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Der 10 000. Bürgerbus-Fahrgast ist befördert

BAD MÜNDER. Das fängt ja gut an: 10.08 Uhr steht auf dem Fahrplan – und um acht Minuten nach zehn schließt Hans-Georg Schewe die Automatiktür an der Haltestelle Kurpark. Er gibt sanft Gas. Der Bürgerbus rollt.

Halt am Bahnhof – neben der Haltestelle Verbrauchermärkte die beliebteste Zustiegsstelle für den Bürgerbus. Fotos: Rathmann
Jens

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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

An Bord: Fahrgast Elisabeth Oelze, Fahrer Schewe und ein NDZ-Redakteur, der endlich einmal selbst erleben will, warum der Bürgerbusverein Bad Münder als Erfolgsmodell gefeiert wird. Jenes Projekt, das auf der Bereitschaft vieler Ehrenamtlicher fußt, sich in ihrer Freizeit für andere hinters Steuer zu setzen. Einen Kleinbus auf vorgegebenen Straßen durch die Stadt zu fahren. Sich an einen minutiös getakteten Fahrplan zu halten. Haben die nichts Besseres zu tun? Haben sie nicht – sagt zumindest Schewe.

Das Schild „Fahrer während der Fahrt nicht ansprechen“ gibt es in diesem Bus nicht, und so plaudert der 62-Jährige munter mit seinen Fahrgästen und verrät: „Bürgerbus – das ist genau mein Ding. Es macht einfach Spaß. Man trifft auf unheimlich viele nette Menschen.“ Ein Kompliment, das seine Passagierin Oelze gleich zurückgibt: „Die Fahrer sind aber auch immer nett“, lacht sie. Mindestens zweimal pro Woche nutzt sie das Angebot, fährt dann meistens zu einem Besuch in einer Senioreneinrichtung am Deisterhang. „Früher bin ich zu Fuß gelaufen, doch so ist das deutlich bequemer. Nicht nur im Winter“, sagt sie. Gerade ist sie auf dem Rückweg, am Feuerteich ist für sie Endstation – aber nicht für Schewe.

Er lenkt den Bürgerbus, eine Spezialanfertigung eines Unternehmens aus Österreich auf Basis des VW-Bullies T6, souverän Richtung Bahnhofstraße. 150 dieselgetriebene Pferdchen machen den Bus nicht zum Rennwagen, aber das ist ja auch nicht gefordert. Schließlich gibt der Fahrplan den Takt vor, und der bestimmt jetzt einen Halt. „Verbrauchermarkt“ heißt die Station, Tanoporn Mensing steigt ein. Sie will zum Bahnhof, zahlt ihre zwei Euro für den Kurzstreckentarif und wundert sich ein klein wenig über die Größe des Kleinbusses. Es ist ihre erste Fahrt im Bürgerbus, acht Plätze stehen neben dem Fahrersitz zur Verfügung. Also anschnallen – und ab zum Bahnhof. Mensing steigt aus, und Busfahrer Schewe hat Pause. Wieder Zeit zum Plaudern.

Der Fahrplan des münderschen Bürgerbusses ist eng an die Ankunftszeiten der Bahn gekoppelt, denn einer der Ansätze, den die Initiatoren im Blick hatten, war die schlechte Erreichbarkeit der Züge. Die zweite war die Erreichbarkeit der Kliniken, Bildungseinrichtungen und Seniorenheime am Deisterhang von der Innenstadt aus – und beide Probleme löst der Bürgerbus. Schewe berichtet von dankbaren Fahrgästen, vom vertrauten „Du“, das sich nach einigen gemeinsamen Fahrten zwischen Fahrer und Fahrgast fast automatisch ergibt. Einzig die Taxifahrer hätten in der Anfangsphase wenig erbaut auf das Bürgerbus-Angebot reagiert – wer will es ihnen verdenken? „Da ist so manches kräftige Wort gefallen. Inzwischen sind die Fronten geklärt“, sagt Schewe, Mann der ersten Stunde am Bürgerbus-Steuer. Friedliche Koexistenz bestimmt nun das Bild.

Mehr Tourenwünsche als
Touren – ein Luxusproblem

Kurz bevor Schewe um 10.37 Uhr wieder den Gang einlegt, springt noch ein Mann in den Bus, Blumen und Pralinen im Gepäck. Kein Fahrgast, aber doch ein Bürgerbus-Fan. Quasi der erste Fan. Jan Lababidi ist Vorsitzender des Bürgerbus-Vereins. Seit Februar steht er an der Spitze und sitzt mit am Tisch, wenn es mit Öffis und Landkreis um Fahrpläne, Routen und all die anderen Belange des öffentlichen Nahverkehrs in der Kernstadt geht. Während der Bus rollt, erzählt Lababidi von seiner Begeisterung fürs Bürgerbusfahren. „Das ist etwas ganz Anderes als das Autofahren, das man sonst tagtäglich hat. Man hat Verantwortung für die Passagiere an Bord, aber ich kann mich dabei entspannen, es macht Spaß.“

Und so müssen, sagt Schewe, noch mehr Bürgerbusfahrer denken. Er ist als Fahrdienstleiter auch für die Einteilung der Ehrenamtler zuständig, nicht immer ein leichter Job. Sein Hauptproblem ist allerdings auch ein Luxusproblem: „Wir haben mehr Tourenwünsche als Touren. Und ich muss manchmal erklären, warum Fahrer nicht noch öfter zur Einsatz kommen können.“

Der Bus rollt vorbei an der KGS, am Verbrauchermarkt, am Feuerteich, Lababidi berichtet von Plänen, das Angebot auszuweiten. Spätestens mit dem neuen Fahrplan im August. Dann soll, so die Idee, auch sonnabends gefahren werden. Bislang rollt der Bus montags bis freitags, doch gerade sonnabends müsste die Zahl der Nutzer eigentlich hoch sein, erwartet der Vorsitzende: „Allein die Leute, die vom Deisterhang in die Stadt wollen. Oder die, die Besuche in Kliniken oder Seniorenheimen planen.“ Auch über eine Ausweitung ins Südfeld wird nachgedacht, außerdem hätte für den Bürgerbus-Verein eine Haltestelle an der Marktstraße besondere Bedeutung. „Bringt man Gäste direkt ins Herz der Altstadt, entdecken sie vielleicht den Reiz der historischen Fachwerkhäuser und den Charme der Stadt.“

An der Haltestelle Felsenkeller wird Lababidi plötzlich unruhig, wickelt die Blumen aus dem Papier. Angelika Lümkemann steigt zu, will bei Schewe bezahlen, doch statt dessen drückt ihr der Vorsitzende die Blumen und Pralinen in die Hand, gratuliert der überraschten Mitfahrerin: „Herzlichen Glückwunsch. Wir freuen uns, sie als 10 000. Fahrgast begrüßen zu dürfen.“ Der Ehrenfahrgast ist sichtlich perplex. „Schon 10 000? Das gibt‘s doch nicht.“ Klar, dass auch sie ein Fan des Busses ist. Er bringt sie an diesem Tag zu einem Arztbesuch, hält dort direkt vor Krankenhaus, Rehaklinik und Deister-Weser-Klinik, wo ohnehin kaum ein Parkplatz zu haben ist. „Direkt vor die Tür für 2 Euro“ lacht Schewe – doch Lümkemann muss er nicht mehr überzeugen. Begeisterte Fahrer, dankbare Passagiere – vielleicht das Geheimnis hinter dem Erfolg des Bürgerbusses.

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