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Wie Strafgefangene mit der Welt jenseits der Gefängnismauern kommunizieren – auf legalem und auf illegalem Weg

Der Draht nach draußen

Wenn Christiane Jesse über die Funktion des Strafvollzugs spricht, benutzt sie die so undurchdringlich wirkenden Gefängnismauern gern als Projektionsfläche. Was sie beschreibt, erzeugt im Kopf Bilder von muskelbepackten, glatzköpfigen Häftlingen, die junge Neuankömmlinge mit Vergewaltigungs-Orgien willkommen heißen, Bilder von Hochsicherheitstrakten und Fußfesseln, Bilder von Isolationshaft, in der Gefangene so lange in ihrer eigenen Rache schmoren, bis man sie wieder auf freien Fuß setzt – abgegliedert, ohne Perspektive. „So“, berichtet Jesse, „sieht es in vielen amerikanischen Gefängnissen aus.“ Und so soll es hier, in der Jugendanstalt Hameln (JA), die die studierte Psychologin seit 2002 leitet, eben nicht aussehen.

Wiebke Kanz

Autor

Wiebke  Kanz Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite

Jedes Mal, wenn etwas von den Mechanismen hinter Gittern nach außen dringt – wie zuletzt im hessischen Hünfeld, wo rechtsextreme Gefangene aus der Haft heraus ein Neonazi-Netzwerk aufzubauen versuchten –, jedes Mal werden dann Stimmen der Empörung laut über die vermeintlichen Freiheiten derer, denen die Freiheit entzogen wurde. Wie, die dürfen Briefe schreiben? Telefonieren? Sogar Anzeigen in Zeitschriften schalten? Dabei liegt die Lösung für jedwede kriminelle Aktivität in der Haftanstalt doch so nahe: wegsperren und abschotten. Und alles, alles verbieten.

„Der Rechtsstaat, in dem wir leben“, erklärt Jesse, „hört an der Gefängnismauer ja nicht einfach auf.“ Auch Strafgefangene haben, in eingeschränktem Umfang, Rechte: Das Leben im Vollzug soll den allgemeinen Lebensbedingungen so weit es geht angepasst werden, so will es das Niedersächsische Strafvollzugsgesetz. „Das gilt für alle Strafgefangenen“, so Jesse weiter, „im Bereich des Jugendvollzugs ist dieser Grundsatz aber besonders zu fördern.“

Im Schnitt 1,8 Jahre verbüßt jeder der männlichen jugendlichen und heranwachsenden Straftäter in der JA. 1,8 Jahre, die vom ersten Tag an der Resozialisierung der jungen Straffälligen dienen: „Für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft sind soziale Kontakte unendlich wichtig“, weiß die Leiterin der größten Jugendanstalt Deutschlands. Kommunikation ist daher – unter bestimmten Auflagen und mit gewissen Einschränkungen – erlaubt.

Handys sind im geschlossenen Vollzug grundsätzlich verboten. Um zu verhindern, dass die Gefangenen dennoch Geräte mit sich führen und heimlich benutzen, passieren sie auf ihren täglichen Wegen zwischen Unterkunft, Ausbildungsbereich und Schule Metalldetektoren. Darüber hinaus verfügt das Gefängnispersonal über die technischen Mittel, Mobiltelefone aufzufinden. „Diese schlagen allerdings nur an, wenn das Handy eingeschaltet ist“, berichtet Wolfgang Kuhlmann, der Stellvertreter Jesses. Deshalb finden in regelmäßigen Abständen Kontrollen der Zellen, Küchen, Gemeinschafts- und Sanitärräume statt, mal nach „Sicht“, mal mit Werkzeug (sogenannte Revisionen), um beispielsweise auch Lichtschalter und Regale abmontieren und untersuchen zu können. „Jeder einzelne Raum wird mindestens einmal monatlich überprüft“, so Kuhlmann weiter. Dennoch: Funde von Handys gibt es in der Jugendanstalt immer wieder. „Generell finden wir regelmäßig unerlaubte Sachen“, verrät Kuhlmann, „das sagt uns A: dass die Aktivität hoch ist, B: dass wir einen Teil dieser Aktivität verhindern, und dass wir C: dennoch nicht alles 100-prozentig unterbinden können.“

„Als die Anstalt gebaut wurde, war sie auf besondere Sicherheitsstandards gar nicht ausgerichtet“, erklärt Jesse. Während moderne Vollzugsanstalten mit Vorfeldern ausgestattet sind, mit einem gewissen Abstand zwischen Gefängnismauer und Innenhof also, beginnt in Hameln „das Leben direkt hinter der Mauer“. Überwürfe sind daher keine Seltenheit, und auch wenn die Freiflächen der 20-Hektar-Anlage jeden Morgen von einem Mitarbeiter mit Spürhund kontrolliert werden: Das eine oder andere Mobilfunkgerät findet immer einen Finder. „Ein Störsender würde uns die Arbeit erleichtern“, sagt Kuhlmann. Um einen solchen betreiben zu können, müsste allerdings gewährleistet sein, dass die Störwirkung an der Gefängnismauer endet. Und eben dies ist zurzeit technisch noch schwer umzusetzen. „Und sehr teuer ist es auch“, fügt Kuhlmann hinzu.

Auch das Internet ist innerhalb der Gefängnismauern nicht frei zugänglich – mit Ausnahmen: „Wir können nicht einfach so tun, als gäbe es diese Technik nicht“, sagt JA-Chefin Jesse. „Allein schon, um Wege ins Berufsleben nicht zu verbauen, müssen die jungen Gefangenen mit dem Internet vertraut sein.“ In der Gefängnisschule wird daher mit Computern gearbeitet, über die auf bestimmte Internetseiten zugegriffen werden kann. Das Ganze funktioniert über eine Positivliste: Anders als bei den meisten Kindersicherungen, bei denen bestimmte Seiten oder Suchbegriffe gesperrt werden, werden hier Ausnahmen von der Sperre definiert. Bestimmte Webseiten, „die der Wiedereingliederung dienen“, Angebote von Bewährungshilfe- und Suchtberatungsstellen, Ausbildungs- und Jobvermittlungs-Portale etwa, können von den Schulrechnern aus besucht werden.

Die Entwicklung, da ist sich die JA-Leitung einig, werde in den nächsten Jahren dahingehen, die Internetnutzung im Strafvollzug über den Schulunterricht hinaus zu ermöglichen. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Gefangene auch in ihren Zellen Internet haben“, ist sich Jesse sicher. In Wolfenbüttel werde derzeit ein Haftraum-Medien-System erprobt, das auch die Kommunikation via E-Mail zulässt – ebenfalls über eine Positivliste.

Handys sind tabu – das heißt aber nicht, dass Strafgefangene nicht telefonieren dürfen: In der JA Hameln sind die Insassen während ihrer Vollzugszeit in Wohngruppen untergebracht. Acht Gefangene leben in jeweils einer Wohngruppe zusammen, pro Gruppe steht ein Telefonapparat zur Verfügung. Obwohl die Benutzung auch hier über eine Positivliste geregelt ist, die nur geprüfte Nummern etwa von Verwandten oder Partnern enthält, ist ein Missbrauch schwer zu kontrollieren. „Es ist immer möglich, dass Angerufene den Hörer weitergeben, mitunter auch an Personen, zu denen der Häftling eigentlich keinen Kontakt haben soll“, führt Kuhlmann aus. Zudem ließe sich auch die Weiterleitungsfunktion, anders als beim Internet, nicht sperren. „Wir fühlen dadurch, dass wir nicht jedes Gespräch überwachen können, die Sicherheit unserer Anstalt aber nicht gefährdet“, sagt der stellvertretende JA-Chef, „und das ist immer noch besser, als alle Leitungen nach draußen zu kappen. Ein Telefonat ist ein wichtiges Mittel gegen Einsamkeit.“ Zudem: Viel Zeit für endlose Gespräche am Hörer bleibt im Knast-Alltag nicht. Zwischen Arbeit oder Schule, der Stunde im Freien und dem Nachteinschluss, der zwischen 19 Uhr und 19.30 Uhr erfolgt, bleiben höchstens zwei Stunden, in denen auch noch geduscht, gekocht und geputzt werden muss. Und die Schlange am Telefonapparat ist lang…

Da Internet und E-Mail als Kommunikationskanäle wegfallen, bleibt den Insassen der Jugendanstalt Hameln zum Schriftverkehr nur der gute alte Brief. Artikel 10 des Grundgesetzes, der das Brief- sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis regelt, gilt auch für Strafgefangene. Aber: Aus der Anstalt hinaus und in die Anstalt hinein dürfen nur Umschlag, Marke und Briefpapier. Bevor eine Sendung auf den Postweg gebracht wird, gibt es deshalb eine Sichtkontrolle: Das Gefängnispersonal prüft, ob sich etwa Geld, Zeichnungen oder Gegenstände im Kuvert befinden. Dasselbe gilt für den Empfang von Briefen und Paketen: Wie am Flughafen werden diese durchleuchtet und auf verbotene Gegenstände und Substanzen hin untersucht.

„Gelesen, überwacht oder gar untersagt werden darf ein Schriftwechsel aber nur auf besondere Anforderung hin“, erklärt Kuhlmann: dann nämlich, wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass der Inhalt des Schreibens Sicherheit und Ordnung gefährdet oder dass jemand Opfer oder Zeugen einzuschüchtern oder Aussagen mit Mittätern abzustimmen versucht. „Nur weil die Stimmung wegen des Falls in Hessen derzeit aufgeheizt ist, können wir keine generellen Textkontrollen durchführen“, stellt Jesse klar: Jede Kontrolle bedürfe einer Einzelfallprüfung, und für diese wiederum brauche es Anhaltspunkte.

Ist eine Textüberwachung einmal beantragt, hat die Jugendanstalt ein besonderes Auge auf verschlüsselte Botschaften: Die Mitarbeiter sind auf die Erkennung bestimmter Codes hin geschult, die auch über die in der rechten Szene gängigen Grußformeln wie 88 (zweimal H, der achte Buchstabe des Alphabets, für „Heil Hitler“) hinausgehen. Daneben achtet man besonders auf islamistische Zeichen und Inhalte, denn unter den Häftlingen, von denen etwa 50 Prozent einen Migrationshintergrund haben, ist das Bemühen, sich subkulturell zu gruppieren, groß. Indem die Wohngruppen „durchmischt“ werden, versucht die JA, dieses Problems Herr zu werden.

Vier Stunden im Monat dürfen die Gefangenen im Jugendstrafvollzug Besuch empfangen. Die Besucher passieren eine Kontrolle mit Metalldetektor, bei der beispielsweise auch die Schuhe ausgezogen und Taschen oder Rucksäcke abgenommen werden. Entkleidet und angefasst werden dürfen Besucher aber nicht, genauso wenig wie im videoüberwachten Besuchsraum jeder Winkel zu jeder Zeit eingesehen werden kann. „Wir können nicht verbieten, dass Mütter ihre Söhne umarmen, und wir können auch nicht ausschließen, dass Oma ihrem Enkel Pillen oder Zettel zusteckt“, sagt Kuhlmann. Denn: Gefangene sind kreativ, immer wieder gelingt es, verbotene Gegenstände etwa in Baby-Windeln in den Knast zu schmuggeln.

Das kürzlich aufgeflogene Neonazi-Netzwerk in deutschen Gefängnissen lässt viele Fragen offen: In welchem Umfang dürfen Strafgefangene mit der Welt „draußen“ in Verbindung stehen? Welche Kontaktwege unterliegen welchen Kontrollen? Damit die Resozialisierung der rund 600 Gefangenen der Jugendanstalt Hameln gelingt, werden Kontakte nach draußen hier besonders gefördert – Kommunikation unter verschärften Bedingungen.




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