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Der Aal – bald gibt es ihn nicht mehr

Der Europäische Aal, Fisch des Jahres 2009, steht kurz vor dem Aussterben. Das ist die Einschätzung des Internationalen Rates für Meeresforschung. Der World Wide Fund for Nature (WWF) fordert nun Fangstopp und Konsumverzicht: Seit den achtziger Jahren soll der Aalbestand um über 90 Prozent zurückgegangen sein. Nicht nur die großen Organisationen, sondern auch heimische Fischfreunde sorgen sich. „Die Entwicklung des Aalbestandes ist dramatisch“, urteilt Wilhelm Wehrhahn, 2. Vorsitzender des Sportfischer-Vereins Hameln und Umgegend.

Steht kurz vor dem Aussterben: Der Europäische Aal.  Fotos: pr.

Autor:

Jessica Janson

Wehrhahn kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen er in einer Nacht sieben bis acht Aale geangelt hat. „Das ist aber schon 40 Jahre her“, erzählt er. Heute hingegen sei ein Aalfang beinahe eine Seltenheit. Und das, obwohl der Fisch nicht nur in der Weser, sondern auch in kleineren Flüssen und Gewässern wie dem Doktorsee zu finden ist. Diese Einschätzung bestätigt auch Karl Tiedermann vom Fischereiverein Rinteln. „Von unseren Mitgliedern höre ich häufig, dass es keinen Aal mehr gibt“, sagt er. Genauere Zahlen hat Lothar Wolters, Geschäftsführer der Fischereigenossenschaft in Hameln: „In den letzten zwanzig Jahren sind die Fangdaten um 60 bis 70 Prozent zurückgegangen.“ Konkreter: Hatte der Sportfischereiverein Hameln und Umgegend im Jahr 2002 noch 5876 Aale gefangen, waren es im vergangenen Jahr nur noch 1968. Zahlen, die auch die umliegenden Verbände bestätigen.

Die Gründe für den Rückgang des schlangenförmigen Fisches hängen unter anderem mit seinem ungewöhnlichen Fortpflanzungsverhalten zusammen. Alle Europäischen Aale werden weit weg von Europa in der Sargassosee östlich Floridas und südlich der Bermuda-Inseln geboren. Etwa drei Jahre brauchen die Larven dann, bis sie aus dem Atlantik an die europäische Küste gelangt sind. Dort kommen sie als etwa sieben Zentimeter lange Fische an. In dieser Lebensphase spricht man dann von „Glasaalen“, da sie fast durchsichtig und dadurch gut vor Fressfeinden geschützt sind. Doch es gibt andere Gefahren auf dem Weg in europäische Binnengewässer.

„Vor den Küsten Frankreichs und Portugals werden große Teile der Glasaale von Fischern weggefangen und an Aalfarmen bis nach China verkauft“, erklärt Wehrhahn. Dort werden sie dann in sogenannten Aquakulturen gemästet. Ein Kilogramm der kleinen Glasaale erzielt auf dem Markt zurzeit Preise von bis zu 1000 Euro und ist damit eine lukrative Einnahmequelle für die Küstenfischer. „Vor zwanzig Jahren kostete das Kilogramm Glasaal noch 25 Mark“, erinnert sich Wolters.

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  • Der „Glasaal“, wie er nach seinem langen Weg durch den Atlantik vor der Küste Portugals und Frankreichs ankommt: Hier wird er zu großen Teilen weggefischt und an Aalfarmen verkauft.

Wegen der Befischung an den Küsten erreicht nur ein kleiner Teil der heranwachsenden Aale überhaupt die europäischen Binnengewässer. „Und wenn sie es doch geschafft haben, lauern hier viele weitere Gefahren“, weiß Wehrhahn. Die Tiere schwimmen flussaufwärts in die Binnengewässer, wo sie bis zu ihrer Geschlechtsreife leben. Bei männlichen Tieren dauert das sechs bis neun Jahre, bei weiblichen sogar zwölf bis fünfzehn. Während dieser Zeit wandern die Fische mit dem Nahrungsangebot durch die Binnengewässer.

