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Das Wesertückenland

Das war ein richtig schönes Wochenende, wir hatten ein nettes Hotel, haben lecker gegessen, schöne Ausflüge kann man da machen, und die Leute dort, die sind echt nett.“ Wenn einer eine Reise macht, dann wird er in jedem Fall davon erzählen, im besten Fall wird er vor Freunden, Bekannten, Nachbarn, Arbeitskollegen schwärmen, wie toll alles gewesen ist. Im Weserbergland kann man von einer solchen positiven Mund-zu-Mund-Propaganda der Gäste nur träumen. Hier ist es zwar schön und ganz okay – aber Gold glänzt anders.

Thomas Thimm

Autor

Thomas Thimm Stv. Chefredakteur zur Autorenseite

Im Weserbergland gibt es für die Touristen leider nur das Standardprogramm, Besonderes gibt es nicht viel, und wenn, dann kann es sein, dass es entweder schlecht zu finden ist oder verschlossen. Tourismusforscher haben sich monatelang zwischen Hannoversch Münden und Porta Westfalica herumgetrieben, haben getestet, ausprobiert, der Tourismusbranche an der Weser auf den Zahn gefühlt. Am Ende steht ein nicht total vernichtendes, aber dennoch ein schlechtes wie unmissverständliches Urteil: Das Qualitätsniveau sollte dringendst angehoben werden. Zu Deutsch: Es ist nicht weit her mit dem touristischen Angebot in der Touristenregion.

So könne es schon passieren, dass ein Tourist nach Hameln oder Rinteln komme, in einem sanierungsbedürftigen Hotel lande, vom Hotelier muffelig empfangen werde, in einem Restaurant von nicht gerade hoch motiviertem Personal ein mäßiges Essen vorgesetzt bekomme, sich bei der Suche nach dem „Was ist hier denn noch so los?“ schnell allein gelassen fühle und durchaus auch mal vor einem verschlossenen Ausflugsziel stehe. Wird dieser Kunde zufrieden sein und wiederkommen? Wohl eher nicht.

Petra Wegener vom Verein „Weserbergland Tourismus“ ist sich sicher, dass die Region schnell umdenken muss, will man in der Konkurrenz zu anderen Ferienregionen nicht hinten runterfallen. Wegener hat stellvertretend für die Region und 33 600 Menschen, die hier mit oder vom Tourismus leben, die Mängelliste auf dem Tisch liegen. 164 Seiten stark. Schwarz auf weiß.

Eigentlich sei man ja „gar nicht so schlecht aufgestellt“, sagt Petra Wegener, schließlich gehöre das Weserbergland nach dem Ritterschlag durch das Land Niedersachsen „nun auch offiziell zu den vier Top-Destinationen im Lande“. Und die Zahlen, mit denen man den Erfolg von Touristengegenden messe, seien „stabil und recht positiv“. 48,7 Millionen Tagesgäste und 5,4 Millionen Übernachtungsgäste sorgen im Jahr für einen Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Wegener: „Der Tourismus ist einer der größten und wichtigsten Wirtschaftszweige der Region.“

So weit, so gut. Oder doch eher schlecht? Die Mängelliste der Tourismusforscher ist nämlich lang. Das fängt beim Gesamteindruck der Region an, es gebe „zu wenig wertvolle Ortsbilder“. Dafür gebe es zu viel Leerstand in den Städten und Dörfern, viele von denen sehen demnach arg ramponiert aus, urteilen die Forscher und finden noch klarere Worte: „Mancherorts sieht es ein bisschen wie Nachkriegszeit aus.“ Aus den vielen Burgen, Schlössern und Herrschaftshäusern mache die Region viel zu wenig, die meisten seien nicht zugänglich, sanierungsbedürftig oder nicht immer geöffnet – für zahlende Gäste also uninteressant. Unterm Strich heißt so etwas: Der Attraktivitätsgrad reicht bis ins untere Mittelfeld.

Doch damit nicht genug: Dem Weserbergland fehlen herausragende Alleinstellungsmerkmale, das Erlebnis- und Qualitätsniveau sei eher gering, die Rad- und Wanderwege weisen „erhebliche Mängel“ auf. Hinzu kommt nach Feststellung der Trierer Forscher ein Missverhältnis zwischen der Innenwahrnehmung des kulturellen Angebotes und des tatsächlichen Angebotes. Wegener übersetzt: „Wir glauben, dass wir schon weit sind, doch wir sind es tatsächlich eben nicht. Wir zeigen unsere alte Kulturlandschaft zu wenig. Und wir machen unsere Renaissance zu wenig zum Erlebnis für die Touristen.“ Das sei aber noch immer nicht alles, das dicke Ende komme an anderer Stelle: Hotels seien sanierungsbedürftig, die gastronomische Präsentation sei häufig ohne Pfiff, und an der Ansprache und Freundlichkeit hapere es ebenso wie an Qualität und Service. Wegener: „Wir bieten zu viel Standardherbergen, Standardessen, Standardprogramm – Standard macht aber keinen Gast glücklich.“

Wirklich „happy“ scheinen hierzulande, so ein weiteres Urteil der Tourismusforscher, offenbar die wenigsten mit ihrer Gastgeberrolle zu sein. So fehle, erläutert Wegener, „das breite Bewusstsein, dass wir eine Ferienregion sind“. Und daraus resultieren dann offenbar weitere Fehler: „Wir leben hier nicht den Tourismus, wir begeistern nicht, wir präsentieren dem Gast nicht das wirklich Tolle.“ Das mache sich übrigens nicht nur an Rezeptionen, Informationsschaltern oder Restauranttischen bemerkbar, nein, es sei auch ein Problem der Politiker und der Verwaltungen. Die nämlich steckten zu wenig Geld in das Tourismusgeschäft, so die Trierer Experten um Professor Heinz-Dieter Quack. Wegener erzählt aus eigener Erfahrung: „Wir ziehen hier leider nicht alle an einem Strang. Jeder Bürgermeister, der schon mal auf Malle war, sagt, er wisse wie Tourismus geht. Und wenn man sich dann mal auf eine Linie geeinigt hat, dann wollen die wenigsten richtig investieren.“ Mit dem Tourismus einer Region sei es aber wie mit einem Unternehmen in der Wirtschaft – ohne Investitionen funktioniere das Geschäft nun mal nicht. Die öffentliche Hand müsse schnell anerkennen, dass der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren im Weserbergland sei. Nur dann könne das Geschäft mit dem Gast ausgebaut werden, nur dann könnten neue Ideen und Kampagnen umgesetzt werden, nur dann könnten die Menschen in der Region dauerhaft profitieren. Die Ideen sind alt, deshalb aber nicht schlecht – ihnen fehlt nur der Pepp: Radfahren, Wandern, historische Städte. Der Weser-Radweg müsse „schnellstens aufgepeppt werden“, sonst falle er hinter moderneren Angeboten zurück. Auch auf dem Weser-Wanderweg müsse „ganz viel geschehen“: Ein zügiger Ausbau wird empfohlen, damit Rundwanderungen und Themenwandern möglich werden. Die historischen Städte müssen nicht neu erfunden werden, aber sie gehören als Paket vermarktet. Es gibt Städte mit Charme, Fachwerk, Renaissance, Märchen und Sagen – daraus ein Erlebnis für Touristen zu machen, darin liege die Kunst.




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