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„Das würde auf eine Revolution hinauslaufen“

„Ohne unsere Frauen würde gar nichts gehen!“ – das sagen sie alle, die Männer in ihren Vereinigungen, die sich dann doch nur untereinander treffen, um Grünkohl zu essen oder das Bockbier anzustechen, um Wohltätigkeitsveranstaltungen zu organisieren, Vorträge anzuhören und vor allem: um Beziehungen zu knüpfen. Emanzipation und Gleichstellung hin oder her: Es gibt eine Reihe Schaumburger Männerbünde, zu denen Frauen von je her keinen Zutritt haben. „Das war schon immer so!“, heißt es. „Das hat doch gar nichts weiter zu bedeuten!“ oder: „Es ist eben schwer, mit Traditionen zu brechen.“

Männer, wohin man sieht – auch beim Bockbieranstich in Rin

Autor:

Cornelia Kurth

Im Bürgerbataillon Bückeburg besteht die männerbündische Tradition tatsächlich schon seit Jahrhunderten. Bereits im Jahr 1609, als Bückeburg zur Stadt erhoben wurde, findet eine „Bürgerwehr“ Erwähnung: lauter Zivilisten, die den Wachdienst zu versehen hatten und den Umgang mit Waffen erlernten, um die Stadt zunächst während des Dreißigjährigen Krieges gegen plündernde Horden zu verteidigen. Auch in späteren Jahrhunderten gab es „Bürgerschießen“ mit ausgelobten Preisen als Anregung zu möglichst eifrigem Waffentraining. Klar, dass im Bückeburger Bürgerbataillon keine Frauen dabei waren.

Heute sind die Aufgaben des Bürgerbataillons ganz und gar zivil ausgerichtet. „Wir wollen gute Nachbarschaften entstehen lassen und die Leute anregen, mal aus ihrer Hütte rauszukommen“, sagt Stadtmajor Rolf Netzer. „Dabei sprechen wir auch Neubürger an, um mit uns zu wandern, Skat zu spielen oder Wohltätigkeits-Events zu organisieren.“

Im Förderverein mit seinen 600 Mitgliedern und wo immer Unterstützung gebraucht wird, sind Frauen gern gesehen. Doch wenn es ums Königsschießen geht, um den großen Aufmarsch zum Schützenfest oder das Grünkohlessen, zu dem am heutigen Freitag wieder 550 Gäste zusammenkommen werden, dann sind das reine Männerangelegenheiten.

Hoch die Krüge: Das Grünkohlessen des Bückeburger Bürgerbataillo
  • Hoch die Krüge: Das Grünkohlessen des Bückeburger Bürgerbataillons ist eine reine Männerangelegenheit. „Es wäre nicht mehr dasselbe, wenn sich Frauen daruntermischen würden“, sagt Stadtmajor Rolf Netzer. Fotos: Archiv

„Ihr seid wohl noch nicht so weit!“ – diesen Spruch bekommt Rolf Netzer manches Mal zu hören. Eigentlich kann er da nur mit einem „Nein, das sind wir nicht“ antworten. Die Remise im Fürstenhaus, wo das Grünkohlessen stattfindet, sei eben einfach zu klein, sagt er. Solle man da extra ein Zelt aufbauen? Oder einzelne Männer ausladen, um auf Teufel-komm-raus Platz für Frauen zu schaffen?

„Das Thema kommt bei uns gar nicht auf“, so Netzer. „Genau so wenig, wie die Frage, ob Frauen Schützenkönig werden könnten. Das Bürgerbataillon ist Männertradition von seinem Ursprung her. Es wäre nicht mehr dasselbe, wenn sich da Frauen unter die Männer mischen würden.“

Was Rolf Netzer nicht direkt sagt, was aber wohl in allen Männerbünden bis hin zu Lions – und Rotary Clubs durchaus eine Rolle spielt, dafür findet Franz-Josef Stöckl als Leiter des Rintelner Bockbier-Komitees klare Worte: „Die Männer gehen nun mal gerne einen trinken. Wie soll das Spaß machen, wenn die Frauen dabei sind, um ihre Jungs am Schlafittchen zu packen und sie viel zu früh nach Hause zu ziehen?“ Wenn gar fremde Damen in die Männerdomäne eindringen würden, ginge die ansonsten unverbrüchliche Solidarität der Ehefrauen rasch verloren.

Zudem besäße auch der Bockbieranstich eine Männergeschichte. In Rinteln entwickelte sich das Trinkfest vor 15 Jahren nach dem Vorbild des Bockbieranstichs der Schaumburger Privatbrauerei in Stadthagen, der vor Jahrzehnten ursprünglich mit den Gastwirten aus der Umgebung begangen wurde. Diese durften je fünf Gäste mitbringen, und da wählten sie gerne einflussreiche Persönlichkeiten unter den Geschäftsleuten und Politikern. Frauen gehörten nicht dazu.

