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Kaiser Wilhelm II. besuchte vor 100 Jahren Stift Fischbeck / Großzügige Spende ermöglicht Restaurierung

Der Krummstab war im kaiserlichen Gepäck

Fischbeck. Fahnenschmuck, Glockengeläut und eine schier unübersehbare, mit Sonderzügen angereiste Menschenmenge – vor einhundert Jahren war das Wesertal zwischen Rinteln und Hameln vom „Kaisertaumel“ erfasst. Anlass war der Besuch von Wilhelm II. am 27. August 1909 im altehrwürdigen Stift Fischbeck. Die hiesigen Zeitungen begleiteten das Ereignis mit patriotischem Jubel. Der angesehene Heimatpoet Julius Carlowitz aus Welsede ließ sich zu einer sechsstrophigen Ode anregen:

„Hoch recken sich unsere Weserhöhn, Aus ihren Wäldern naht leises Wehn,

Heut schreitet die irdische Majestät Zum friedlichen Werke und zum Gebet.“

Zweck des herrschaftlichen Abstechers in die hiesigen Gefilde war die Widmung und Überreichung eines Äbtissinnenstabes – eine Geste, durch die Wilhelm seine besondere Beziehung und Verpflichtung gegenüber der im Jahre 955 von seinem Vorgänger Otto I. bestätigten und mit einer Schutzgarantie versehenen Stiftung unterstreichen wollte. Diese vermeintlich historisch begründete Verbindung hatte den Kaiser der Deutschen und König von Preußen schon ein paar Jahre zuvor zu einer wohltätigen Gunstbezeugung veranlasst: Er ließ 20 0000 Reichsmark aus seiner Privatschatulle überweisen.

Nur mit Hilfe dieser großzügigen Spende war es gelungen, die total heruntergekommene und weitgehend verfallene Sakralstätte zu erhalten und von 1903 bis 1904 äußerst aufwendig zu sanieren. Kein Wunder, dass es sich der edle Geber nicht nehmen ließ, an der feierlichen Neueröffnung und Neueinweihung des Stifts am 17. August 1904 teilzunehmen und sich als Schutzpatron und Schirmherr feiern zu lassen. Schon bei diesem, inzwischen fünf Jahre zurückliegenden Besuch soll Wilhelm bei der Begrüßung der damaligen Hausherrin Antonie von Buttlar ein repräsentatives Statussymbol in deren Händen vermisst und die Beschaffung eines Äbtissinnenstabes angekündigt haben. Ein solches, wegen seiner schneckenförmig ausgebildete Spitze „Krummstab“ genanntes Zubehör stand einstmals nur den mächtigsten geistlichen Grundherrschaften und – in Ausnahmefällen – auch den Leiterinnen besonders privilegierter Kanonissenstifte („Domina“) zu. Auf sein für Fischbeck in Auftrag gegebenes Exemplar ließ Wilhelm – neben dem Stern des Stiftsordens – auch sein kaiserliches Wappen eingravieren.

„Wesertal im Freudentaumel“

Die feierliche Übergabezeremonie vor hundert Jahren ging äußerst zügig und flott über die Bühne. Um 12.30 Uhr traf der Sonderzug Seiner Majestät im Fischbecker Bahnhof ein. Und exakt eine Stunde später sah man ihn bereits wieder von dannen dampfen.

3 Bilder

Der Begeisterung und dem „Freudentaumel“ der in großen Scharen herbeigeeilten Untertanen tat der „Blitzauftritt“ laut Zeitungsberichterstattung keinerlei Abbruch. „Schon vom frühen Morgen an

waren die festlich geschmückten Straßen unseres Dorfes von einer freudig bewegten Menschenmenge belebt“. An der Strecke zum Stift waren „zahlreiche Vereinsabordnungen und annähernd 3000 Schulkinder aus dem ganzen Kreise“ zum Spalier angetreten. Für einen besonderen Farbtupfer sorgte eine „Ehrenpforte mit Rodenberger Schülern in Nationaltracht“. Auf dem Kirchplatz und auf dem Stiftshofe hatten sich Fahnendeputationen der Krieger- und Turnvereine sowie die Schüler der Rintelner und Hamelner Gymnasien, des Rintelner Lehrerseminars und der Präparandenanstalt (Vorbereitungsschule für Anwärter des Lehrerseminars) aufgestellt.

Begleitet von „vielhundertstimmigen Hurrarufen“, bahnten sich die „allerhöchsten Herrschaften“ in offenen Vierspänner-Kutschen, angeführt von einer Eskorte der Königsulanen, den kurzen Weg durchs Dorf. Besonders bejubelt wurden die kaiserlichen Familienangehörigen. Wilhelm, der die große Generalsuniform trug, hatte Gemahlin Auguste Victoria, den 21-jährigen Prinz Oskar und dessen jüngere Schwester Victoria Luise mitgebracht.

Vor der Abtei war – nebst Äbtissin Antonie von Buttlar und ihren zwölf Stiftsdamen - ein offizielles Empfangskomitee angetreten. Als erste schüttelten der schaumburg-lippische Regierungschef von Feilitzsch als Schirmvogt des Stifts und Landrat von Ditfurth als höchster Gebietsrepräsentant des preußischen Kreises Rinteln den Gästen die Hände. Gemeindepastor Heermann bat die Majestäten, „gnädigst zu gestatten, der hohen Freude, die uns alle erfüllt, Ausdruck geben zu dürfen.“

Nach einer Stunde ist alles vorbei

Er habe „als neuerlichen Beweis seiner Huld und Gnade beschlossen, dem Stift einen Äbtissinnenstab zu verleihen, welcher von der jedesmaligen Äbtissin bei feierlichen Gelegenheiten als Zeichen ihrer Würde getragen werden soll“, wandte sich Wilhelm während der anschließenden Kurzzeremonie in der Kirche der Stiftschefin zu. „Möge er Ihnen und den Ihrer Leitung anvertrauten Damen, wie allen Ihren Nachfolgerinnen ein Symbol sein des göttlichen Steckens und Stabes, dessen wir alle auf unserer Pilgerfahrt zur ewigen Heimat so dringend bedürfen“.

Die Gunst der deutschen Kaiser

Von Feilitzsch, der den Kaiser von dessen zahlreichen Besuchen im Bückeburger Schloss her gut kannte, dankte Wilhelm für dessen großes Interesse am Stift. Fischbeck habe „sich seit seiner Gründung schon immer der Gunst der deutschen Kaiser erfreuen“ dürfen, aber keiner von ihnen habe „dem Stifte so viele Gnadenbeweise zuteilwerden lassen als Eure Majestät“. Zum Schluss „der erhebenden Feier klang glockenrein, mit edler Aussprache und feiner Nuancierung, der Fischbecker Kirchenchor durch den Raum“.

Vor der Rückfahrt zum Bahnhof warf man noch einen kurzen Blick auf den gerade renovierten Kreuzgang und den „gärtnerisch neu angesetzten Klosterfriedhof“, in dessen Mitte Tags zuvor zur bleibenden Erinnerung an den Kaiserbesuch im Kloster Fischbeck eine schön gewachsene Linde gepflanzt worden war – „was Seine Majestät sichtlich erfreute“.

Mit einem tiefen Knicks huldigten die Schülerinnen der Landfrauenschule Obernkirchen den hohen Gästen bei deren Besuch in Fischbeck am 27. August 1909. Auf dem Foto sind (von rechts) die Kaiserin, Schirmherr Freiherr von Feilitzsch (verdeckt), eine Hofdame, Kaiser Wilhelm II. und – hinter einem langen Gardeoffizier – die junge Prinzessin Viktoria Luise zu erkennen. Der gewaltige Findling war fünf Jahre zuvor aus Anlass des ersten Kaiserbesuchs im Jahre 1904 aufgestellt worden.

Fotos von links: Seit ihrem Dienstantritt im Sommer vorigen Jahres hält Äbtissin Uda von der Nahmer den vor hundert Jahren geweihten Krummstab in Ehren. Eine ihrer bekanntesten Vorgängerinnen war Katharina von Rottorp (1556 – 1580). Zu den bedeutendsten Kostbarkeiten des Stiftes gehört der berühmte, Ende des 16. Jahrhunderts von der damaligen Äbtissin Anna von Alten gestiftete, Wandteppich.

Repros/Fotos: gp




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