist auch für ihre Streicheleinheiten zuständig, und wenn jemand eine klare Ansage braucht, dann ist der Mann mit den starken Händen, den lachenden Augen und dem dunklen Schnauzbart ebenso zur Stelle. Und wenn der Bärenflüsterer dann mal irgendwo aneckt, dann macht das dem gestandenen Mannsbild halt auch nichts aus: „So bin ich nun mal, geradeheraus, aber ehrlich. Man kann sich auf mich verlassen, das merken auch meine Bären.“

Ein alter Chinese, so erzählt Kraml, habe ihm einst auf einer Reise durch Taiwan prophezeit, dass er „eines Tages etwas ganz Besonderes mit Tieren machen werde“. Kraml übersetzt diese Weissagung mit seinem sozialen Engagement von heute. Er nimmt jugendliche Straftäter auf, Schläger, Drogenabhängige oder solche, die die Finger nicht von der Flasche lassen können. Wenn ein Jugendrichter entscheidet, dass ein so gestrandeter Jugendlicher ein Fall für den Kraml ist, dann kümmert er sich um „diese armen Kerle“. Aber auch hierbei ist die Ansage klar: „Die erziehe ich um.“ Über 300 dieser Fälle, nein, dieser Jungs seien schon bei ihm gewesen, und die meisten von denen habe er „auch wieder hingekriegt“. Gemeinsam mit seinen Bären könne er den Jugendlichen Wege aufzeigen, wie sie „die Bärenwelten in sich“ erfahren, wie sie lernen, ruhiger zu werden und Verantwortung zu übernehmen: „Die sollen was lernen fürs Leben.“ Und ja, er sei streng, aber eben auch fair zu jedem Einzelnen. Hart und gerecht geht es dann zu auf dem Freigelände oder in der Bärenhalle. Kraml: „Die müssen hier richtig anpacken, haben auch ihre Freiräume, aber verpieseln gibt es hier nicht.“ Während Kraml seine Geschichte und seine Geschichten erzählt, sitzt der 350 Kilo schwere Koloss Robert daneben, streckt seinen bulligen Kopf ein Stückchen nach vorne, und leckt mit seiner fleischigen Zunge immer mal wieder rechts und links über die langen Zähne, diese Hauer mitten in dem friedlichen Gesicht. Ein Zirkus wäre nichts für seine Bären und auch nichts für ihn selbst: „Ich habe hier in Alfeld ein so großes Freigelände für meine Bären, das kann mir niemand anderes bieten.“ Aber er müsse doch auch mal Geld verdienen, schließlich kostet solch ein Bärenleben auch einiges. „Ja, auch hier sind wir gemeinsam bärenstark“, lächelt Kraml. Selbst das geschäftliche erledigen eben alle zusammen. So machen Robert & Co. Fernsehwerbung für Lätta oder Bärenmarke oder viele andere Auftraggeber. Und sie spielen in Kino- und Fernsehfilmen mit. Kramls Bären haben schon mit Belmondo gedreht, mit Hape Kerkeling am Set gesessen, für den Bergdoktor oder Münchhausen gespielt. Als Bär hat man halt viele Bekannte beim Film. Und man kommt ganz schön rum. In Mexiko sei er mit den Bären gewesen, in Kanada und in vielen anderen Ländern, erzählt der Bärenmann. Die Preise für solch einen Dreh mit seinen Bären seien sehr unterschiedlich, druckst er ein bisschen herum. Drei Tage für eine Werbung könnten schon mal 5000 Euro kosten. Das sei mal günstiger, aber auch mal teurer. „Das kann hochgehen bis zu einer gewissen Summe“, bleibt Kraml nichts sagend vielsagend. Aber, so wirft seine Tochter Franziska ein, der Vater habe an anderer Stelle auch häufig ein gebendes Herz: „Zum Geburtstag bei armen Leuten schenkt er denen auch einfach mal einen Auftritt.“ Robert nickt. Das muss eine besondere Verbindung sein zwischen den Bärenbrüdern.

Termin: Dieter Kraml und seine Bären (www.baerenwelten.net) sind am Sonntag, 13. Dezember, in Hameln zu Gast – von 12 bis 16 Uhr in der AOK-Geschäftsstelle Mertensplatz.




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