weather-image
Wie ein heiliger Schwur an der aus Röcke geholten Fachwerkkapelle und ein Schmied aus Neesen die Pest besiegten

Das Wunder von Nammen

Wir schreiben das Jahr 1184. Es sind unruhige, kriegerische Zeiten. Immer wieder Landsknechte im Dorf und der Umgebung. Die Soldateska bewegt sich auf den wenigen befestigten Straßen, in unserem Bereich auf der Heerstraße von Osnabrück nach Hannover, der später die Bundesstraße 65 ist. Nahe der jetzigen schaumburg-lippischen Landesgrenze nach Westfalen, der Röcker Klus, lebt im Walde ein Einsiedlermönch. Den Landsknechten eine Kapelle errichten, auf der sie auf ihrem Wege Einkehr halten können, ein Gebet sprechen können, vielleicht zur Einsicht zu mehr Rücksichtnahme kommen, das ist die Eingebung, die der Mönch von seinem Herrgott bekommen hat.

270_008_7660653_fe_kirche5_1001.jpg

Autor:

Kurt Römming

Und so entsteht in einer Jahresarbeit nördlich, nicht weit der Heerstraße auf einem abgeflachten Hügel, später der Katholikenhügel genannt, in Eichenfachwerk das kleine Gotteshaus. Mancher Landsknecht, aber auch mancher, vor der Soldateska auf der Flucht, hält hier Einkehr.

So weit die Überlieferung aus der damaligen Zeit. Der Einsiedlermönch ist längst gestorben. Die Kapelle, von Wald umgeben, gerät in Vergessenheit. Da kommt den Bewohnern aus dem Nachbardorf Nammen, die noch ohne Gotteshaus sind, die Idee, die Kapelle in Röcke abzubauen und in ihrer Dorfmitte wieder zu errichten. Generationenlang ist ihnen das kleine Gotteshaus, dem heiligen Sankt Laurentius geweiht, dann Mittelpunkt ihres Dorflebens, bis 1523 die Kapelle wegen Baufälligkeit abgebrochen und an selbiger Stelle durch einen etwas größeren Neubau ersetzt wird. Diese Nachfolgekapelle in dem zu Porta Westfalica gehörenden Dorf Nammen wird nun bald 500 Jahre alt. Sie ist damit Deutschlands älteste Fachwerkkapelle, wird noch voll genutzt und ist als Sigwardsweg-Pilgerstation Nr. 5 auf dem Pilgerweg von Minden nach Idensen am Steinhuder Meer ein beliebter Anlaufpunkt.

Im späten Mittelalter – und damit in der Geschichte der Vorgängerkapelle von 1184 – anzusiedeln ist der Ursprung des Gelübdes und einer – soweit bekannt – im deutschsprachigen Raum einmaligen Tradition, die in Nammen bis heute aufrecht erhalten wird: Die hohen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten werden im Dorf seither mit einem „dritten“ Feiertag begangen. In der Kapellenchronik findet man nur wenige Hinweise auf das, was über fünf Jahrhunderte mündlich von einer Generation zur anderen weiter gegeben worden ist. Man spricht von dem Nammer „Wunder der Heiligen Nacht“.

270_008_7660655_fe_kirche2_1001.jpg
270_008_7660652_fe_kirche4_1001.jpg

Noch vor der Erbauung der heutigen St.-Laurentius-Kapelle wütete im hiesigen Raum wieder einmal die Pestilenz. Es war die Vorweihnachtszeit. Nammen war von der tödlichen Krankheit besonders hart betroffen. Nicht eines der knapp 50 Häuser des Dorfes wurde von der Epidemie verschont. Überall gab es Pestkranke, viele Familien hatten Tote zu beklagen. Nicht einmal das Vieh konnte geschützt werden.

Nammen war in der Zeit noch gänzlich von Wald eingeschlossen. Nach Westen hin bildete der dichte Gürtel zwischen dem Wesergebirge und dem Nammer Holz eine natürliche Barriere. Trotzdem drang die Kunde von den verheerenden Auswirkungen der Pestepidemie nach außen, aber niemand wagte sich ins Dorf. Im Weserdorf Neesen, durch die Lerbecker Gemarkung von Nammen getrennt, lebte ein frommer Schmied. Er hatte nicht nur wegen seines Fleißes und seines Könnens hohes Ansehen, er war auch als Freund und Helfer in Notsituationen geachtet. Im stillen Kämmerlein fasste er den Entschluss, nach Nammen zu gehen und den bedrängten Menschen zu helfen.

Zuvor schmiedete er sich einen langen Haken, in der Art eines Feuerhakens. Ein daran befestigtes Brettchen war für die Weiterreichung von Nahrung an die „Unberührbaren“ gedacht. Seine junge Frau, die bald ein Kind erwartete, bangte um ihn und um die Gesundheit der Familie und versuchte ihn zurückzuhalten. Ihr Bemühen war ohne Erfolg. „Wenn uns der Herrgott ein gesundes Kind schenken soll, dann lass mich ziehen“, war seine Antwort.

Mit seinem „Pesthaken“ und Verpflegung ausgerüstet und von guten Wünschen seiner Frau und den über seinen Mut verwunderten Einwohnern von Neesen begleitet, machte er sich auf den Weg nach Nammen.

Hier bot sich ihm ein schier unübersehbarer Berg schwerster Arbeit. Doch unerschrocken sorgte er mit der Unterstützung einiger Männer im Dorf, die noch zur Mithilfe imstande waren, für die Bestattung der Toten. Verstorbene waren in fast allen Häusern vorzufinden. Mit dem langen Haken zog er sie nach draußen und brachte sie weiter zu ihrer Ruhestätte. Auch das tote Vieh wurde in gemeinsamer Arbeit aus den Häusern zum „Kuhkamp“ geschafft und dort begraben.

Unerschrocken trat der Schmied von Neesen in diesen Tagen vor Weihnachten der Pest entgegen. Doch es schien, als sei er ihrem Wüten nicht gewachsen. In seiner Not versammelte er die noch gesunden Nammer vor dem Altar der St.-Laurentius-Kapelle und betete mit ihnen zu Gott. Und dann tat die kleine Gemeinde einen heiligen Schwur: Man gelobte vor dem Allmächtigen, wenn er der Pest Einhalt gebiete und Mensch und Tier wieder segne, wolle man für alle Zeiten die hohen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten im Dorf mit einem dritten Feiertag begehen. Dreimal umschritten die wenigen noch Gesunden die Fachwerkkapelle, und jedes Mal bekräftigten sie das Gelübde.

Es geschah das „Wunder der Heiligen Nacht“, wie man es im späteren Abstand in Nammen bezeichnete. Der Notruf der bedrängten Einwohner wurde von Gott erhört. Die Weihnachtstage verliefen ohne jeden Todesfall. Alle Kranken wurden gesund, und auch das Vieh erholte sich von der schrecklichen Seuche.

Als aber der mit großem Dank verabschiedete Schmied nach Neesen heimkehrte, brachte man ihm schon die freudige Nachricht entgegen. Seine Frau hatte ihm am Heiligen Abend einen gesunden Sohn geboren.

1776, so berichtet die Chronik, wiederholten die Dorfbewohner in der St.-Laurentius- Kapelle den heiligen Schwur, als eine heimtückische Krankheit alle Kühe des Dorfes dahingerafft hatte. Die Bekräftigung des Gelübdes war den Nammern sehr wichtig, hatte doch der Berliner Kirchenerlass von 1773 den in den evangelischen deutschen Landen üblichen „dritten Feiertag“ wegen „der Überlastung der Pfarrer“ abgeschafft.

Nachzulesen ist auch, dass vor Generationen einer der Nammer Bauern das Gelübde missachtete. Er war am dritten Ostertag mit einer Kuh auf dem Wege zum Viehmarkt nach Minden. Ohne jede erkennbare Ursache soll das gesunde Tier hinter dem Nammer Holz plötzlich tot umgefallen sein. Es war die Strafe dafür, so sagt der Volksmund, dass der Bauer das Versprechen der Väter missachtete. Nach Nammen zurückgekehrt war ihm der Spott der Dorfbewohner gewiss.

Bis etwa zum Zweiten Weltkrieg hin wurde in dem bis dahin rein landwirtschaftlich strukturierten Nammen am dritten Feiertag nur die unbedingt notwendige „Sonntagsarbeit“ im Stall verrichtet. Der Zeitwandel hat danach manches verändert. Geblieben ist der Gottesdienst am Tag nach den hohen Festen in der St.-Laurentius-Kapelle, in dem des Ereignisses vor einem halben Jahrtausend gedacht und das Gelübde der Vorfahren erfüllt wird. Und zu diesem Gottesdienst – des Öfteren in plattdeutscher Mundart – ruft dann die „Elisabeth-Glocke“ im Turm der Kapelle, die Zeitzeuge manches Geschehens in langer vergangener Vorzeit gewesen ist.

Und was erinnert im schaumburg-lippischen Bückeburg-Röcke noch an die 1184 von dem Einsiedlermönch errichtete erste Kapelle? Einmal ist da der noch vorhandene „Katholikenhügel“, auf dem das kleine Gotteshaus einmal gestanden hat. Dann kennt man von alters her die Bezeichnung „Klus“ für die alte Heerstraße, die frühere B 65, einmal im westlichen Teil von Röcke und weiter nach Minden hinein im westfälischen Minden, dort allerdings mit „C“ geschrieben. Auch das bekannte Hotel am Ort trägt die Bezeichnung „Große Klus“. Und „Klus“ ist eben abgeleitet von „Klause“, der alten Bezeichnung für „Kapelle“. Unverkennbar, dieser Zusammenhang!

Eine Skulptur in der Kapelle, von einer Künstlerin aus Südtirol geschaffen, zeigt St. Laurentius mit einem Kind und mit einem Kranken an der Hand (kleines Bild, oben).

Die älteste bekannte Federzeichnung zeigt die St.-Laurentius-Kapelle in etwas verschobenen Proportionen.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt