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Vom Theologiestudium bis hin zur gescheiterten Schauspielkarriere: Die Zeit des späteren Schriftstellers in Thüringen

Der arme Poet – wie Karl Philipp Moritz in Erfurt lebte

Wer gut studieren will, der komme nach Erfurt“, sagte bereits Martin Luther. So verbrachte auch der 1756 in Hameln geborene Schriftsteller und Schauspieler Karl Philipp Moritz einige Zeit in Erfurt, um dort zu studieren – obwohl er eigentlich anderes vorhatte. Katharina Christina Müller bewegt sich durch die thüringische Landeshauptstadt auf den Spuren des Aufklärers und einstigen Freundes Goethes.

Autor:

Katharina Christina Müller

Heimlich bricht Karl Philipp Moritz im Sommer 1776 in Richtung Weimar auf. Als Schauspieler möchte er sich dort der Wanderbühne von Johann Konrad Dietrich Ekhof anschließen. Die Türme der Stadt erblickt er bereits von einem Dorf aus, in dem er Rast macht. Eine Stadt von der Größe Erfurts – so etwas hat Moritz vorher nicht gesehen. Ungewohnt ist für ihn der Anblick. In die Stadt kommt der junge Moritz über den Anger, die damalige Hauptgeschäftsstraße und Handelsplatz Erfurts.

Noch heute ist der Anger ein beliebter Ort zum Einkaufen mit den zahlreichen Geschäften und dem Einkaufszentrum „Anger 1“. Gleichzeitig ist er Dreh- und Angelpunkt für alle Straßenbahnlinien – hier herrscht meist geschäftiges Treiben.

Obwohl Moritz sich die Stadt sogleich genauer anschaut, bleibt es nur bei einer kurzen Stippvisite in Erfurt. Von einem Wirt erfährt er, dass Ekhof mit seinem Wandertheater nicht in Weimar oder Erfurt gastiert. Er ist bereits weitergereist nach Gotha. So bricht auch Moritz nach Gotha auf.

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Doch der Hamelner hat kein Glück: Von der Wandertruppe wird er abgewiesen. Und er findet auch keine andere Anstellung, also kommt er zurück nach Erfurt. Moritz bittet den Prorektor der Universität, zugleich Abt des Benediktiner-Klosters auf dem Petersberg, um Aufnahme an der Universität. Der Prorektor, ein menschenfreundlicher Mann, versorgt Moritz mit Geld und schickt ihn zum Theologen Friedrich Froriep. Dieser findet Gefallen an Moritz, nimmt ihn mit zu einer Vorlesung in den Hörsaal des Collegiums. Darauf bittet er den Prorektor um die kostenlose Aufnahme Moritz’ als Student der Theologie. Der Bitte wird stattgegeben. Die Immatrikulation erfolgt am 6. August 1776 und kann in den Universitätsprotokollen nachgeschlagen werden.

Die Zitadelle Petersberg, wo Moritz einst den Prorektor aufsucht, ist eine beeindruckende Festungsanlage. Auf ihr steht neben Wirtschaftsgebäuden und einer Festungsbäckerei die renovierte Klosterkirche St. Peter und Paul. Heute werden spannende Führungen durch die alten Wehrgänge angeboten. Aber auch der Ausblick von der Zitadelle lädt zum Verweilen ein.

Das Collegium Maius der Alten Universität, wo Moritz seinerzeit Vorlesungen besuchte, wird im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen. Bis auf die Fassade und das Portal ist es zerstört worden. Während der DDR-Zeit hat man das Portal erneuert. Doch es soll bis 1995 dauern, ehe die Stadt Erfurt damit beginnt, das Gebäude von außen ansehnlich herzurichten. Erst 2008 zeigt die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands (EKM) Interesse und erwirbt das Collegium Maius sowie die angrenzende Bibliothek, die den Bombenangriff schadlos überstand. Seitdem wird wieder renoviert. „Wir haben natürlich auch ein Stück Neubau, bemühen uns aber um die Rekonstruktion der Nordfenster und der Schmuckteile. Das äußere Erscheinungsbild soll wie früher sein“, erklärt Kirchenoberbaurat Bernd Rüttinger. 2011 soll das Collegium Maius der Sitz des Landeskirchenamts der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands werden.

Die heutige Universität befindet sich im Norden der Stadt auf einem modernen Campusgelände. Derzeit sind dort rund 4700 Studierende in die Geistes-, Kultur- und Gesellschaftswissenschaften eingeschrieben. Die Hochschule ist zugleich eine der ältesten und eine der jüngsten Universitäten Deutschlands: Nachdem sie 1392 ihren Lehrbetrieb aufgenommen hatte, wurde sie 1816 geschlossen, 1994 aber neu gegründet.

Doch zurück ins 18. Jahrhundert: Moritz findet Gefallen am Studentenleben. Die Vorlesungen bei Professor Froriep sind zur Erheiterung der Studentenschaft mit lustigen Anekdoten versehen. Seinem Schützling besorgt Froriep einen Tisch und eine Bleibe. So wohnt Moritz zunächst bei einem Fechtmeister. Während seiner kurzen Zeit in Erfurt – er blieb nur ein Semester lang – muss er jedoch drei Mal umziehen, meist aus finanziellen Gründen. Als es ihm aus ebensolchen an Wäsche mangelt, bekommt er die Missachtung seiner Kommilitonen zu spüren. Moritz’ Studentendasein wird zu einem Auf und Ab der Gefühle. Seinen Fürsprecher Froriep kann er mit Gedichten beeindrucken. Trotzdem wird sein Wunsch, in der Kaufmannskirche eine Predigt zu halten, nicht erhört. Der Professor übt mit seinen Studenten einmal in der Woche hinter verschlossenen Türen in der Kaufmannskirche das Predigen. Ein Erfolgserlebnis hat Moritz dennoch: Er wird Mitarbeiter der Wochenschrift „Der Bürger und der Bauer“, die vom Buchdrucker Gradelmüller in Erfurt verlegt wird. Als der junge Schriftsteller allerdings kein Honorar bekommt, wirft ihn der Student, bei dem er untergekommen ist, aus der Wohnung.

Als Nächstes zieht Moritz bei einem Brauer ein. Sein Haus liegt nahe der Stadtmauer, auf der Moritz oft sitzt und das Kartäuserkloster betrachtet. Das Treiben im Kloster muss den jungen Schriftsteller tief beeindruckt haben, überlegte er doch, selbst als Mönch dort einzutreten. Gemeinsam mit einem Freund besucht er den Gottesdienst in der Kartäuserkirche.

Heute ist das Gelände des Kartäuserklosters als Wohnanlage umgebaut und liegt in einer urigen, ruhigen Straße der Löbervorstadt. Zwei kleine gotische Kapitelräume und der Kolloquiumssaal des Klosters sind 2007 von einem Kunst- und Antiquitätenhandel gekauft und liebevoll renoviert worden. „Die Bodenfliesen haben wir aus Frankreich beschafft, und die Stuckdecke im Kolloquiumssaal haben wir von einem Spezialisten ausbessern lassen“, sagt Besitzerin Hebe Hoffmann-Becking. Inzwischen werden in den Räumen Gemälde, Silbergeschirr und antike Möbel zum Verkauf ausgestellt. „Von Zeit zu Zeit gibt es hier auch Konzerte und Buchlesungen“, so Hoffmann-Becking.

Die Kartäuserkirche schließt sich direkt an die Räume des Kunst- und Antiquitätenhandels an. Sie ist innen entkernt, doch die Grundmauern und das Dach stehen noch. Hier sollen exklusive Wohnungen entstehen. Die barocke Westfassade der Kartäuserkirche von 1728 ist renovierungsbedürftig, aber gut erhalten und sehr beeindruckend. Wer abseits der Touristenströme ein Kleinod entdecken will, für den lohnt sich ein Abstecher hierher.

Moritz wird seinerzeit durch seine Gedichte in der Wochenschrift als Schriftsteller bekannt. Außerdem übernimmt er die eine oder andere Rolle bei von Studenten aufgeführten Komödien. Er gilt als steter Besucher der Universitätsbibliothek, die sich direkt hinter dem Collegium Maius befindet. In seiner Freizeit wandert er mit einem Freund zum Steigerwald.

Doch diese Glücksmomente werden jäh zerstört, als der Brauer ihm die Bleibe kündigt, weil Moritz nicht zahlen kann. Er will Erfurt sofort verlassen. Doch Froriep kann ihn überreden zu bleiben. So streift Moritz in der Gegend des Kartäuserklosters umher und sucht im Dom Schutz vor dem widrigen Wetter, als er auf einen Freund trifft, der seine Schulden bezahlt.

Moritz bleibt also in Erfurt. Er versucht sich erneut als Schauspieler, diesmal bei einem Wandertheater. Das Vorhaben erzürnt Froriep sehr, und dem Prinzipal der Theatertruppe wird mit Konzessionsentzug gedroht, falls er keinen anderen Schauspieler nähme. Doch Moritz plant, sich der in Erfurt gastierenden Theatertruppe anzuschließen. Er verlässt die Stadt in Richtung Leipzig. Dort hat die Theatergruppe ihre nächsten Auftritte geplant. Allerdings stellt sich bald heraus, dass der Prinzipal die Garderobe verkauft und sich mit dem Geld davongemacht hat.

Wie geht die Reise von Karl Philipp Moritz weiter? Lesen Sie in unseren nächsten Samstagsausgaben, was den gebürtigen Hamelner in Gotha und Weimar erwartete.

Darüber staunte einst schon Moritz: die Stuckdecke im Kolloquiumssaal des Erfurter Kartäuserklosters (links) und das Collegium Maius der Alten Universität.

Die Westfassade der Kartäuserkirche: 1728 gestaltete Maximilian von Welsch die Fassade mit barocken Elementen.

Fotos: Müller




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