×
Drinnenoder draußen?

Der Betreuungsanspruch –Theorie und Praxis

Elena Ringmann (Name von der Redaktion geändert) hat in den letzten Wochen viel telefoniert. Mehrere Kitas in Hameln hat sie angefragt – auf der Suche nach einem Platz für ihre Tochter, die im Dezember geboren wurde. Ihr Plan klang einfach: Ab Dezember 2013 wollte die 32-Jährige, die bei einem Reiseveranstalter gearbeitet hat, wieder in ihren Beruf einsteigen. Dann wäre ihre Tochter ein Jahr alt und Ringmann hätte einen Anspruch auf einen

Tiedi

Autor

Andrea Tiedemann Reporterin (in Elternzeit) zur Autorenseite
Anzeige

Mitte November? „Wie soll ich da planen?“, fragt Ringmann, „das ist eine furchtbare Situation.“ Bei ihrem alten Arbeitgeber könne sie sich schließlich erst zurückmelden, wenn sie ihre Tochter sicher betreut weiß. „Ich dachte eigentlich, mit dem Rechtsanspruch lässt sich das nun gut regeln.“ Doch nun ist sie eine der Frauen, die ungewollt Versuchskaninchen des neuen Rechtsanspruches werden. Denn niemand kann Ringmann sagen, ob in den ersten Monaten in den Krippen Plätze frei werden, weil jemand abspringt oder ein Kind in eine andere Gruppe wechselt. Auf eine Tagesmutter ausweichen? Das ist für die junge Mutter keine Alternative. „Eine Krippe finde ich für mein Kind schöner“, sagt sie, zudem sei sie natürlich auch günstiger. So wie Ringmann geht es vielen ihrer Bekannten, sagt sie. „Man hängt in der Luft.“ Zwar habe die Stadt sich bemüht, die Plätze werden aber nicht reichen, meint sie.

Laut letzten Berechnungen der Stadt sind in Hameln noch 32 Kinder ohne Kitaplatz – ihre Namen stehen wie die von Ringmanns Tochter auf einer Warteliste. Im Landkreis Holzminden werden für das laufende Jahr schätzungsweise 540 Plätze benötigt, zum heutigen Stichtag stehen 458 Plätze in Krippen und bei Tagespflegestellen zur Verfügung. Fehlen also rechnerisch mindestens 82. Bei der Stadt Bad Pyrmont hingegen sind bisher keine Fälle von unversorgten Kindern bekannt. Ob die bereitgestellten 105 Plätze aber ausreichen, ist unklar. Auch im Landkreis Schaumburg, der 803 Krippenplätze bereitstellt, sind bisher keine Fälle bekannt, wo Kinder unversorgt bleiben könnten. All diese Zahlen sind bisher reine Theorie. Ringmann bringt das wenig. „Ich würde sogar klagen“, sagt sie, „aber ich habe gar nichts in der Hand, gegen das ich klagen könnte.“ Die Stadt nämlich verschickt keine ablehnenden Bescheide, gegen die man sich zur Wehr setzen könnte. Denn: Wer auf der Warteliste steht, hat ja noch keine feste Absage. Das erklärt womöglich, warum die erwartete Klagewelle das zuständige Verwaltungsgericht Hannover bisher nicht erreicht hat. „Null Klagen“, sagt Sprecher Ingo Behrens, auf die Frage, wie oft sich die Richter bereits mit fehlenden Kitaplätzen beschäftigen mussten. Damit hätten selbst die Richter selber nicht gerechnet, so Behrens. Ob es tatsächlich genügend Plätze gibt, formale Schwierigkeiten im Wege stehen oder die Eltern einfach keine Lust auf einen Rechtsstreit haben, wird sich noch zeigen.

Das könnte Sie auch interessieren...

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass es Chaos mit der Einführung eines Betreuungsanspruchs gibt. Seit 1996 können Eltern von drei- bis sechsjährigen Kindern einen Kindergartenplatz einfordern. Bereits damals hatten Eltern, Behörden und Gerichte zu kämpfen. „Nicht zu Ende gedacht“ titelte damals die Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Frist zu knapp, die Kommunen zu klamm, das Personal dürftig – die Argumente sind heute ähnlich. Und auch die Befürchtungen: Die Gruppen werden größer, die Betreuung durch den Kostendruck schlechter. Und auch heute steht wieder die Frage im Raum: Wie soll der Anspruch praktisch eingelöst werden? Denn theoretisch steht ja jeden Tag ein neues Kind auf der Schwelle der Kita, weil es gerade die Altersgrenze erreicht hat. Zum jeweiligen Tag individuell freie Plätze zu schaffen, scheint für die Kitas schlicht nicht möglich zu sein. Kitas, Eltern, Kommunen – alle ächzen unter der Last des neuen Gesetzes.

Dabei bringt das Betreuungsgeld, das ab August als Krippen-Alternative gedacht war, wenig Entspannung in die Diskussion. 100 Euro monatlich pro Kind, ab 1. August 2014 dann 150 Euro, steuerfrei – das ist auch für Ringmann nur ein „Taschengeld, ein nettes Zubrot“. Doch ihr geht es nicht nur ums Geld, sondern vor allem darum, wieder in den Job einzusteigen. Ähnlich denken offenbar viele Eltern: Im Landkreis Hameln-Pyrmont wurden bisher nur neun Anträge auf Betreuungsgeld gestellt. Im Landkreis Schaumburg war es ein Antrag; zehn Eltern haben Formulare angefordert. Und auch im Kreis Holzminden sieht es ähnlich aus: Nur fünf Anträge liegen dort vor. Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund bestätigt diesen Trend landesweit. „Die Inanspruchnahme ist sehr gering“, sagt Sprecher Thorsten Bullerdiek. Einige Kommunen bemängelten, dass die offiziellen Antragsformulare erst sehr spät verschickt wurden. „Daran kann man natürlich Kritik üben“, sagt Bullerdiek, dennoch prophezeit er, dass die Nachfrage „nicht so dolle“ werde.

Fast alle brauchen oder wollen einen Krippenplatz: Dabei steht die Frage, was gut für das Kind ist, selten im Vordergrund. Der Entwicklungspsychologe Martin Dornes aus Frankfurt stellt die Situation so dar: Vor allem in den ersten zwei Jahren sei es für die Entwicklung einer stabilen Bindungsfähigkeit wichtig, dass die Krippengruppe klein sei und die Betreuungsperson nicht mehrfach wechsele. Laut Bertelsmann-Stiftung würden Kinder dann ihre sprachlich-kognitiven und sozialen Fähigkeiten besser entwickeln. Optimal für diese Zeit sei ein Betreuer-Kinder-Schlüssel von höchstens 1:5, besser sei 1:3. Tagesmütter in Hameln liegen genau in diesem Bereich – sie dürfen maximal bis zu fünf Kinder gleichzeitig betreuen. In Deutschlands Kitas hingegen weht häufig ein anderer Wind, vor allem in den ostdeutschen Bundesländern. Schlusslicht im Ländervergleich ist Sachsen-Anhalt: Hier kommen auf eine Vollzeitkraft 6,5 Kinder. In den Krippengruppen in Niedersachsen sieht es besser aus: Eine Vollzeitkraft betreut rein rechnerisch vier Ganztagskinder (1:4,0) – das liegt zumindest noch über dem Bundesdurchschnitt von 1 zu 4,5. Als einziges Bundesland erreicht Bremen annähernd das Ideal-Verhältnis mit 1 zu 3,1.

Doch neben dem Betreuungsschlüssel kommt es auch auf die Zusammensetzung der Kita-Gruppen an. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung verschlechtern sich die Bildungschancen der Kleinsten, wenn sie statt einer Krippe, in der nur Unter-Dreijährige sind, Gruppen besuchen, in denen auch ältere Kinder betreut werden. In Niedersachsen gilt dies für annähernd 70 Prozent der Kita-Kinder unter drei Jahren. Dass viele Einrichtungen auf gemischte Gruppen setzen, verwundert nicht – bedenkt man, wie flexibel sie auf den Bedarf reagieren müssen.

Vielleicht wird sich die Betreuung der Unter-Dreijährigen bald einpendeln. Vielleicht wird ein Krippenplatz einmal genau so selbstverständlich sein wie der Kindergartenplatz heute schon. Vielleicht. Frau Ringmann mag noch nicht recht dran glauben.

Heute ist es so weit: Eltern von ein- bis dreijährigen Kindern können einen Betreuungsplatz einfordern. Doch wie ist der Anspruch praktisch umsetzbar? Was ist gut für das eigene Kind? Erste Gehversuche auf einem größtenteils unbekannten Gebiet.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt