weather-image
13°
110 Jahre lang wurde in Emmerthal Zucker produziert

Den süßlichen Geruch noch in der Nase

Mitte der 1980er Jahre habe ich als junger Mann gelegentlich auch mal einen Zug Rüben zu „unserer“ Fabrik gefahren. Die langen Schlangen von Traktoren mit zumeist zwei Anhängern, vor der Fabrik in Warteposition aufgefahren, die Fabrikarbeiter auf ihren Türmen, von denen sie das Entladen und Abspritzen der Rüben dirigierten, der in der Luft liegende süßliche Geruch – das alles habe ich noch deutlich vor Augen beziehungsweise in der Nase.

270_008_7681979_faw106_0703.jpg

Autor:

VON CORD HÖLSCHER

An der Schwelle der Neuzeit war Zucker ein Luxusgut für Reiche. Das gemeine Volk süßte wenig – und wenn doch, dann mit Honig. Zucker wurde aus Zuckerrohr auf den Westindischen Inseln gewonnen. Er musste sehr aufwendig auf dem Seeweg nach Europa eingeführt werden. Zwar hatte Andreas Sigismund Marggraf bereits 1747 nachgewiesen, dass im Rübensaft Zucker enthalten ist, und um 1800 hatte sein Schüler Franz Karl Achard ein Fabrikationsverfahren entwickelt. Aber erst ab 1825 entstanden nennenswerte Fabrikationsanlagen. Ab da nahm diese neue Industrie einen großen Aufschwung, sodass zum Ende des 19. Jahrhunderts auf der Welt ebenso viel Rübenzucker wie traditioneller Rohrzucker fabriziert wurde. Innerhalb von 100 Jahren vervielfachte sich die jährlich produzierte Zuckermenge von 250 000 auf etwa 11 Millionen Tonnen.

Als 1871 die Bahnlinie Hameln–Altenbeken erbaut wurde, nahm ein zwischen Kirchohsen und Emmern gelegenes Flurstück der Gemeinde Kirchohsen einen bemerkenswerten Aufschwung. Es bekam einen Bahnhof – „Emmerthal“ genannt. Mit dem Bahnanschluss waren die Voraussetzungen auch für die Zuckerfabrik Emmerthal gelegt. Als im Mai 1875 in einer Anzeige in der Dewezet die Bauern der umliegenden Dörfer aufgefordert wurden, der Gründungsversammlung zu einer Zuckerfabrik beizuwohnen, stieß dies auf großes Interesse. Schon bei diesem Treffen zeichneten 75 Bauern 400 Aktien zu je 1500 Mark .

Ein Kredit in Höhe von 150 000 Mark sowie eine später aufgenommene Prioritätsanleihe auf die Gesellschaftsaktien ermöglichten bereits Ende Mai 1875 den Baubeginn. Nur anderthalb Jahre später, am 12. Oktober 1876, konnte mit der Rübenverarbeitung begonnen werden. 1 123 394 Mark hatte da die Fabrik gekostet.

270_008_7681975_faw104_0703.jpg
  • Nassentladung der Zuckerrüben in den 1980er Jahren.
270_008_7684409_faw103_0703.jpg
270_008_7681972_faw101_0703.jpg

Sie war für eine Tagesleistung von 150 Tonnen vorgesehen, erwies sich aber als leistungsfähiger und schaffte in der ersten Saison durchschnittlich 167 Tonnen täglich. Die Anfänge waren dennoch vergleichsweise bescheiden. Die Aktionäre ernteten in dem ersten Jahr auf den insgesamt angebauten 500 Hektar nur durchschnittlich 21,6 Tonnen je Hektar; die Zuckerausbeute lag bei 7,3 Prozent.

Die Emmerthaler waren mit ihrer Entschlussfreude nicht allein. Eine Zuckerfabrik war bereits 1870 in Hameln entstanden, 1875 wurden solche Anlagen auch in Osterwald und Hessisch Oldendorf gegründet. Auch in Hehlen, Hannover-Linden und Brakel wurden derartige Einrichtungen etabliert. Doch wie sich zeigen sollte, hat Emmerthal alle entsprechenden Fabriken in der Umgebung auch in schweren Zeiten überlebt. Während Hameln seine Produktion bereits 1895 wieder einstellte, geschah dies in Osterwald 1919 und in Hessisch Oldendorf 1963. Schwierige Zeiten waren zunächst um die Jahrhundertwende, als ständig steigende Produktionszahlen beim Rohrzucker in Übersee und bei Rübenzucker im europäischen Ausland auf den Zuckerpreis drückten.

Entlastend wirkte auf der anderen Seite der Bau der Valentini-Brücke in Kirchohsen, im Volksmund als „Rübenbrücke“ bezeichnet. Mit ihr wurde die Anfuhr der Rüben aus dem ostwärtigen Hinterland der Fabrik deutlich leichter. Der Erste Weltkrieg und die anschließenden inflationsbedingten Krisenjahre sorgten für eine weitere Marktbereinigung zugunsten der Fabrik in Emmerthal. So schlossen in den Jahren um 1920 außer Hessisch Oldendorf auch Linden und Brakel. Auch dadurch konnte Emmerthal konsolidiert werden. Durch die Ausgabe neuer Aktien stieg die Zahl der Anteilseigner 1925 auf 350. In den 1930er Jahren strebte die Fabrik neuen Produktionshöhepunkten zu. Waren im ersten Jahr 1876 etwa 10 700 Tonnen Rüben verarbeitet, konnten im Jahr 1941 knapp 70 000 Tonnen Rüben raffiniert werden.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte einen vorläufigen Tiefpunkt. Die Weserbrücke lag gesprengt teilweise im Wasser. Fehlende Arbeitskräfte und fehlender Dünger taten ein übriges: Die Menge der verarbeiteten Rüben lag nur noch bei 25 200 Tonnen von lediglich 1148 Hektar Anbaufläche. Doch schon bald nahm der Zuckerrübenanbau einen erneuten Aufschwung. Schon 1949 hatte sich die Anbaufläche annähernd verdoppelt. Etwa 1100 Bauern lieferten nun 63 700 Tonnen Rüben. Das Vorkriegsniveau war ungefähr wieder erreicht. Von da ab ging es, von witterungsbedingten Schwankungen abgesehen, beständig aufwärts. Dies hatte zwei wesentliche Ursachen: zum einen eine sich beständig erweiternde Anzahl Lieferanten und eine sich vergrößernde Anbaufläche, zum anderen Effizienzsteigerungen bei der Produktion. Die Zahl der Lieferanten hat Mitte der 1960er Jahre mit über 1400 ihren Höhepunkt erreicht. Danach zeigt das einsetzende Höfesterben Wirkung. 1976 werden noch 874 Lieferanten erwähnt. Anders hingegen die Anbaufläche die beständig zunimmt von 2625 Hektar 1963 über 4000 Hektar 1969 auf 5100 Hektar 1976. Dies führte dazu, dass in der Kampagne 1976 190 850 Tonnen Rüben verarbeitet wurden, fast 18-mal mehr 100 Jahre früher.

Was hatte es mit der erwähnten Effizienzsteigerung auf sich? Die Erträge je Hektar und auch der Zuckergehalt der Rüben wurden durch verbesserte Züchtungen und Anbaumethoden gesteigert. 1876 waren 21,6 Tonnen je Hektar geerntet worden, 1960 hingegen 37,4 Tonnen. Der Zuckergehalt war im gleichen Zeitraum von 7,31 auf 15,6 gestiegen.

Um mit dieser Mengensteigerung Schritt halten zu können, wurde die Emmerthaler Fabrik beständig ausgebaut, besonders in den Jahren 1954 bis ’56. Probleme dieser Zeit waren – zehn Jahre nach dem Krieg kaum zu glauben – Kohlemangel und ein sich langsam abzeichnender Mangel an Arbeitskräften. Die Fabrik beschäftigte immer eine große Zahl von Saisonkräften in den zumeist 75- bis 100-tägigen Rübenkampagnen. Nun wurde es zunehmend schwerer, diese zu halten. In der aufstrebenden deutschen Wirtschaft gab es plötzlich wirtschaftlich interessantere Alternativen, vor allem mit ganzjähriger Anstellung. Die Zuckerfabrik reagierte darauf mit der Wiederbeschäftigung inzwischen in Rente gegangener Mitarbeiter und dem vermehrten Einsatz von Frauen.

Weiteres Ungemach drohte von sich verändernden Marktbedingungen. Die Strategie „Wachsen oder Weichen“ traf auch für die Zuckerproduktion zu. Im Herbst 1963 führten langwierige Verhandlungen zur Fusion der Zuckerfabriken Hessisch Oldendorf, Emmerthal und Lage, wobei die „Lippische Zuckerfabrik Aktiengesellschaft“ in Lage die aufnehmende Gesellschaft war. Der Firmenname wurde in „Lippe-Weser Zucker AG“ geändert. Das Werk Hessisch Oldendorf wurde kurz darauf stillgelegt.

Die letzten Jahre der Fabrik in Emmerthal lesen sich fast wie ein Krimi. Erste Gerüchte über eine drohende Fusion wurden 1984 zwar noch dementiert. Aber Ende 1985 wurde den verblüfften Aktionären mitgeteilt, dass ein Übernahmeangebot der Firma „Pfeiffer & Langen“ (Köln) vorliege. Das Gegenangebot eines Konsortiums norddeutscher Zuckerfabriken und eine vierstündige erregte Debatte auf der Aktionärsversammlung, änderten nichts mehr. Mit Mehrheit wurde der Verkauf beschlossen. Die letzten Rübenzüge führten schwarze Fahnen an ihren Traktoren mit. Eine 110-jährige Geschichte ging zu Ende. 1991 wurde da Wahrzeichen der Fabrik, der Schornstein gesprengt, das Gelände später neu bebaut. Wenn ich das Gelände heute betrachte, auf dem als letztes Relikt das Wohnhaus des Fabrikdirektors steht, steigt mir der süßliche Geruch wieder in die Nase …

Das Luftbild zeigt die Emmerthaler Zuckerfabrik im Jahre 1956.

Abbildung u.:

Anzeige des Unternehmens zum Verkauf von Zugochsen in der Dewezet im Jahre 1900.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt