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Entlang der französischen Route du Champagne lassen sich Winzer auf die Finger schauen und Kulturgeschichte erleben

Den prickelnden Champagnerperlen auf der Spur

Reims. Im Südwesten zieht eine dunkle Gewitterfront auf. Sylvie Wenner schaut besorgt auf ihre Reben. In der Ferne ist die Dorfkirche von Les Riceys zu erkennen. „Wenn es stürmt, müssen wir in eine der Schutzhütten gehen, die Cadoles“, sagt die couragierte Winzerin. „Auf 60 000 Flaschen Champagner kommen wir jedes Jahr. Dazu noch 4000 Flaschen Rosé.“

Autor:

Franz-Norbert Piontek

Es ist schwül. Die Grillen zirpen. Eine Lerche singt. Der Uhrschlag dringt herüber. „Ich wollte unbedingt in den Weinberg und durfte das nicht als Mädchen.“ Sie schmunzelt. „Jetzt habe ich zwei Söhne, und sie interessieren sich überhaupt nicht für den Wein.“ Sylvie ist Chefin des Weinguts Guy de Forez, eines von vielen kleinen Weingütern, die südlich von Reims, eigentlich als Champagnerstadt bekannt, liegen. Die meisten Güter sind in Familienbesitz. Sie produzieren den Großteil des einzigartigen Schaumweins, also nicht die klangvollen Namen, die auf der ganzen Welt bekannt sind.

Mit ihrem Mann Francis arbeitet sie im Weinberg. „Man muss mehrmals um den Rebstock gehen, schneiden, beobachten, bis es soweit ist“, erzählt sie. Als die ersten Regentropfen fallen, setzen wir uns in den Wagen und fahren hinunter in ihr kleines Gut. Wenig romantisch, ein moderner Zweckbau mit tiefem Keller. Dort unten ist das Gewittergrollen nicht mehr zu hören. Francis stellt sich an das Flaschenregal. „Jeden Tag müssen die Flaschen bewegt werden. Dort drinnen gärt der Champagner“, erzählt er. „Je länger es geht, desto spannender wird es – erst nach 15 Monaten wissen wir, ob unser Jahrgang wieder ein Volltreffer ist.“

Das Dorf, etwa 50 Kilometer südwestlich von Troyes, liegt in einer hügeligen Gegend. Wälder umsäumen die Rebhänge. Jeder kennt jeden. Der Gang zum Bäcker, zu frischen Baguettes, bringt mehr, als die Zeitung je schreiben kann. In einen solchen Flecken zog sich vor knapp 130 Jahren ein heute berühmter Maler zurück: Pierre-Auguste Renoir (1841 bis 1941), ein Hauptvertreter des französischen Impressionismus, nach Essoyes. „Sophie, eine Nachfahrin, besitzt hier noch ein Haus“, erzählt Karine. Die charmante Führerin hält ein Bild mit dem Haus empor. „Er ging mit dem Fahrrad und der Staffelei im Rucksack zum Malen.“ 8000 Menschen besuchen im Jahr sein Atelier. Sie stehen ehrfurchtsvoll vor dem Rollstuhl – zu stark plagte ihn die Arthritis. Fünf Gehminuten entfernt ist sein Grab auf dem Friedhof. Nicht weit davon liegt eine nackte Frau auf der Grabplatte – in Stein gemeißelt. „Ihr Mann war so verzweifelt, als sie mit 24 starb“, weiß Karine. Damals war dies ein handfester Skandal.

3 Bilder

Auf der Reise wirkt Troyes majestätisch, nicht nur wegen der gotischen Kathedrale mit den schönen Glasfenstern. „Die Altstadt hat die Form eines Champagnerkorkens“, schmunzelt eine Einwohnerin. „Reiner Zufall. Denn die Stadt entstand im 13. Jahrhundert, der Champagner erst im 17. Jahrhundert.“ Eine malerische Altstadt. Samstags ist Hochbetrieb auf dem Wochenmarkt. In der Markthalle gibt es Andouiettes, eine Wurst aus Schweineinnereien. „Man isst sie gegrillt, in einer Soße aus Weißwein, Zwiebeln, Senf und Crème fraîche“, sagt die Verkäuferin. Die Handelsstadt protzte mit ihren Häusern. Auch in der Ruelle des Chats, der Katzengasse. Dort berühren sich die Dächer – fast. Daneben wurde eine Verkündigungsszene im Cour du Moutier d’Or in das Hofportal geschnitzt. „Wundert es Sie, dass hier gerade wieder ein Kostüm-und-Degen-Film gedreht wurde?“, fragt ein Student.

Parallel zur Autobahn schlängelt sich die Route touristique du Champagne in Richtung Reims. Kleine Dörfer, dazwischen Weiden mit weißen Kühen, kleine Kirchen wie Cuis Abbaye bei Oger, Landsitze. In Epernay konzentriert sich der Handel der Champagnerproduzenten. Genauer gesagt, in der Galerie „C comme Champagne“. Die hübsche Aurélie empfängt uns. „Wir bieten 200 Champagner von 48 Herstellern an“, erzählt sie. Zwar einen Euro teurer als direkt beim Produzenten, aber mit größerer Auswahl. „In der Boutique kann man alles kaufen. Kosmetik aus Weintrauben, Schmuck, Bücher, auch Korkenzieher“, lächelt Aurélie. Bei der Verkostung empfiehlt sie: „Nacheinander von jedem Glas einen Schluck. Der Vergleich ist dann direkter.“

Nördlich von Epernay erhebt sich Hautviller über den Rebhängen. Hier lebte Dom Pérignon. Pérignon? War da nicht was? „Man trinkt zum Beispiel nie einen 53er Dom Pérignon, wenn er eine Temperatur von über acht Grad hat. Das wäre genauso, als höre man den Beatles ohne Ohrenschützer zu.“ Wer das sagte? Richtig: Bond, James Bond, in dem Film „Goldfinger“ (1964). In der Abteikirche treffen wir Michel Mermillod am Grab des Mönchs. „Die Abtei selbst ist seit der Revolution im Privatbesitz von Moet & Chardon und nicht zugänglich“, weiß der pensionierte Exportchef eines Champagnerhauses. Hier lebte der Mönch, um den sich alles dreht in diesem Dorf mit 60 Winzern und 275 Hektar Weinbergen. Im 17. Jahrhundert entdeckte er die Methode der Flaschengärung. In einer nach ihm benannten Gasse ist er fast an jedem Haus zu sehen. „Früher war es üblich, den Babys ein bisschen Champagner auf die Lippen zu geben, um ihnen die Liebe zum Champagner mitzugeben“, scherzt Mermillod und holt tief Luft. „Die Gegend um Epernay lebt zu 80 Prozent von der Champagnerindustrie, in Reims sind es nur 30 Prozent.“ 340 Millionen Flaschen wurden 2007 produziert, beim Export liegen die Deutschen als Abnehmer erst auf Platz vier. Mit Kiedrich in Rheinhessen gibt es eine Städtepartnerschaft, die tausendste zwischen Deutschland und Frankreich. „Wir haben in die Kirchenmauer eine D-Mark, einen französischen Franc, eine Flasche Wein und eine Flasche Champagner eingemauert“, weiß Mermillod. „Mal sehen, wann man mal danach schaut.“

Allgemeine Auskünfte erteilt das Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt am Main, Te.l: 0900/1 57 00 25, Fax: 0900/1 59 90 61, E-Mail: in fo.de@franceguide.com und www.franceguide.de.

Anreise: Mit dem Auto auf der Autobahn A 6 bis Saarbrücken, danach die A 320, A 4 und A 26 bis Troyes (mautpflichtig!).




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