„Viele Wasserwege sind jedoch versperrt, auch auf der Weser“, sagt Adolf Damitz, als Bezirksleiter des Landesfischereiverbandes zuständig für den Bezirk „Weser“. Dabei handele es sich vor allem um Querverbindungen, die von einem Fluss in den nächsten führen. Sind diese verbaut, ist den Aalen, sowie vielen anderen Fischen auch, der Reiseweg abgeschnitten.

„Ein zusätzliches Handicap sind die Wasserkraftwerke“, erklärt Damitz weiter, „nur die wenigsten Aale schaffen den Weg durch diese Gefahr.“ Viele gelangen in die Turbinen und sterben. „Eigentlich müssten die Turbinen während der Wanderzeit abgeschaltet werden“, ist die Meinung des Verbandsleiters. Auch Wehrhahn hat diese Forderung an die Stadtwerke Hameln gestellt, nachdem er mehrere tote Aale in der Weser entdeckt hat. „Für dieses Jahr käme die Maßnahme zu spät, aber wir sind im Gespräch und ich bin sehr zuversichtlich fürs nächste Jahr“, versichert er.

Neben den Kraftwerken erschweren auch Wehre, welche den Wasserstand der Weser regulieren, den Fischen ihre Reise. Es gibt zwar Fischpässe, durch welche die Aale schwimmen können, allerdings oft nicht in der richtigen Höhe. „Aale folgen dem stärksten Lockstrom, und der führt in die Turbinen“, erklärt Wehrhahn, der selbst schon tote Aale unterhalb des Fischpasses an der Pfortmühle in Hameln gefunden hat.

Es werde zwar viel Geld ausgegeben, um Nebenflüsse und Bäche zu renaturieren und dadurch für die Fische durchgängig zu machen, „aber wenn die Weser selbst nicht durchgängig ist, fangen wir den Hausbau mit dem Dach an“, urteilt Wehrhahn.

Doch auch für die Aale, die alle Fischernetze und Turbinen schadlos überlebt haben, ist die Gefahr noch nicht vorbei. Es lauert noch ein weiterer, nach Wehrhahns Ansicht sogar der schlimmste Gegner: Der Kormoran. Der schwarze Vogel sei ein großes Gefahrenpotenzial, nicht nur für den Aal, sondern für die gesamte heimische Fischpopulation. Umso unverständlicher ist es für ihn, dass der Nabu den Kormoran zum Vogel des Jahres 2010 gekürt hat.

Das sieht Thomas Brandt, wissenschaftlicher Leiter der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer, jedoch ganz anders. „Der Kormoran frisst Fisch, aber nicht in erster Linie Aal“, versichert er. 99 Prozent der Bedrohung des Aales gehe aus den zuvor genannten Gefahren aus, „der Kormoran verursacht allein das übrige Prozent“, ist er überzeugt. Studien am Steinhuder Meer belegen zudem, dass der Aalbesatz schon vor Wieder-Auftauchen der ersten Kormorane 1991 nicht ausgereicht hat, um den Bestand zu sichern. „Man kann also die Schuld nicht dem Kormoran zuschieben. Dieser Beutegreifer gehört einfach in ein natürliches Ökosystem“, ist Brandt überzeugt. Er sieht jedoch ein, dass der Kormoran für kleinere Fischteiche ein wirtschaftliches Problem darstellen kann: „Hier muss man aber gemeinsam nach Lösungen suchen und darf nicht den Kormoran pauschal verteufeln.“

Egal durch welche Gefahren: Fest steht, dass es immer weniger Aale gibt, die ihre Geschlechtsreife erreichen und dann ihren mehrere Monate dauernden Weg zurück in die Sargassosee antreten können, wo sie sich fortpflanzen. Dadurch gibt es weniger Nachwuchs, der Aal wird immer teurer, die Fangbemühungen steigen weiter.

Um diesem Trend entgegenzuwirken, gibt es in unserer Region viele Anstrengungen, den Aal zu schützen. Jedes Jahr werden Farmaale ausgesetzt, die den Bestand sichern sollen. „Solange wir diese Maßnahmen durchführen, hält sich die Gefährdung in Grenzen“, sagt Bezirksleiter Damitz. So hat der Fischereiverein Rinteln in den letzten Jahren jeweils 100 Kilogramm Farmaale ausgesetzt, der Landesfischereiverband setzt in seinem Bezirk 8 „Weser“ 750 Kilogramm junge Aale aus, auch der Sportfischerverein Hameln lässt sich die Besatzmaßnahmen jedes Jahr mehrere tausend Euro kosten. Hinzu kommt noch der Besatz der Kernkraftwerke, welcher als Ausgleich für die durch die Kraftwerke entstandene Weserbelastung jährlich erfolgt. „Das Paradoxe an der Sache ist, dass wir viel Geld für genau die Aale ausgeben, die zuvor an der portugiesischen und französischen Küste aus dem natürlichen Kreislauf entfernt wurden“, stellt Wehrhahn fest.

Denn die Farmaale stammen naturgemäß aus den verschiedenen Aalfarmen. Dieses Vorgehen ist notwendig, denn eine Nachzucht von Aalen ist trotz aufwendiger Bemühungen bisher nicht geglückt. Außerhalb ihrer natürlichen Lebensräume scheinen die Aal-Larven nicht lebensfähig zu sein. Deshalb sehen die Fischer es als so immens wichtig an, dass viele Aale ein hohes Alter erreichen, um ihre Reise in die Sargassosee anzutreten. Denn nur dort können sie durch das Ablegen von Laich den Fortbestand ihrer Art sichern. Während ihrer mehrere tausend Kilometer langen Reise zurück ans andere Ende der Welt verzichten sie völlig auf Nahrung. Die Verdauungsorgane machen in dieser Zeit den Fortpflanzungsorganen Platz. Die Paarung und abschließende Eiablage ist dann auch die letzte Handlung im Leben der Aale. Entkräftet wie sie sind, sterben sie direkt im Anschluss.

Trotz aller Rückschläge wollen die Fischliebhaber weiter für den gefährdeten Fisch kämpfen, auch wenn sie dabei mit Hindernissen leben müssen. „Es ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel“, sagt Wehrhahn. „Man kämpft und kämpft und kommt doch nicht voran.“ Für den nächsten Monat wird ein EU-Bericht erwartet, in welchem genaue Maßnahmen zum Schutz des Aales empfohlen werden. „Ich rechne damit, dass zukünftig erst Aale gefangen werden dürfen, die mindestens eine Länge von 40 Zentimetern haben“, sagt Wolters. Zusätzlich erwartet er Schonzeiten, in denen der Aal nicht gefangen werden darf. „Solche Schonzeiten sind aber schwer einzuhalten“, gibt Wolters zu bedenken – schließlich kann ein Angler nicht beeinflussen, welcher Fisch seinen Köder frisst. „Und auch wenn der gefangene Aal wieder ins Wasser gelassen wird, ist er durch den Kampf mit der Angel so geschwächt und gestresst, dass es fraglich ist, ob er überleben kann“, erklärt er.

Außerdem könnte das Einführen von Schonzeiten die Bereitschaft zu den dringend notwendigen Besatzmaßnahmen beeinträchtigen. „Ich weiß nicht, wie wir unseren Mitgliedern klar machen sollen, dass wir viel Geld für Jungaale ausgeben, wenn diese später nicht gefangen werden dürfen“, gibt Damitz zu bedenken. Und Wolters ergänzt: „Das ist, als ob man verpflichtet wäre, einen Apfelbaum zu pflanzen, ohne die Äpfel essen zu dürfen.“



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