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Von wildernden Hunden und gewissenlosen Hundehaltern hierzulande einst und jetzt

Dem Trieb erlegen

Wachhund, Schoßhund, Ziehhund, Kriegshund, Blindenhund, Spürhund, Hirtenhund, Jagdhund – kein Tier muss mit so vielen und so unterschiedlichen Anforderungen, Vorlieben und Zumutungen von Herrchen und Frauchen zurechtkommen wie der Lieblingsvierbeiner der Deutschen. Trotz oder gerade wegen dieser einseitig-eindeutigen Rollenverteilung hat sich im Laufe von Jahrtausenden ein von gegenseitiger Zuneigung geprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Ungemütlich wird es nur, wenn sich der ansonsten friedlich-folgsame Begleiter seinem angeborenen Jagdtrieb hingibt. Nach Expertenmeinung erleben Hunde die Hatz als eine Art adrenalingesteuerten Zwangsrausch. Die Reaktion der Zweibeiner fällt seit alters her höchst zwiespältig aus. Hundehalter werden als uneinsichtige Egoisten beschimpft. Jäger bestehen auf Schießbefehl und Leinenzwang. Und Tierfreunde halten den moralisch-ethischen Zeigefinger hoch.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Besonders heftig ging und geht es in harten Wintern zu. Einen der kältesten und schneereichsten seit Menschengedenken gab es vor 75 Jahren. „Bindet die Hunde an!“ warnte am 26. Januar 1940 die Landes-Zeitung und wies auf die immer bedrohlicher werdenden Wetterbedingungen hin. „Der Winter hat seit sechs Wochen hintereinander Frost gebracht, und er hat uns Schneemassen beschert, wie sie in unseren Breitengraden fast unvorstellbar waren“. Alle Länder Europas seufzten und stöhnten. „In diesen Tagen, wo der Schnee sein weißes Tuch über die Erde ausgebreitet hat, fällt es unserem Wild sehr schwer, die tägliche Nahrung zu finden“. Man sehe die Tiere deshalb häufiger als sonst aus den Wäldern heraustreten, um sich das zum Leben notwendige Futter zu suchen. „Dabei wird es immer wieder von herumstreifenden und wildernden Hunden gestört und gejagt“.

Die Sorge war nicht übertrieben. Zeitungsberichten zufolge wurden in der hiesigen Region allein im Februar 1940 an die 20 Hunde-Hetz- und Reiß-Attacken gezählt. Das Gros der Opfer waren Rehe und Schafe. Es kam zu dramatischen Szenen. Ein Augenzeuge aus Bückeburg berichtete, dass ein in der Stadt beheimateter Schäferhund erneut ein Reh gejagt und gerissen habe. Es sei nicht dessen erstes Opfer gewesen. „Bereits vorher hetzte dieser Hund einen Kitzbock derart zu Schanden, dass der auf ein eingezäuntes Grundstück flüchtete und zusammenbrach“. Tierfreunde hätten dafür gesorgt, „dass der zuständige Beamte das Böcklein baldmöglichst abgeschossen hat“.

Ähnliche Vorfälle wurden auch aus anderen heimischen Städten und Dörfern gemeldet. In Steinbergen wurden sieben Rehe und in Buchholz fünf Stück Rotwild „total ermattet und stark zerrissen“ aufgefunden. Auch bei etlichen der sieben in Röcke verendeten Rehe waren laut Zeitungsberichterstattung Hunde im Spiel gewesen. „Mitschuldig an all dem Elend ist aber der Mensch, der in seiner Pflichtvergessenheit und Gleichgültigkeit nicht immer der Heger und Pfleger und der große Freund der Tiere in der freien Natur ist“, kommentierten die hiesigen Blätter. „Der eine hat es an Futterstellen und Heu fehlen lassen, und der andere war gedanken- und gewissenlos genug, seinen Hund ohne Aufsicht herumlaufen zu lassen“.

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Für das größte Aufsehen weit und breit sorgte damals eine Attacke auf dem Exerzierplatz westlich von Bückeburg an der preußisch-schaumburg-lippischen Landesgrenze. Zwei Schäferhunde waren nachts in ein dort eingerichtetes Schafgehege eingedrungen. „Von den 27 Schafen, die von zwei blutgierigen Hunden getötet und schwer verletzt wurden, waren mehrere so zerrissen, dass das Fleisch trotz der sofort erfolgten Notschlachtungen nicht mehr der menschlichen Ernährung zugeführt werden kann“ war zu lesen. Ausdrücklich wurde auch auf die finanziellen Folgen verwiesen. „Wenn bei einem Angriff so viel Nahrung vernichtet werden kann, wie unermesslich hoch muß dann erst der Schaden sein, der von blutgierigen, wildernden und Nacht für Nacht in Feld und Wald herumstreifenden Hunden innerhalb eines Jahres im ganzen Reich angerichtet wird.“

Grund für die Betonung des volkswirtschaftlichen Schadens war die damals zunehmend spürbare Lebensmittelknappheit. Hitler-Deutschland war im Krieg. Die Menschen wurden beinahe täglich zu Konsumverzicht und Selbstversorgung aufgerufen. Angesichts dieser, von der NS-Regierung zu verantworteten Entwicklung kamen die Hinweise auf vierbeinige Volksschädlinge und die Klagen über die Unverfrorenheit von Hundehaltern gerade recht.

Die Vorgänge und Ereignisse vor 75 Jahren waren und sind kein Einzelfall. Berichte über „wildernde Hunde im Blutrausch“ füllen ganze Akten- und Zeitungsbände. Verändert haben sich nur die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die Einstellung der Menschen und die gesetzgeberischen Vorgaben der Obrigkeit. So war es über Jahrhunderte hinweg üblich, missliebige Vierbeiner „jagdunfähig“ zu machen. Die gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges als Interimsherrscherin amtierende Gräfin Elisabeth, Herrscherin zu Holstein und Schaumburg, unterschrieb 1644 ein „Mandat, die Hunde mit Knütteln zu versehen“. Darin stand, „daß ein Jeglicher im Land seinen Hunden, einen starken Knüttel (Holzknüppel) ellenlangs stündlich anhängen und solches nicht unterlassen solle“. Bei Nichtbefolgung drohte ein Reichsthaler Strafe.

Hundert Jahre später wurden die Auflagen von Elisabeths Nachfahre Albrecht Wolfgang (Regierungszeit 1728 bis 1748) erneuert und verschärft. Er habe „mit großem Mißfallen“ vernehmen müssen, „daß verschiedene Unserer Landsassen, Bedienten und Unterthanen sich unterstehen, ihre Hunde mit sich über Feld und in die Wild-Bahn zu nehmen, und daselbst frey herum laufen zu lassen“, heißt es in einer 1746 auf den Weg gebrachten „Verordnung wegen des Herumlaufens der Hunde“. „Also befehlen Wir allen und jedem, er sey wer er wolle, und ohne einige Ausnahme, daß niemand sich hinführo unterstehen solle, einen Hund in Unsere Wild-Bahn mit sich zu nehmen oder auch nur in den gemeinen Heer- und andern Straßen laufen zu lassen, er habe denn denselben einen starken Knüppel angehänget“.

Noch rigoroser ging man in der benachbarten, damals zu Hessen gehörenden Grafschaft Schaumburg gegen verdächtige Hunde und Hundehalter vor. Nach einer von der Regierung in Kassel 1722 abgefassten „Erneuerten Jagd-Ordnung“ mussten alle „grosse niederreissende weitläuffrige Jagd- und Parforce-Hunde, so die Wild-Bahne verösen, samt den Mistbellern, welchen andere Hunde nachfolgen, durchgehends abgeschafft“ werden. Besitzer und Halter von „Rüdden, die zum Jagen und Schweine-Hatze zu gebrauchen“, hatten ihren Vierbeinern „Schleiffketten, oder Knüppel von zwey Schuen lang und ein Bindstock dicke“ anzuhängen. „Alle miteinander aber, sie seyen beschaffen, wie sie wollen“, durften keinesfalls „in die Wälder, Felder oder Gärten mitgenommen, noch daselbst geduldet“ werden und wurden, genauso wie „Prügellos gefundene Hunde allda auf der Stelle tod geschossen.“

Zu den engsten Verwandten und Stammvätern unserer Haushunde gehörten die der Gattung „Wolfs- und Schakalartige“ zugerechneten Raubtiere Polarfuchs, Rotfuchs, Wolf (Canislupusoccidentalis) und Kojote (Darstellung aus der 1902 erschienenen englischsprachigen „The New International Encyclopedia“).

gp (4Repros)

Im Winter trieb es Rehe und andere Tiere des Waldes häufiger als sonst in die Nähe der menschlichen Behausungen, um dort das zum Überleben notwendige Futter zu suchen. Illustration des Tiermalers Ludwig Beckmann (1822-1902) aus dem Jahre 1872.

Mit besonders rigorosen Vorschriften versuchten Graf Albrecht Wolfgang zu Schaumburg-Lippe (Regierungszeit 1728 bis 1748, Bild links), und Landgraf Karl von Hessen-Kassel (Regierungszeit 1670-1730) die wildernden Hunde in ihren Territorien in den Griff zu bekommen.



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