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Vor 150 Jahren wurde in Rinteln Schaumburgs erste Freiwillige Feuerwehr aus der Taufe gehoben

Den Anfang machten die Turner

Da sollen ingemein (allesamt) Mann und Frau, Knechte und Mägde, Jung und Alt, so hierzu tauglich, dem Feuer mit Leitern, Feuer-Hacken und Fässern voller Wasser, und niemand mit ledigen (leeren) Händen, zulaufen, und keiner in seinem Hause bleiben“, ordnete 1615 der damalige Schaumburger Graf Ernst in einer 1615 gedruckten „Land- und Polizey-Ordnung“ an. Für den Fall des Falles mussten in jeder Stadt und in jeder Dorfschaft „Leitern, Feuer-Hacken, Wasser-Eimer und Schleufen (Gurte) in ziemlicher Anzahl unter den Rathshäusern und an andern gelegenen Oertern“ bereitstehen, damit „solche von männiglichen (von jedermann) bald gefunden und gebraucht werden mögen“.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die in 30 Paragraphen zusammengefassten Weisungen gehören zu den ersten, hierzulande auf den Weg gebrachten Brandschutzvorschriften. Das Regelwerk wurde in der Folgezeit immer mehr verfeinert und ergänzt. Der Ansatz blieb jedoch bis vor 150 Jahren gleich: Sobald „ein Feuer vermerckt und mit dem Glockenschlage und Geschrey angezeigt“ wurde, mussten alle Einwohner ran. Als Wassertransportgefäße dienten Ledereimer. Das Kommando führten die „Bürgermeistere, Cämmerer und Stadt-Knechte“.

Die unsortierten „Mobilmachungsaktionen“ blieben immer öfter wirkungs- und erfolglos. Die Feuergefahr war im Zuge der zunehmenden Bevölkerungsdichte, der Verstädterung der Siedlungen und den Veränderungen in puncto Bauweise und Baumaterial immer größer geworden. Laien und laienhaft organisierte obrigkeitsstaatliche Regelungen reichten nicht mehr aus. Die Folge: Selbst kleine und zeitig entdeckte Brandherde führten fast jedes Mal zum Totalverlust. Nicht selten versanken ganze Straßenzüge und Stadtviertel in Asche und Schutt. Für die Wende sorgte eine unerwartet auftauchende, anfangs viel belächelte Bürgerinitiative. Der Anstoß kam aus der Anfang des 19. Jahrhunderts entstandenen, von heldischen Idealen durchdrungenen Turnerbewegung. Deren Vordenker Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) hatte die körperliche Ertüchtigung stets auch als Verpflichtung gegenüber dem Allgemeinwohl gepredigt. „Da ist es ganz natürlich, daß die Turner, welche sich der Übung ihrer Körperkräfte verschworen haben, das im Turnverein Erlernte auch einer praktischen Ausübung zunutze machen wollen“, schrieb das Verbandsorgan „Deutsche Turnzeitung“. Als Betätigungsfeld biete sich die Brandbekämpfung an. „Kein Turnverein ohne Feuerwehr, keine Feuerwehr ohne Turner“, so die bald immer häufiger zu hörende Devise.

Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts schossen – von der Obrigkeit lange argwöhnisch beäugt – zahlreiche „Turner-Feuerwehren“ aus dem Boden. Die erste Rettungsschar in Norddeutschland ging 1850 im Männerturnverein (MTV) Hannover an den Start. Hintergrund: Gemeinschaftliche Körperertüchtigung war damals nur den Herren der Schöpfung vorbehalten. Das öffentliche Zeigen und Bewegen von Frauengliedmaßen galt als anstößig.

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Die erste Schaumburger Löschturnriege ging 1863, also vor exakt 150 Jahren, in Rinteln an den Start. Schon bald nach der dort 1848 vollzogenen MTV-Gründung begann sich im Verein eine „Rettungsschar“ zu formieren. Nach einigem Hin und Her erklärte sich die Truppe bei einer Zusammenkunft am 18.11.1863 als selbstständig. Fünf Jahre später, am 3. Juni 1868, war man auch im MTV Bückeburg so weit. Und am 18.1.1869 ging auch aus dem TV Stadthagen ein Extra-Löschteam hervor.

Der Erfolg der neuartigen Vereine bei der Brandbekämpfung ließ auch die Leute in den kleineren Nachbarorten aufhorchen. Bis Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts kam es auch in Bad Nenndorf (1880), Sachsenhagen (1889), Lauenau (1897), Obernkirchen (1899) und Rodenberg (1904) zur Ausrufung Freiwilliger Feuerwehren. Fast alle schlossen sich dem 1874 von den Vorreitern in Rinteln, Bad Oeynhausen, Minden und Herford aus der Taufe gehobenen „Minden-Ravensberg-Lippischen Feuerwehrverband“ an.

Beliebtester Übungs- und Tummelplatz der jungen Rettungssportler waren die vielerorts eiligst aufgestellten und später an den bunkerartigen Schlauchtürmen befestigten Klettervorrichtungen, hierzulande meist „Steigerturm“ genannt. Der Wunsch nach schneller und erfolgreicher Einsatzplanung und -durchführung führte zur Einführung straffer, militärähnlicher Kommandostrukturen. Aus dem „Vorturner“ wurde der Feuerwehrhauptmann. Es gab Adjutanten, Zugführer, Spritzenmeister, Schlauchmeister (Rohrführer), Rottenmeister (Oberfeuerwehrmänner) und Wehrmänner. Parallel dazu wurden Uniformen eingeführt. Die ersten Helme glichen den Pickelhauben der Soldaten. Die Befehlshaber waren schon von Weitem an den aufgesetzten Rosshaarbüschen zu erkennen.

Das von Disziplin, Hilfsbereitschaft und Solidarität getragene und im Rahmen von ehrenamtlich tätigen Bürgerinitiativen organisierte Engagement erwies sich als Erfolgsmodell. Ohne „ihre“ Feuerwehrvereine ist das gesellschaftliche Zusammenleben in vielen Stadt- und Dorfsiedlungen – nicht nur wegen deren Fachkompetenz als Hilfsorganisation – kaum vorstellbar.

Daran hat auch das zeitweise fehlgeleitete Selbstverständnis der Funktionärsebene nichts geändert. Besonders fragwürdig ging es während der NS-Zeit zu. Das Gros der Vereinsführer und Verbandsoberen wechselte mit fliegenden Fahnen ins Hitler-Lager über. Schon wenige Monate nach der „Machtergreifung“ war die „Gleichschaltung“ vollzogen. Bei den kurz darauf anlaufenden Kriegsvorbereitungen fiel den Wehren eine Schlüsselrolle zu. Die Vereinsstrukturen wurden aufgelöst und die frontuntauglichen Aktiven auf die Abwehrschlacht an der Heimatfront vorbereitet. Damit waren die Beruhigung der Nachbarn und die Schadensbegrenzung der vom Regime einkalkulierten, gegnerischen Luftangriffe gemeint. Ein 1938 erlassenes „Reichsfeuerlöschgesetz“ schrieb die Aus- und Umgestaltung der Ex-Vereine zu „einer straff organisierten, vom Führerprinzip geleiteten und reichseinheitlich gestalteten Hilfspolizeitruppe“ vor. Oberster Dienstherr wurde der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler. In den meisten Verbands- und Vereinsrückblicken ist darüber wenig zu lesen.

Quellenhinweis: Sowohl Geschichte als auch historische Bedeutung des heimischen (Turn-) Feuerwehrwesens liegen noch weitgehend im Dunkeln. Und auch um das Geschehen in den Löschgruppen zwischen 1933 und 1945 machen die meisten Vereinschroniken einen Bogen. Als Einstiegslektüre seien die Veröffentlichungen des Heimathistorikers und langjährigen Feuerwehr-Kreispressewarts Matthias Blazek empfohlen, darunter insbesondere dessen Beiträge „Feuerwehrwesen im Landkreis Schaumburg im 19. Jahrhundert“ (Selbstverlag, 2002) und „Unter dem Hakenkreuz“ (Ibidem-Verlag Stuttgart, 2009).

Die Freiwillige Feuerwehr Stadthagen bei einer Übung Anfang des 20. Jahrhunderts an der Bürgertöchterschule.

Die Bückeburger Turnerfeuerwehr an ihrem 1898 auf dem Neumarktplatz errichteten Kletterturm.




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