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Marcus Schaper (Bündnis 90/Grüne) führt gern „Benzin-Gespräche“ / Familie als Lebensmittelpunkt

Den Vater zum Vorbild und Vorliebe für Autos

Hameln. Was ist denn das? Eine alte Ente auf der Auffahrt, Benzinfresser, Umweltverschmutzer statt des Richtung weisenden Elektroautos? Passt das zu einem Vorzeige-Grünen? Passt, findet Marcus Schaper, Autofan und Selbstschrauber, Baujahr ’72. Der 2CV, Baujahr ’78, verbrauche nämlich auch nur fünf Liter, begründet Schaper sein reines Gewissen. Häufig fahre er allerdings nicht mit diesem farblich als Wunschkoalitionskiste durchgehenden Modell Rot-Grün. „Notfalls machen wir noch die Stoßstange gelb“, sagt der Bundestagskandidat und spielt auf die seinen Augen zweitbeste Wahl nach der Wahl an, die „Ampel“. Bis jetzt leuchtet nur der Aufkleber auf der Kofferraumklappe gelb, ein Relikt aus den 80ern, immer aktuell: „Atomkraft, nein danke.“

Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Kein Sprücheklopfer – aber sehr mitteilsam

Mit den zwei Kühltürmen des AKW Grohnde vor Augen wuchs Marcus in Groß Berkel, im Schlesierring, auf. „Die Dunstwolken konnte ich immer von einem Platz am Küchentisch aus sehen“, erzählt er. Marcus’ Vater habe dort auf dem Bau gearbeitet und Sachen erzählt, die ihn hätten skeptisch werden lassen hinsichtlich des AKW. Der Grundstein für moralische Bedenken an Atomkraft war gelegt. Für die Familie aber habe der Job endlich wieder Arbeit bedeutet nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit.

Lieber arbeitslos zu sein, statt sich zu verraten, war dabei Ausdruck der Integrität, die der Sohn am Vater, seinem Vorbild, stets bewundert hat. Als der sich einst geweigert habe, Stundenzettel zu manipulieren; sei er gefeuert worden. „Auch bei einer Steuererklärung hätte er nie und nimmer geschummelt“, erzählt Marcus Schaper von seinem Vater, der 2001 starb. „Ich versuche, ihm nachzueifern“ , sagt der 36-Jährige über sein Streben nach größtmöglicher Integrität, „aber es ist schwer“.

In beruflicher Hinsicht dagegen war er selbst Vorreiter und hat nach seiner Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker als Einziger der Familie studiert; Politikwissenschaften in Potsdam. Während des Praktikums bei der Weltbank und der Arbeit am Aspen Institut in Berlin, wo die Pflege der transatlantischen Beziehungen im Vordergrund steht, „wurde das politische Fieber entfacht“. Sein Studium setzte er in den USA fort und brachte den „Doktor“ aus Maryland mit. Ein Gelehrter, der sich selbst als „Analytiker“ bezeichnet, nicht einfach drauflosplappert, sondern jeden Satz wohlüberlegt formt. Auch privat sei er nicht der Sprücheklopfer, aber trotzdem sehr mitteilsam.

Aufgeklappt auf dem Frühstückstisch steht der weiße „Mac“ („ich lebe vom Computer, telefoniere darüber und informiere mich online“), der duftende Hefezopf bleibt aus Zeitnot beim Gespräch unangetastet auf dem Küchentisch. „Selbst gebacken?“ „Hat meine Mutter gekauft.“ Ein solches Flechtwerk bekäme er nicht hin, meint Schaper, lediglich alles, was auf dem Backblech ausgerollt werden könne, sei beim Backen sein Ding. Wenn er kocht, gibt’s viel mit Gemüse, gerne Fisch, frei improvisiert. Die Küche: Unglaublich aufgeräumt. „Das ist die Wohnung meiner Mutter“, erklärt Schaper seine Wohnsituation. In der Woche lebt er in Loccum, wo er als Studienleiter für internationale Politik lehrt; wobei – „wohnen kann man das nicht nennen.“ Ein Bett habe er dort, und noch immer ein paar unausgepackte Kisten: Erst Mitte Juni kam Schaper nach sieben Jahren aus den USA zurück. Ist er nicht in Loccum, ist er in Groß Berkel, im ehemaligen Haus seiner Großeltern. „Die Familie ist mein Lebensmittelpunkt“, sagt er über Mutter, Schwester und Schwager und die zwei Nichten. Zeit für sie bleibt im Wahlkampf kaum, was nach dem 27. September wieder anders aussieht. Schaper weiß, dass sein Weg in diesem Jahr nicht nach Berlin führt. „Es muss nicht im Mandat enden, aber im politischen Diskurs.“

Während Freizeit derzeit ein Fremdwort ist in seinem Leben – Zeit für die „Zeit“ nimmt er sich. Von vorne bis hinten liest er das Wochenblatt, bis aufs Feuilleton. Einen Fernseher besitzt Schaper nicht, er hört WDR5, NDR Info und Radio Aktiv. Und hat er doch einmal eine freie Minute, macht er Musik (am Bass), führt mit Freunden „Benzin-Gespräche“ – oder macht sich selbst die Finger schmutzig, an der Ente oder dem noch viel älteren Opel Rekord in seiner Garage.




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