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„Der Druck auf die Kinder ist enorm“

Lisa Fischer (18) ist Abiturientin des Albert-Einstein-Gymnasiums in Hameln. Es ist Montag, 20 Uhr, Lisa kommt gerade von der Schule nach Hause. Geht ein normaler Schulalltag heute so lange? Eigentlich hat Lisa eine 32-Stunden-Woche – für Abiturienten nicht außergewöhnlich viel, andere kommen auf 34 oder 36 Unterrichtsstunden. Aber die Schulveranstaltungen verteilen sich häufig bis in den späten Nachmittag. Zwischendurch gibt es Freistunden, so dass Unterricht bis 17 Uhr keine Seltenheit ist.

Autor:

Caroline Düvel

Lisa Fischer (18) ist Abiturientin des Albert-Einstein-Gymnasiums in Hameln. Es ist Montag, 20 Uhr, Lisa kommt gerade von der Schule nach Hause. Geht ein normaler Schulalltag heute so lange? Eigentlich hat Lisa eine 32-Stunden-Woche – für Abiturienten nicht außergewöhnlich viel, andere kommen auf 34 oder 36 Unterrichtsstunden. Aber die Schulveranstaltungen verteilen sich häufig bis in den späten Nachmittag. Zwischendurch gibt es Freistunden, so dass Unterricht bis 17 Uhr keine Seltenheit ist. Wenn dann noch Hausaufgaben zu machen und der nächste Unterrichtstag vorzubereiten sind, wird es wirklich ein langer Schultag. Um die Schüler gut auf das bevorstehende Zentralabitur vorzubereiten, bieten manche Pädagogen auch Zusatztermine zum Unterricht an. In denen wird dann nochmals die Lektüre besprochen, es werden Filme geguckt oder anderer Stoff wiederholt. Dies findet vermehrt am Spätnachmittag oder am Abend statt. Das erfordert nicht nur Flexibilität in der eigenen Wochenplanung, sondern vor allem auch größere Einbußen bei der Freizeitgestaltung.

Ähnlich ist es bei Svenja Rodenberg (17), Schülerin des Hamelner Viktoria-Luise-Gymnasiums. Svenja gehört zum Doppeljahrgang, das sind die Schüler, die 2011 in zwei Jahrgängen gleichzeitig Abitur machen werden: die einen nach 12, die anderen – wie auch Svenja – nach 13 Schuljahren. Svenja spürt die Probleme, die das Zusammenlegen der Kurse der beiden Jahrgänge und der gemeinsame Unterricht mit sich bringen, im Schulalltag deutlich: „Vor allem in Mathe und Bio gab es große Schwierigkeiten. Am Anfang des Schuljahres mussten wir drei Wochen lang den Stoff für die ‚neuen‘ Abiturienten wiederholen, weil die das noch nicht hatten. Jetzt sind wir natürlich in Zeitverzug. Um den vorgesehenen Unterrichtsstoff auch zu schaffen, drücken die Lehrer ganz schön auf die Tube.“

„Der Druck auf die Kinder ist enorm“, kritisiert Kerstin Rodenberg, Svenjas Mutter und Elternvertreterin. Förderkurse seien aufgrund der Umstellung auf nur 12 Schuljahre schon in der Sekundarstufe I überlaufen, und für Zusatzangebote wie die Musik-AG bleibe keine Zeit mehr. Die Schüler müssten mehr Stoff in kürzerer Zeit bewältigen. Das erzeuge Stress, auch bei den Lehrern.

Wie gehen die Schüler mit dem Leistungsdruck um? Was passiert, wenn sie überfordert sind? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Michael Heilemann. Sein Ansatz ist dabei ganzheitlich: Er betrachtet Körper, Geist und Emotion als in Einklang zu bringende Bereiche. Heilemann teilt die Schüler in zwei Gruppen: in „Lernwillige“ und in „Lernverweigerer“. „Gerade im Jugendalter reflektieren junge Menschen ganz stark, stellen viel in Frage, sowohl sich als auch ihre Umwelt. In diesem Prozess sind Erfolgserlebnisse ganz, ganz wichtig“, sagt der Experte. Zeige ein Schüler gute Leistungen in der Schule und werde gelobt, sei dies mit dem Gefühl verbunden, erfolgreich zu sein. Das wiederum steigere das Selbstwertgefühl. Diese Steigerung des Selbstwertgefühls sollte aber laut Heilemann auch aus einem guten Körpergefühl kommen: „Der Körper führt, der Geist folgt. Nur ein trainierter Körper ist leistungsfähig. Wenn der Körper nicht mehr funktioniert, kann man auch nicht mehr denken und fühlen.“ Während die „Lernwilligen“ oftmals körperliche Betätigungen vernachlässigten, hole sich die Gruppe der „Lernverweigerer“ ihre Erfolgserlebnisse fast nur aus dem Training ihres Körpers. Heilemann empfiehlt, die Schüler dort abzuholen, wo ihre größten Defizite liegen, also die kopforientierten Kinder körperlich und die körperfokussierten Kinder geistig fitter zu machen. Körper, Geist und Gefühl in Einklang bringen als Prävention gegenüber Stress und zum Ausgleich von Leistungsdruck – das klingt simpel, ist in der Praxis aber offenbar schwieriger zu realisieren als man denkt.

An diesem Punkt setzt der Förderunterricht der Kooperativen Gesamtschule Salzhemmendorf an. Hier wird als Grundlage für besseres Lernen besonderer Wert auf die „motorische Förderung“ gelegt. Gerhard Bartels, stellvertretender Direktor der KGS, erklärt: „Ausgebildete Sportlehrerinnen und -lehrer kümmern sich insbesondere in den 5. und 6. Klassen um die Beweglichkeit und Bewegung der Kinder. Es gibt mittlerweile viele Schüler, die bewegungseingeschränkt sind oder auch noch nicht schwimmen können.“

Pädagogen und Psychologen sind sich größtenteils einig darin, dass die heutige Informationsüberflutung durch das Fernsehen und Internet zu den größten Schulproblemen führt. Heilemann spricht von einer falschen Prioritätensetzung im Tagesablauf der Schüler. Karl-Heinz Hasemann, Direktor der Realschule Bodenwerder, meint, dass viele Schüler deutlich besser mitkämen und keinen Nachhilfeunterricht bräuchten, würden sie ihre volle Aufmerksamkeit am Vormittag dem Unterricht widmen. „Aber viele setzen ihren Schwerpunkt eher auf Freizeitgestaltung, wodurch es ihnen schwerfällt, sich im Unterricht zu konzentrieren.“ Selbst in der Schule chatten viele über ihr Handy oder sind über Netzwerke wie Schüler-VZ oder Facebook im Internet präsent, um nichts zu verpassen. Um die Störung durch Handys im Unterricht abzuwenden, hat Hasemann einen Extrapunkt in der Schulordnung verankert: „Im Unterricht muss das Mobiltelefon aus sein, sonst wird es vom Lehrer einkassiert und für eine Woche einbehalten, bevor es vom Schüler oder von den Eltern wieder abgeholt werden darf.“

Nicht nur wegen Konzentrationsschwächen und medialer Ablenkung in der Schule boomt das Nachhilfeangebot und die Nachfrage danach. In Deutschland nehmen rund 1,1 Millionen Schüler regelmäßig bezahlten Nachhilfeunterricht in Anspruch, heißt es in einer Studie der Bildungsforscher Klaus und Annemarie Klemm für die Bertelsmann-Stiftung. Das ist etwa jeder achte der neun Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen. Insgesamt geben die Eltern im Jahr bis zu 1,5 Milliarden Euro dafür aus. Einen deutlichen Anstieg in der Nachfrage nach professioneller Nachhilfe verzeichnet auch Steffen Ludwig vom Institut Abacus in Hameln. Insbesondere seit der Umstellung von 13 auf 12 Schuljahre und der Empfehlung für weiterführende Schulen schon nach der 4. Klasse sei die Zahl der Nachhilfeschüler um 20 bis 30 Prozent gestiegen. Ludwigs Unternehmen betreut inzwischen rund rund 300 Schüler in vier Landkreisen. „Schon in der Grundschule herrscht ein großer Leistungsdruck, dem die Kinder häufig nicht gewachsen sind“, sagt Ludwig. „Und es wird mehr Stoff in weniger Jahre gepackt, sodass die Kinder schneller arbeiten müssen als früher.“ Inzwischen kommt ein Viertel seiner Nachhilfeschüler aus der Grundschule. Eine Ursache für schulische Probleme liege aber auch im Elternhaus: Zum Teil seien die Erwartungen an die Kinder zu hoch geschraubt – oder aber die Eltern erkennen den Ernst der Lage nicht, in dem sich das Kind befinde. Dabei spiegele sich auch der gesellschaftliche Wandel in den Nachhilfezahlen wider: „Ein Großteil der Nachhilfeschüler stammt aus Haushalten Alleinerziehender“, erklärt Ludwig. „Es ist klar, dass in einer solchen Situation die berufstätige Mutter oder der arbeitende Vater oftmals gar nicht den Betreuungsaufwand leisten können, der eigentlich für den Schüler nötig wäre.“