So ähnlich sah es auch aus, als im Jahr 1974 der Lions Club Rinteln gegründet wurde. Für die reine Herrengruppe stand es damals überhaupt nicht zur Debatte, auch Frauen anzusprechen. Die Lions Clubs – der erste entstand 1917 in Amerika – waren Herrenclubs und setzten sich zusammen aus bedeutenden Bürgern der Mittel- und Oberschicht. Ihr erklärtes Ziel war es, sich für das Gemeinwohl zu engagieren. Der angenehme Nebeneffekt bestand darin, ein exklusives Netzwerk zu bilden, dem anzugehören eine Ehre war und das die eigene gesellschaftliche Stellung stärkte. Frauen, die damals nur selten öffentlichkeitswirksame Entscheidungen treffen konnten, den Zutritt zu gewähren hätte der Bedeutung der Clubs nur Abbruch getan.

So war es kein Wunder, dass auch die Rintelner in ihrer Vereinssatzung einen Passus einfügten, der Frauen immer noch von der Mitgliedschaft ausschließt. Obwohl internationale Gerichtsurteile seit 1987 verfügen, dass solch eine Exklusivität nicht mehr statthaft sei – längst gibt es gemischte und rein weibliche Lions Clubs – haben die Rintelner Lions nicht vor, ihre Statuten zu ändern.

„Es ist bisher einfach sehr gut gelaufen“, erklärt der derzeitige Präsident Wolfgang Stoff. „Unsere Vereinssatzung zu ändern, das würde auf eine Revolution hinauslaufen. Und Revolution machen – das ist immer schwer.“

Selbst wenn die Satzung geändert würde, hieße das noch lange nicht, es entstünde plötzlich ein direktes Miteinander von Männern und Frauen im Lions Club Rinteln. Den Rotariern in Bückeburg zum Beispiel blieb gar nichts anderes übrig, als die Mitgliedschaft von Frauen offiziell möglich zu machen. Das verfügt Rotary International bereits seit 1989 für alle seine Clubs. Trotzdem sind die Rotarier-Herren immer noch unter sich. Da sowohl bei den Lions als auch bei Rotary zukünftige Mitglieder nur auf persönliche Einladung hin angenommen werden, liegt es letztlich bei den einzelnen Clubs vor Ort, wie sie mit der „Frauenfrage“ umgehen.

Wolfgang Stoff gesteht freundlich ein, dass Frauen wohl kaum eine Chance hätten, das Auswahlverfahren zu bestehen. Schlägt ein Lions-Club-Mitglied einen neuen Kandidaten vor, wird eine interne Abstimmung mittels farbiger Kugeln anberaumt. Wer die blaue Kugel abgibt, sagt damit Ja zum potenziellen Neumitglied. Ist aber nur eine einzige rote Kugel dabei, streicht man den Vorschlag sofort wieder von der Liste. „Ich gebe zu, dass auch ich aus Prinzip gegen eine Frau stimmen würde“, meint Stoff.

Aber warum nur? Längst haben doch Frauen gesellschaftliche Positionen erreicht, die es ihnen ermöglichen sollten, verantwortungsvoll für die wohltätigen Ziele des Clubs tätig zu sein. Das beweisen Frauen-Lions-Clubs wie „Judica“ in Bückeburg, deren Präsidentin Kriemhilde Wehmann aus Todenmann nach kurzer Zeit die hohe Position eines Distrikt Governors erreichte.

„Von deren Aktivitäten könnten wir uns ruhig eine Scheibe abschneiden“, meint Stoff denn auch voller Anerkennung. Er habe nichts gegen Lions-Frauen, nur solle in seinem Club alles so bleiben wie bisher, mit den entstandenen Freundschaften, den unbefangenen Clubabenden, dieser ganz bestimmten Stimmung unter Männer, die, wie er sagt, im Kegelclub auch gar nicht so anders wäre.

Der Rotary Club Bückeburg besteht seit über 40 Jahren als reiner Herrenclub und „Gemeinschaft von Berufsleuten“. Dabei besteht der Anspruch, in den Zusammensetzungen der Club-Mitglieder ein Spiegelbild der bürgerlichen Gesellschaft abzugeben.

„Ich folge da ganz der Linie von Rotary International“, sagt Club-Präsident Klaus Lemme. „Und das bedeutet: Wir sind auf der Suche nach geeigneten Frauen!“ Im 21. Jahrhundert sei es nicht mehr angebracht, auf weibliche Mitglieder zu verzichten. „Doch was in Großstädten wie Hannover kein Problem sei, erweist sich auf dem flachen Lande durchaus als ein solches: Wir fanden bisher keine Frauen, die bereit und in der Lage waren, die Rotary-Verpflichtungen in ihren beruflichen Alltag zu integrieren.“

Die Rotarier treffen sich jeden Donnerstag in der Mittagszeit, um Gespräche zu führen, Vorträge anzuhören und Aktionen zu planen. Die Teilnahme an diesen Meetings ist verpflichtend. Es sei sein persönliches Anliegen, Frauen in den Club zu bringen, doch alle, die bisher dafür angesprochen worden seien, hätten aus Zeitgründen bereits im Vorfeld abgewinkt, so Lemme. „Ich gehe aber zuversichtlich davon aus, dass es uns noch in diesem Jahr gelingt, mindestens ein weibliches Mitglied zu gewinnen.“

Man wird sehen. Dieses Ereignis wird sicher von sich reden machen. Und vielleicht sogar die als so schwer empfundene „Revolution“ in anderen Männerbünden ins Rollen bringen. Denn schließlich sagen sie doch alle, dass ohne Frauen gar nichts geht.

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