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Die heimliche Volkskrankheit: Seit zehn Jahren existiert die "Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzerkrankungen"

Demenz: "Die meisten Angehörigen kommen viel zu spät"

Obernkirchen/Landkreis. Sie stellen dieselbe Frage 25 Mal am Tag, sie erkennen die nächsten Angehörigen nicht mehr, sie wollen zur Arbeit gehen, obwohl sie schon längst in Rente sind, sie bringen Tageszeit und Datum durcheinander, sie finden in der Wohnung die Zimmer nicht, und wie ihre Kinder heißen, haben sie vergessen: Die Alzheimer-Erkrankung ist ein sehr langsam fortschreitender Untergang von Nervenzellen und Nervenzellkontakten. Betroffen sind vor allem jene Abschnitte des Gehirns, die für Denkvermögen, Sprache und Orientierung zuständig sind.

Autor:

Frank Westermann

"Weg vom Geist" oder "ohne Geist": So lautet die wörtliche Übersetzung des Begriffs "Demenz" aus dem Lateinischen. Der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit ist für Erkrankte und Angehörige gleichermaßen eine Katastrophe, die das Leben komplett verändert. Seit zehn Jahren können sich Familienmitglieder dabei an die "Schaumburger Selbsthilfegruppe für Angehörige von Demenzkranken" wenden, die Annelore Grope gründete. "Weil die Zahl der Erkrankten rapide anstieg", erklärt die Sozialarbeiterin des Schaumburger Gesundheitsamtes die Gründe. Denn wer einen Demenzkranken pflegen muss, führt oftmals von heute auf morgen ein anderes Leben: "Das soziale Umfeld schränkt sich ein, es gibt weder Zeit noch Kraft für andere Menschen oder Aufgaben." Der Kranke wirkt fremd, die Krankheit selber befremdend, Ratschläge und Tipps können Außenstehende schlecht oder gar nicht geben. Im Vordergrund steht die emotionale Wahrnehmung eineskranken Menschen, der auf das geistige Niveau eines Kindes sinkt. Das Rollenbild verkehrt sich: Eltern werden zu Kindern, Kinder übernehmen die Aufgaben der Eltern. "Das ergibt Konflikte", erklärt Sozialarbeiterin Grope. Vor allem Frauen in mittleren Jahren haben sehr große Probleme, wenn etwa der Ehemann erkrankt. Sie können mit ihrem langjährigen Gatten nicht mehr reden, dazu quält sie ein schlechtes Gewissen, weil ihr eigener moralischer Anspruch hoch ist: Wer will sich schon eingestehen müssen, dass der Ehemann ins Heim muss, weil man mit der täglichen Pflege schlicht überfordert ist? Von einem "Stigma" spricht Grope in diesem Zusammenhang: Während etwa Rheuma und Diabetes als eigenständige Krankheit längst gesellschaftlich anerkannt sind, ist die Demenzerkrankung negativ besetzt: "Wer nicht richtig funktioniert, ist nichts wert", erklärt sie die oft empfundene unterbewusste Wahrnehmung, die sich in der täglichen Realität oft in einem ebenso dummen wie falschen Spruch äußert: "Es wird dann behauptet, man haben einen Erkrankten ins Heim abgeschoben." Immerhin: "Es wird besser." Die Zahl derjenigen, die Alzheimer als schlimme Krankheit ansehen und beurteilen, steigt. Was schlicht auch an der rapide steigenden Zahl der Erkrankungen liegt. Im Jahre 2015, so schätzt Grope, wird Alzheimer im Landkreis die häufigste Krankheit im Alter sein. Das liegt vor allem an der demografischen Entwicklung. Die Alzheimer-Krankheit kann schon vor dem 50. Lebensjahr auftreten, mit dem Lebensalter steigt ihre Häufigkeit steil und rapide an: Von den 60-Jährigen leidet jeder Hundertste daran, von den über 80-Jährigen jeder Dritte. Zurzeit leiden in Deutschland etwa eine Million Menschen an der Krankheit. Eine Selbsthilfegruppe, so Annelore Grope, bietet Hilfe. Neben Tipps und Informationen, etwaüber Geld und Kosten, gibt es auch ein stärkendes Gruppengefühl: Wie gehen andere mit der Erkrankung um? Denn die Bedürfnisse der betreuenden Angehörigen müssen in der täglichen Pflegewelt ganz zurückgestellt werden, erklärt Grope: "Das Leben wird ganz massiv beeinflusst. Das reicht bis zur völligen Aufgabe der Selbstbestimmung." Denn die Erkrankten sind ganz selten dankbar, immer unruhig, stets egoistisch: "Weil sie andere nicht mehr sehen, niemanden mehr wahrnehmen." Die Folge: "Es zählen nur noch die Bedürfnisse des Erkrankten, nichts anderes mehr." Denn der Demenzkranke ist ab einem gewissen Stadium nur noch selten zu erreichen, etwa über körperlichen Kontakt oder über die Musik. Die Stärke der Selbsthilfegruppe, erklärt Sozialarbeiterin Grope, liegt in ihrer inneren Geschlossenheit: Hier kann sich jeder geben, wie er fühlt, kann geredet, geweint, geklagt und getröstet werden, ohne dass die Gefahr besteht dass jemals nur ein Wort nach außen kommt: "Es bleibt alles in der Gruppe." Oftmals, so sagt Annelore Grope, machen es sich die Angehörigen selber schwer: "Viele kommen viel zu spät, um sich Rat und Unterstützung zu holen." Da wirkt sie dann noch, die gesellschaftliche Scham, dass man mit der Pflege eines Angehörigen nicht allein zurecht kommt.




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