Auch die unterschiedlichen Schulen haben ihre Angebote hinsichtlich Nachhilfe aufgerüstet. Mit speziellen Herausforderungen hat dabei insbesondere die Hamelner Südstadtschule, eine Grund- und Hauptschule, zu kämpfen. Schulleiter Manfred Wilcken stellt die Besonderheiten seiner Schule so dar: „Ein Großteil unserer Schülerinnen und Schüler kommt aus Hartz-IV-Familien. Häufig haben sie einen Migrationshintergrund, sind also keine Deutschmuttersprachler. Weil sie selbst mit Sprachproblemen kämpfen, können viele Eltern ihren Kindern bei den Schulproblemen keine Hilfe bieten.“ Hinzu komme, dass sich ein großer Teil der Elternschaft professionelle Nachhilfe für ihre Kinder gar nicht leisten könne. Wilcken reagiert, indem er von seinem Schulbudget eine Pädagogische Mitarbeiterin beschäftigt. Diese leistet insbesondere in den 3. und 5. Klassen, also wenn es um die Qualifizierung für die weiterführende Schule geht oder wenn der Schulwechsel gerade stattgefunden hat, Hausaufgabenhilfe und Betreuung. Aufgrund der schwierigen finanziellen Lage kann Wilcken diese pädagogische Kraft allerdings nicht dauerhaft beschäftigen. Deshalb sind die Grundschüler mehr denn je auf das ehrenamtliche Engagement von „Leseeltern“ angewiesen. Dies sind Mütter, Väter oder auch Senioren, die in Absprache mit den Klassenlehrern an einzelnen Tagen in die Schule kommen, um in Kleingruppen mit den Kindern lesen zu üben.

Insbesondere an Realschulen und Gymnasien sind vor allem die „Schüler-helfen-Schüler-Angebote“ als Nachhilfeform beliebt, in denen Jugendliche aus höheren Klassen als Tutoren auftreten. Jeder Tutor bietet Nachhilfe in einem Fach seiner Wahl an für ein bis drei Schüler. Dies geschieht nach der regulären Schulzeit. Karl-Heinz Hasemann hat an der Realschule Bodenwerder sehr gute Erfahrungen mit diesem System gemacht: „Im Vergleich zur Nachhilfe gegen reguläre Bezahlung ist der Vorteil unseres Systems, dass es gerade die Nachhilfebedürftigen aus sozial schwächer gestellten Familien nicht benachteiligt und niemanden vom Bildungszugang ausgrenzt.“ Für den symbolischen Betrag von einem Euro pro Stunde erhalten die Nachhilfeschüler Unterstützung. Der Differenzbetrag zum Verdienst der Tutoren von rund 4 Euro pro Stunde wird aus einer Elternhilfskasse finanziert.

Auch Lisa Fischer war bis vor kurzem Tutorin am Albert-Einstein-Gymnasium, sie hatte einmal wöchentlich in der 7. und 8. Stunde Nachhilfe in Englisch angeboten. Ihre Erfahrungen: „Das hat nicht nur den Nachhilfeschülern, sondern auch mir selbst etwas gebracht. Ich musste mich ja auf jede Stunde vorbereiten und habe dann für jede Sitzung ein anderes Grammatikthema rausgesucht.“ Aber leider bleibe auch dafür jetzt im Abiturjahr keine Zeit mehr, was Lisa sehr bedauert.

Schüler unter Leistungsdruck, mehr Lernstoff in kürzerer Zeit – seit die Gymnasialzeit um ein Jahr verkürzt wurde, boomt die Nachhilfe. Ein Einblick in den Schulalltag.




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