×

Der lange Weg zu einer jüdischen Identität

Marina Jalowaja war Anwältin in Moskau, bevor sie vor 17 Jahren beschloss, nach Deutschland auszureisen – nicht als Spätaussiedlerin mit deutschen Vorfahren, sondern als sogenannter „Kontingentflüchtling“. Diese Möglichkeit bot sich ihr, weil sie Jüdin ist, das wies ihr sowjetischer Pass als Volkszugehörigkeit aus. „Ich hatte allerdings überhaupt keinen religiösen Hintergrund“, sagt sie. „Ich war niemals in einem Gottesdienst und hätte gar nicht gewusst, wie ich beten soll.“ Inzwischen aber ist sie die Erste Vorsitzende der einzigen jüdischen Gemeinde im Landkreis Schaumburg, in Bad Nenndorf. „Wirklich als Jude fühlte ich mich erst in Deutschland.“

ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

So wie ihr geht es vielen emigrierten Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. In kaum einer jüdischen Familie ließ sich die religiöse Tradition im kommunistischen Regime weitertragen, zumal es auch gesellschaftliche Nachteile brachte, ein Jude zu sein, besonders was den Zugang zu Beruf und Studium betraf. In Deutschland angekommen, ein fremdes Land eigentlich, mit fremder Sprache und ohne Chance, im angestammten Beruf weiter zu arbeiten, ging es für die Emigranten darum, ihr Leben, ihr Selbstbild neu zu organisieren. In Auffanglagern für die Kontingentflüchtlinge, wie es auch in Bad Nenndorf eines gab, trafen sie auf Menschen in ähnlicher Lage, alles Juden aus Russland, die neue Orientierung und Zusammenhalt suchten.

In Hameln entstanden aus dieser Situation heraus bereits in den Jahren 1997 und 1998 zwei jüdische Gemeinden, die Bad Nenndorfer Gemeinde wurde im Jahr 2002 gegründet. Wie es möglich war, mit Menschen, die oft fast nichts über die jüdische Religion wussten und die zudem meistens gar kein deutsch sprechen konnten, eine Gemeinde aufzuziehen, davon erzählte Marina Jalowaja beim letzten „Rintelner Abendgespräch“, zu dem die katholische Gemeinde von Sankt Sturmius eingeladen hatte. Mit ihr kam Ludmila Nekrasova aus Bad Nenndorf, die bis vor 18 Jahren in Moskau als Journalistin für eine große Zeitung gearbeitet hatte und sich nun als 2. Vorsitzende in der Gemeinde engagiert; und Landesrabbiner Jonah Sievers, zu dessen Aufgaben es gehört, den Anfängern in Sachen Judentum eine Richtung zu weisen.

In Hameln waren auch bereits religiös lebende Juden unter anderem aus Deutschland am Aufbau der Gemeinden beteiligt, was durchaus bezeichnenderweise dazu führte, dass es dort gleich zwei Gemeinden gibt, eine streng orthodoxe und eine liberal von einer Rabbinerin geführte, ganz so, wie es ein alter jüdischer Witz erzählt: Ein jüdischer Robinson Crusoe landet auf einer einsamen Insel. Als er Jahre später gefunden wird und seine Retter über die Insel führt, zeigt er ihnen auch seine zwei kleinen Synagogen. „Warum zwei?“ fragen die Besucher erstaunt. „Nun ja: Da ist die, in die ich gehe. Und in die hier gehe ich auf keinen Fall!“

Marina Jalowaja (links) und Ludmila Nekrasova, hier mit Landesrabbiner Jonah Sievers, sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Bad Nenndorf. Foto: cok

In Bad Nenndorf sah es etwas anders aus. Alle etwa hundert Gemeindemitglieder kommen aus der ehemaligen Sowjetunion, und noch immer sprechen die größtenteils bereits über 60- und 70-jährigen Männer und Frauen kaum Deutsch. Die meisten von ihnen waren chancenlos auf dem deutschen Arbeitsmarkt und leben von der Unterstützung durch Hartz IV. Die jüdische Gemeinde ist für viele zunächst vor allem ein wichtiger sozialer Anlaufpunkt. Hier konnte man sich mit anderen treffen, plaudern, feiern, Beratung finden und inzwischen auch deutsch lernen. „Eine jüdische Gemeinde zu haben, sich dem Judentum anzuschließen, das ist auch eine Frage des Umgangs mit der eigenen Identität“, so Marina Jalowaja.

Sie selbst dachte wieder viel an ihre Urgroßmutter, die, obwohl Kommunistin, nach religiösen Regeln lebte, damit aber ziemlich allein dastand in der Familie: Die Jüngeren waren am Judentum ganz und gar nicht interessiert. Mit ihrer Tochter, also Marina Jalowajas Großmutter, sprach sie jiddisch, immer dann, wenn Kinder und Enkelkinder nicht verstehen sollten, worum es gerade ging.

Ludmila Nekrasova erging es ähnlich. Ihr Vater war überzeugter Kommunist, allem Religiösen radikal abgeneigt. Der Großvater aber lebte als strenggläubiger Jude, der trotz offiziellen Verbotes in eine geheime Synagoge ging und dafür auch die ewigen Streitigkeiten mit dem Sohn in Kauf nahm. „Ich sehe noch vor mir, wie mein Großvater den Sabbat zelebrierte und das Brot brach“, sagt sie. „Das hat mich doch sehr geprägt.“ Die Annäherung an das Judentum war eine Art Abenteuer. Beide Frauen erarbeiteten und eroberten sich zusammen mit anderen russischen Juden die Religion, die dazu beitragen würde, sie neu zu verwurzeln. Sie hatten keinen eigenen Rabbi, der sie unterrichten würde, nur den Landesrabbiner, der sie darin unterwies, wie man Gottesdienste und Feste feiert, wie man die hebräischen Gebete ausspricht, was sie übersetzt bedeuten. „Wir mussten es lernen, uns blieb keine Wahl, wenn wir Gottesdienste abhalten wollten“, sagt Ludmila Nekrasova. Schon allein aus diesem Grund war es keine Frage, dass sich die Gemeinde liberal entwickelte: Ohne die bestimmende Rolle der Frauen, wie sie in orthodoxen Gemeinden unmöglich wäre, hätte sich in Bad Nenndorf gar nichts getan.

So aber öffnete sich die jüdische Gemeinschaft, trotz der Sprachbarrieren der alten Leute, auch dem öffentlichen Leben in der kleinen Stadt, ähnlich wie die liberale jüdische Gemeinde in Hameln und anders als die Hamelner Orthodoxen, die eher eine Tendenz zur Abkapselung zeigen. Zur Öffnung in Bad Nenndorf beigetragen haben paradoxerweise die jährlichen Nazi-Aufmärsche am ehemaligen Gefangenlager der Alliierten, dem Wincklerbad. Die jüdische Gemeinde schloss sich sofort dem Bündnis „Bad Nenndorf ist bunt“ an, veranstaltet auch Musikabende und Feste und sucht, wie etwa bei dem Rintelner Abendgespräch, den Kontakt zu christlichen Kirchengemeinden.

Superintendent Andreas Kühne-Glaser fragte, als Gast des Abendgespräches, ob die Bad Nenndorfer sich als Juden angenommen fühlen würden. „O“, rief Ludmila Nekrasova aus. „Überhaupt nur in Deutschland werde ich angenommen, so, wie ich bin. In Russland waren wir Juden wie Menschen zweiter Klasse.“ Zusammen mit Marina Jalowaja geht sie immer wieder auch in Schulen, um Kindern und Jugendlichen von der Geschichte der jüdischen Gemeinde und den Hintergründen des Judentums zu erzählen. Einmal sagte ein Junge, er habe noch nie zuvor einen lebenden Juden gesehen. „Ja, auch das ist unsere Aufgabe: Zu zeigen, das wir wieder da sind, dass Deutschland ein Land ist, in dem man als Jude gut leben kann.“

Was den beiden Frauen und auch Landesrabbiner Jonah Sievers berechtigte Sorge macht: Mit dem Nachwuchs in den meisten jüdischen Gemeinden, so auch in Bad Nenndorf, sieht es schlecht aus. Zwar gibt es eine Sonntagsschule für die Kinder, in denen ihnen die Tradition nahegebracht wird. Doch die meisten jungen Leute ziehen weg in die großen Städte, und die Gemeindemitglieder insgesamt werden immer älter und älter. Auch wäre es für deutsche Juden nicht einfach, der Gemeinde beizutreten, denn die Sprache, die alle verbindet, ist das Russische, auch gepredigt wird auf Russisch, die meisten Texte von Liedern und Gebeten stehen bisher nur auf Russisch zur Verfügung. „Vielleicht, sogar wahrscheinlich, wird die Gemeinde in zehn Jahren gar nicht mehr existieren“, so Jonah Sievers.

Die große Welle der Kontingentflüchtlinge, die mit dem entsprechenden Gesetz im Jahr 1991 einsetzte und dazu führte, dass sich die Anzahl von zuvor gerade mal drei jüdischen Gemeinden in Niedersachsen auf über zehn erhöhte, sie ist längst abgeflaut. Neuer Zuzug ist also nicht in nennenswertem Umfang zu erwarten. Immerhin, der Landesrabbiner setzt sich dafür ein, dass der Übertritt zum Judentum für alle diejenigen erleichtert wird, die in der ehemaligen Sowjetunion zwar als Juden galten und deshalb auch nach Deutschland einwandern durften, die aber im strengen Sinne nicht dazugehören, weil sie keine jüdische Mutter, sondern nur einen jüdischen Vater besitzen.

Natürlich hoffen Marina Jalowaja, Ludmila Nekrasova und auch Rabbiner Jonah Sievers, dass ihre eigenen Kinder und diejenigen in der jüdischen Gemeinde den Glauben bewahren und ausüben werden. „Eines jedenfalls ist klar“, so der Rabbi. „Es gibt eine jüdische Identität, die man sich aneignen sollte, denn: Man kann ja nie mehr kein Jude sein.“

Ziemlich spät hat die gebürtige Russin Marina Jalowaja zu ihrer Religion, dem Judentum, gefunden. Im damaligen Kommunismus war kein Platz für Religiöses. Erst als Marina Jalowaja in den 90er Jahren nach Bad Nenndorf kam, bot sich dort der geeignete Rahmen, ihren Glauben zu leben.

Den Nachwuchs zieht es in die großen Städte

Marina Jalowaja (l.) und Ludmila Nekrasova, hier mit Landesrabbiner Jonah Sievers, sind Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Bad Nenndorf.

Foto: cok




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt