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Friedrich Flügge leitete fast 50 Jahre lang das Freilichtspiel / Zur Expo kam das Erfolgsmusical

Der erste Rattenfänger war eine Frau

Die Rattenfängersage wurde in ihrer 725-jährigen Geschichte immer wieder erzählt, aufgeführt und interpretiert. Zeuge einer ganz besonderen Erfolgsstory werden Touristen wie Hamelner jedoch sonntags an der Hochzeitshausterrasse: Das Rattenfängerspiel ist noch immer ein echter Publikumsmagnet.

Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Geschrieben und inszeniert hat das schon 1929 uraufgeführte Stück Magda Fischer, die ihre Aufführungen kontinuierlich ausweitete und es bis zum August 1939 immerhin auf 500 Auftritte brachte. Damals sah Hamelns Innenstadt freilich noch ganz anders aus. Wo heute die Bänke vor der Hochzeitshausterrasse stehen, stand damals das Rathaus. Es wurde nach dem Krieg abgerissen und musste dem heutigen Pferdemarkt weichen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die Hamelner zunächst andere Sorgen. Es galt, in der harten Zeit zunächst das Überleben zu sichern. So dauerte es bis zum Jahr 1949, ehe erste zaghafte Versuche unternommen wurden, das Rattenfängerspiel wiederzubeleben.

Einen echten Neustart gab es erst zu Pfingsten am 13. Mai 1951. Agde Andre nahm sich damals der Inszenierung an und belebte das Spiel durch die Einführung von Tänzen und neuen Figuren. Offenbar traf auch diese Darstellung nicht den Geschmack der Zeit. Denn schon am 19. August 1951 gab es die nächste Premiere: Studienrat Schmidt studierte die Rattenfängersage als echtes Bewegungsspiel ein und Agde Andre lieferte die erneuerte Choreografie. Immerhin: 40 000 Zuschauer sahen in jenem Jahr die Freilichtaufführungen.

Fünf Jahre überdauerte diese Version. Dann übernahm Friedrich Flügge die Leitung der Spielschar und die Regie für die Freilichtaufführungen.

Er sollte erst im Jahr 2005 nach fast fünfzig Jahren feierlich als Ehrenspielleiter der Spielschar verabschiedet werden.

Zeitweise Aufführungen an der Feuerwache

In der Dewezet wurden die jährlichen Premieren journalistisch sorgfältig begleitet und mancherlei Forderungen an die Stadt gestellt: zum Beispiel die Hinweise für die Touristen zu verbessern oder für eine bessere Akustik zu sorgen. Für ein Jahr wanderte die Spielschar mit ihrem Stück sogar an einen anderen Platz: Die Aufführungen wurden in die Alte Marktstraße verlegt, auf den Platz an der dort damals residierenden Feuerwache.

Viele Jahre mussten die Laienspieler ihre Texte ohne Mikrofon und ohne Lautsprecheranlage rezitieren. Oft konnten die Zuschauer in den hinteren Reihen nicht verstehen, was auf der Bühne gesprochen wurde. Erst 1972 verbesserte sich diese Situation: Eine Verstärkeranlage wurde angeschafft und Mikrofone auf der Bühne verteilt. Kritisch waren aber noch die Sichtverhältnisse. Die Terrasse am Hochzeitshaus war nicht allzu hoch und wurde im Jahr 1974 aufgestockt. An dem Erfolgsmodell des jeweils während der Sommersaison aufgeführten Rattenfängerstücks ist seit damals kaum etwas verändert worden. Jährlich beklatschen das mittlerweile über tausendmal aufgeführte Stück rund 100 000 Menschen.

Eine Sensation scheint im Jahr 1978 die Uraufführung des von dem Briten Robert Browning geschriebenen Rattenfänger-Reimgedichts „The pied Piper of Hamelin“ in englischer Sprache gewesen zu sein. Eine englische Laienspielschar war speziell dafür angereist und hatte die Inszenierung auf der Hochzeitshausterrasse den Zuschauern dargeboten. Es war ein Wochenende ganz im Zeichen der Briten, denn auch die hier stationierten britischen Soldaten beteiligten sich an der Gestaltung der Tage mit ihrem Musikzug.

Nicht jedes Stück wurde ein Erfolg

Ein Flop wurde im Jahr 1999 der Versuch, die Rattenfängersage als Musical mit Musik von Wolfgang Henzel noch populärer zu machen. 21 Aufführungen sollte das Landestheater Detmold damals im Theater Hameln über die Bühne bringen, aber nach nur acht Vorstellungen musste Theaterchef Rainer Steinkamp die Reihe enttäuscht abbrechen. Auch das ebenfalls 1999 uraufgeführte Kinderstück „Der Rattenfänger von Hameln“ konnte nicht gegen die Konkurrenz des Freilichtspiels bestehen und verschwand wieder in der Versenkung.

Trotzdem wurde im Expo-Jahr 2000 ein neuer Versuch mit dem Musical „Rats“ gestartet. Ausgestattet mit frechen Texten, attraktiven Kostümen, mit vom Band gespielter Musik des Komponisten Nigel Hess und der von Anke Rettkowski gestalteten Choreografie sorgte „Rats“ für Furore und eine Belebung des Touristenstroms jeweils am Mittwochnachmittag. 40 000 Zuschauer sahen das Spektakel in der ersten Saison, dessen Kosten von einer Sponsorengruppe aufgebracht wurde. Denn die Zuschauer müssen bis heute weder für das sonntägliche Freilichtspiel noch für die „Rats“-Aufführungen Eintrittsgeld bezahlen.




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