×
Warum alle Gewinner sind, wozu Sondierungsgespräche gebraucht werden – und die Sache mit dem Waagscheißerle

Das sollten Sie wissen: Die Bundestagswahl von A bis Z

Berlin. Wer ist der Sieger? Welcher Buchstabe wird an diesem Sonntag am häufigsten geschrieben? Ein Leitfaden zur Bundestagswahl:

Autor:

Reinhard Urschel

Ausraster: Die Abwesenheit von Gerhard Schröder steigert die Wahrscheinlichkeit, dass der Wahlabend diesmal ohne Ausraster verläuft. In der >Elefantenrunde vor vier Jahren hatte sich der gerade abgewählte >Kanzler zum Gaudium der Zuschauer derart aufgeladen, dass selbst seine Frau Doris tags darauf von einem „suboptimalen Auftritt“ sprach. Ein ähnliches Spektakel wäre von einer abgewählten Kanzlerin Merkel kaum zu erwarten.

Basis: Häufig zitierte, unbekannte Größe. Wird von Politikern zumeist missbräuchlich als letzte Instanz vor der Entscheidung über Koalitionsverträge vorgeschoben. In Wahrheit entscheiden darüber Parteitage, also Versammlungen von Funktionären, während die echte Basis draußen bleiben muss.

Charisma: Persönliche Ausstrahlung, ohne die eine >Kanzlerin oder ein >Kanzler angeblich nicht auskommt. Darüber nachzudenken, ob Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier über genügend natürliches Charisma verfügen, ist am Sonntagabend nach 18 Uhr müßig. Dann sind andere Eigenschaften gefragt.

Direktmandat: Die Abgeordneten sind, so steht’s in Artikel 38 des Grundgesetzes, „Vertreter des ganzen Volkes“. Krone des Abgeordnetendaseins ist, ein direkt gewählter Vertreter des Volkes zu sein. Dieses Privileg genießen 299 Parlamentarier, so viel, wie es Wahlkreise gibt. Die anderen 299 Abgeordneten kommen über die Landeslisten zu ihrem Mandat, sind aber keineswegs Abgeordnete zweiter Klasse: Auch sie dürfen mit ihrem Bundestagsausweis 1. Klasse Bahn fahren.

Elefantenrunde: Traditionsveranstaltung an Wahlabenden beim öffentlichrechtlichen Fernsehen. Je nach Besetzung unterhaltsam (>Ausraster) bis sterbenslangweilig (>Sondierungsgespräche). Bestritten wird, dass die häufige Teilnahme Hans-Dietrich Genschers (FDP) zu dem Namen geführt hat. Als wahrscheinlicher gilt die Dickfelligkeit der meist schwergewichtigen Diskutanten, ihr erstes Statement mit den Worten beginnen: „Zunächst möchte ich den Wählerinnen und Wählern draußen im Lande danken …“

Fünfprozenthürde: Früher ein Angstwort für die Liberalen. Vor der Erfindung von Guido Westerwelle hatte die FDP hin und wieder Probleme, fünf Prozent der Wählerstimmen auf sich zu vereinen. Dort nämlich liegt die Hürde für den Einzug in den Bundestag. Die ganz Kleinen unter den fünf Prozent sind dennoch von Bedeutung: Wenn sie viele Stimmen bekommen haben, sinkt die prozentuale Hürde für die absolute Mehrheit der Mandate. Das könnte an diesem Wahlsonntag neben den >Überhangmandaten wahlentscheidend sein.

Feindbeobachtung: Bei früheren Wahlkämpfen fester Bestandteil der Wahlkampfführung. In diesem Jahr wegen Kuschelwahlkampfs bedeutungslos.

Gewinner: An Wahlabenden in der Mehrzahl vorhanden. Selbst nach einem Absturz lässt sich ein Vergleich finden, der einen zum Gewinner macht: Notfalls werden die Reichstagswahlen von 1919 herangezogen.

Hochrechnung: Seit es die Prognosen unmittelbar nach Schließung der Wahllokale gibt, hat die erste Hochrechnung, meist um 18.20 Uhr, an Bedeutung verloren. Je nachdem, wie die Prognosen ausgefallen sind, lassen sich die als Frühwarnsystem in die Wahlstudios entsandten Politiker ein paar unverbindliche Sätze entlocken oder auch nicht: „Ich möchte zuerst die Hochrechnung abwarten.“ In der ARD werden die Hochrechnungen plötzlich uninteressant, wenn die „Lindenstraße“ anfängt.

Injurien: Beleidigungen und Flüche werden in der Wahlnacht mehr ausgestoßen als sonst. Druckfähig sind sie nicht. Außer vielleicht: „Opposition ist Mist“.

Jubel: Brandet sekundengenau dann auf, wenn die Fernsehkameras am Wahlabend einen Blick in die Wahlzentralen der Parteien werfen. Weil dort stets zu viele zur Neutralität verpflichtete Medienvertreter herumlungern, werden die Wahlbeobachter gut durchmischt mit Jungunionisten, Jusos, Julis und Jungen Pionieren. Der J. steigert sich beim Eintreffen der Spitzenkandidaten zum rhythmischen Klatschen, so dass die Kameras mehr Zeit haben, die eingekeilten >Gewinner einzufangen.

