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Jost Leers präsentiert Patrick Süßkinds Stück im „Schaafstall“ / Von verpasster Liebe und ungenutzten Möglichkeiten

„Der Kontrabass“ – Objekt der Liebe und des Hasses

Bad Münder (hzs). Musik, bildende Kunst und Theater sind die drei Säulen des Kulturprogramms im Egestorfer „Schaafstall“. Vor ausverkauften Haus wurde dem Publikum in der 40. Veranstaltung mit dem Einpersonenstück „Der Kontrabass“ von Patrick Süßkind ein echter Klassiker serviert.

Jost Leers verzweifelt an seinem klobigen Instrument, dem Kontra

Seit zwölf Jahren spielt Jost Leers vom Staatstheater Braunschweig den mitteilungsbedürftigen Kontrabassisten, in dessen kleinem Zimmer sich das Objekt seiner Liebe und seines Hasses, der riesenhaften Kontrabass, breitmacht. Die Enge der nur wenige Quadratmeter großen Spielfläche, spartanisch und dennoch einfühlsam eingerichtet vom Geschäftsführer des Göttinger Kunstvereins, Helmut Wenzel, verstärkt noch die Dominanz des klobigen Instruments.

Am Anfang prahlerisch die einzigartigen Vorzüge seines Instruments ins Publikum schleudernd, schlägt die vermeintliche Liebe des Mannes in Jogginghose und Strickjacke nach einige Flaschen Bier in beißende Kritik, ja blanken Hass um. Immer steht dieser Klangkoloss ihm im Weg – in der Wohnung, in der Liebe, im Leben. Ein Ding, das „man nicht tragen, sondern schleppen muss“, mit dem sich Töne erzeugen lassen, die „klingen, als ob der weiße Hai kommt“, das nach dem Motto „Finger drauf und die letzten Obertöne rauskitzeln“ behandelt werden will.

Allmählich werden Kontrabass und Orchesterarbeit zur Metapher einer humorvollen, gleichwohl überaus treffsicheren Gesellschaftskritik voller Ironie und Sarkasmus. Es sei wie in der Gesellschaft, räsoniert der Musiker, diejenigen, die die Drecksarbeit machten, würden obendrein noch verachtet. Angesichts der „Hierarchien des Könnens und der Begabung“ flüchtet sich der Kontrabassist in Träume von passivem Widerstand: einfach nur mal mitspielen oder gar nicht spielen, voll innerlicher Distanziertheit und Verweigerung.

Wäre da nicht Sarah, die Sängerin, Gegenstand seiner unerfüllten, gänzlich aussichtslosen Liebe. Und so träumt er, während er den Frack zur „Rheingold-Premiere“ anlegt, seinen Altmännertraum vom längst verpassten großen Auftritt, dem einen großen Skandal, der ihm ihre Aufmerksamkeit brächte.

Leers akzentuiert in seinem Spiel die Komik in Süßkinds Stück, lässt das unter der Oberfläche Brodelnde unmissverständlich anklingen. Jene Abgründe von Verzweiflung und Lebensangst, die nicht nur in winzige schalldichte Mansarden zurückgezogene Musiker mitunter befällt. Am Ende anhaltender Applaus für ein eindrucksvolles, sehr differenziertes, schauspielerisches Kabinettstückchen.

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