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Der Iraker Khaled Nazir lebt seit einem Jahr in Bad Münder

BAD MÜNDER. Als sich Khaled Nazir 2003 dazu entschloss, die Spanische Armee zu unterstützen, wurde er für seine Landsleute zum Verräter. In den nächsten Jahren wurde er mehrfach geschlagen, getreten und misshandelt, berichtet der ehemalige Polizist, bevor er im August 2015 den Irak verlässt. Das Ziel: Deutschland.

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Seine Familie – Mutter, Vater, Frau und fünf Töchter – lässt Nazir, der in Wahrheit einen anderen Namen hat, zurück, von seinen Brüdern konnte er sich nicht verabschieden. Sie wurden von amerikanischen Soldaten erschossen, ohne Grund, auf dem Weg zur Arbeit, sagt er*. Die Sterbeurkunden hat er nach Bad Münder gerettet, genauso wie seinen Arbeitsnachweis für die Spanier und seinen Polizeiausweis.

Die Dokumente dienen auch als Begründung für seinen Asylantrag. Würde er in den Irak zurückkehren, würde er wieder misshandelt werden, da ist sich Nazir sicher. Mehr möchte er von sich nicht preisgeben, denn er hat Angst, dass seine Familie im Irak Probleme bekommen könnte, wenn er in Deutschland davon berichtet. „Bei der Polizei gibt es überall Mafia-Strukturen und Korruption“, sagt er.

Sein Weg nach Deutschland ist typisch: Seine erste Station ist die Türkei, wo er einen Tag lang auf einen Schlepper wartet, der ihn nach Griechenland bringt. Von den griechischen Inseln aus geht es über die aus den Nachrichten bekannte Balkanroute: Über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich erreicht Nazir Deutschland. Zunächst landet er in Frankfurt am Main, bevor er zur Erstaufnahme ins niedersächsische Friedland bei Göttingen gebracht wird. Dort stellt er seinen Asyl-Antrag.

Heute sitzt Nazir in einer kleinen Wohnung in der Kernstadt. Im Wohnzimmer stehen ein Couchtisch, ein Sofa und ein kleiner Röhrenfernseher. An den Wänden hängen keine Bilder. Dabei wohnt er schon mehrere Monate dort. Am selben Tag war noch ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung zu Besuch und habe ihn gefragt, ob alles in Ordnung sei.

„Die Menschen sind sehr nett hier“, sagt Nazir. Seitdem er in Deutschland ist, genießt er vor allem das Gefühl der Sicherheit, dass er in seiner Heimat nicht mehr hatte. Kontakte hat er seit seiner Ankunft in Bad Münder allerdings hauptsächlich zu den Flüchtlingen geknüpft, die mit ihm den Deutschkurs besuchen. Es sind mehrere Syrer. Mit ihnen zusammen läuft er auch hin und wieder. Beim Söltjerlauf im Juni haben sie gemeinsam eine Spende über 7 Euro für 26 Kilometer erlaufen. Die Teilnahme-Urkunde hat er in einer Klarsichtfolie verstaut.

Mit seinen Gedanken ist Nazir allerdings immernoch im Irak. Er kontaktiert täglich seine Familie in der Heimat, telefoniert mit seinen Kindern, schreibt Nachrichten über sein Smartphone. „Ich habe keine Hoffnung, dass ich sie nach Deutschland holen kann“, sagt er und blickt dabei auf den Boden. Nur Syrer würden momentan in Deutschland Asyl bekommen, ist er überzeugt. Menschen aus dem Irak nicht.

Bisher wurde nicht einmal sein eigener Asylantrag bewillig. Seit über einem Jahr wartet Nazir auf die Nachricht, ob er in Deutschland bleiben darf oder nicht. Um etwas über seinen Antrag zu erfahren, ist er sogar mit dem Zug wieder nach Friedland gefahren. „Dort hat man mir nur gesagt, ich soll nach Hause fahren und einen Brief schreiben.“ Das hat Nazir gemacht. Eine Antwort gab es auf die schriftliche Anfrage aber auch nicht. Also bleibt ihm nichts übrig, außer weiter zu warten.

Trotz der Angst um seine Familie und die ungewisse Zukunft ist sich Nazir sicher: „Ich will hier bleiben.“ Den ersten Deutsch-Sprachkurs hat er schon absolviert. Für ein paar kurze Sätze reicht es schon. Für den zweiten Kurs drückt er gerade montags bis freitags die Schulbank.

(*Das Gespräch mit Khaled Nazir wurde mit Unterstützung eines Dolmetschers geführt.)



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