Kanzler/in: Wird entgegen der landläufigen Behauptung vieler Politiker an diesem Tag nicht gewählt. 2002 war Edmund Stoiber nächtens für eine schwache Stunde dem Irrtum erlegen, er sei Kanzler. Rund 5000 Wähler der Grünen haben ihn eines Besseren belehrt. 2005 hat der amtierende Kanzler Angela Merkel in der >Elefantenrunde vorausgesagt, seine Leute würden sie niemals zur Kanzlerin machen. Dass es auch in diesem Fall anders gekommen ist, ist Geschichte.

Landeslisten: Sie bilden das Gegengewicht zum >Direktmandat. Ohne die Politiker von den Landeslisten wäre das Parlament nur halb voll. Die Wählerinnen und Wähler in den Kabinen bekommen die L. nicht zu Gesicht, weil auf den Wahlzetteln nur die oberen Tabellenplätze abgedruckt sind. Die Parteien sind deshalb bestrebt, ihre wichtigsten Politiker dort zu platzieren, nur die niedersächsische SPD macht es anders: Sie versucht es mit Garrelt Duin.

Menschen draußen im Lande: Als solche sind sie ein wenig aus der Mode gekommen, seit Helmut Kohl nicht mehr die Politik erklärt. Im Prinzip sind sie aber immer noch vorhanden und nötig, schon als Gegengewicht zu „denen da oben“.

Nichtwähler: Nicht mehr die Faulpelze oder Ignoranten von früher, sondern eine zunehmend selbstbewusst auftretende Gruppe innerhalb der politischen Klasse. Durch so etwas wie dynamisches Nichtwählen soll den Herrschenden gezeigt werden, wo ihre Mängel sind. Für die möglichen Folgen des Nichtwählens fühlen sie sich nicht verantwortlich.

Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE): Zum ersten Mal bereist an diesem Wahlsonntag eine Delegation der OSZE Deutschland, um nach dem Rechten zu sehen. Den offiziellen Bericht gibt es in zwei Monaten.

Professor aus Heidelberg: Hat im Wahlkampf vor vier Jahren der SPD die Regierungsbeteiligung gerettet, weil der Wahlkämpfer Schröder den CDU-Anwärter auf das Finanzressort, Paul Kirchhof, geschickt zum Buhmann aufgebaut hat. Einen Menschen nicht beim Namen zu nennen – darin steckt die kindliche Hoffnung, man könnte ihn wegzaubern. In diesem Sinne verfährt die SPD mit Oskar Lafontaine.

Qual der Wahl: Für einen aufrechten Demokraten eine Ehrensache. Wer nicht bereit ist, sich hin und wieder dieser Qual zu unterziehen, muss mit dem Makel leben, ein >Nichtwähler zu sein und nicht über die Zustände in der Politik schimpfen zu dürfen.

Regierungsbeteiligung: das Gegenteil von Opposition.

Sondierungsgespräche: Die Vorstufe von Koalitionsverhandlungen ist dazu da, die Angelegenheit in die Länge zu ziehen, wenn die Parteien keinen Schimmer haben, wie sie aus Wahlversprechen herauskommen, weil sie zum Beispiel gesagt haben: „Wir schließen die Ampel aus“, oder „Jamaika ist im Bund zu früh“.

Sieger: Weil es nur einen Sieger geben kann bei einer Wahl, aber doch alle in der Sonne stehen wollen, lautet das Zauberwort >Gewinner.

Tipps: Wahltipper an Stammtischen und in Büros liegen mitunter besser als die professionellen Umfrageinstitute. Und gewinnt, wie beim Fußballtoto, tatsächlich immer der, der am wenigsten Ahnung hat?

Überhangmandate: möglicherweise wahlentscheidend, aber bei weitem nicht so illegal, wie die Grünen und die SPD behaupten. Überhangmandate entstehen, wenn eine Partei bei den Zweitstimmen schwächelt, aber dennoch viele Wahlkreise, also viele >Direktmandate, gewinnt.

Vermittlungsproblem: Erklärung für alles, was den Parteien misslungen ist und für das sie nicht die Begriffstutzigkeit der Wählerinnen und Wähler verantwortlich machen wollen.

Weg, guter: Auf einem guten Weg sind die möglichen Koalitionspartner immer dann, wenn sie noch keine Ahnung haben, wo sie ansetzen sollen.

Waagscheißerle: So nennt man im Schwäbischen eine Person, die mit ihrer Stimme den Ausschlag geben kann. Hochdeutsch „Zünglein an der Waage“. Früher hatte die FDP diese anrüchige Rolle, im hohen Norden auch schon mal der Südschleswigsche Wählerverband. Heute müssen gelegentlich die Grünen ran.

X: Der am häufigsten geschriebene Buchstabe an diesem Tag. Die weitaus meisten Wähler malen ein X in einen der Kreise auf ihrem Wahlzettel. Die Wahl wäre aber auch gültig, wenn sie ein Häkchen machen würden. Die Regel lautet: Der Wählerwille muss klar erkennbar sein.

Ypsilantisierung: Wer so hässliche Ausdrücke wie „Umfaller“ oder „Wahlbetrüger“ vermeiden will, kann den Umstand, dass nach der Wahl etwas anderes gilt als davor, auch mit Ypsilantisierung umschreiben.

Ziel: Wird von vielen Politikern am Wahlabend neu bestimmt: Unser Ziel ist eine stabile Regierung. Unser Ziel ist eine starke Opposition. In Wahrheit wollen alle nur das eine: an die Fleischtöpfe der Macht.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt