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Auf den Spuren der Skulpturen

"Das Narrenschiff": Ausgesetzt im Meer der Zeit

Von Richard Peter

Hameln. Gerade jetzt zeige sich wieder die Aktualität von Sebastian Brants bereits 1494 in Basel entstandenem „Narrenschiff“ – ein Satz, den jede Generation durch die Jahrhunderte gebetsmühlenartig wiederholen konnte – und wiederholte. Und klar doch: Auch jetzt wieder gilt es und es galt bereits, als der Bildhauer Prof. Dr. Jürgen Weber das Thema unter dem Motto „Gewalt + Technik und Resignation zerstören das Leben, der Tod lacht Hohn“ neu aufgriff und als Spruchband rund um das Narrenschiff legte.

Von Richard Peter

Hameln. Gerade jetzt zeige sich wieder die Aktualität von Sebastian Brants bereits 1494 in Basel entstandenem „Narrenschiff“ – ein Satz, den jede Generation durch die Jahrhunderte gebetsmühlenartig wiederholen konnte – und wiederholte. Und klar doch: Auch jetzt wieder gilt es und es galt bereits, als der Bildhauer Prof. Dr. Jürgen Weber das Thema unter dem Motto „Gewalt + Technik und Resignation zerstören das Leben, der Tod lacht Hohn“ neu aufgriff und als Spruchband rund um das Narrenschiff legte.

Charlotte Flemes, die als Vorsitzende des Kunstkreises bereits 1971 Werke des Künstlers am Rathausplatz ausstellte, war an seiner Wahl für ein Kunstwerk an der „neuen Post“ nicht ganz unschuldig. Über Webers Meisterwerk sagte sie einmal, dass er damit einen Höhepunkt in seinem Schaffen erreicht habe. Ein Werk, das übrigens viele Höhepunkte – auch internationale – kennt. Zwischen 1965 bis 1971 schuf Weber sein berühmtes monumentales Werk „Krieg und Frieden“ am John F.-Kennedy-Center in Washington.

1984 begannen die Vorarbeiten für das Hamelner „Narrenschiff“, das 1987 in Anwesenheit des Künstlers eingeweiht wurde. Ein Jahr später gab es große Irritation und Aufregung bei der Post, als sie erfahren musste, dass ein Abguss des Hamelner Originals auch in Nürnberg am Obstmarkt aufgestellt worden war. Ein Vorgang, der in Kunstkreisen üblich ist.

Weber hatte für sein Werk zwei aus den 112 Kapiteln des Brantschen „Narrenschiffs“ ausgewählt. Aus dem 34. mit dem Titel „Narr heute wie gestern“ und dem 88. Kapitel „Von Plage und Strafe Gottes“.

Zu sehen: eine Nussschale, die auf Wellenkronen tanzt mit zwei Narren-Masken an Bug und Heck mit geblähten Segeln – und dennoch: Stillstand. Es geht nicht weiter, das Boot dümpelt am Ort. Die Insassen: auf der einen Seite Sinnbild des Menschen schlechthin, Adam und Eva, vom lachenden Tod in die Verzweiflung gepeitscht – und auch Kain, als noch unschuldiger Knabe, aber schon mit Messer und von Charlotte Flemes, längst Ehrenvorsitzende des Kunstkreises, einmal schlicht als „Terrorist“ bezeichnet. Adam unter dem Baum der Erkenntnis, der, bereits verdorrt, noch als Mast dient. Auf der anderen Seite: ein cholerischer Muskelmann, der für die Gewalt steht, dann ein Handwerker, ganz Diesseitsmensch und Realist für Technik und ein schlaffer Spötter für Resignation, der den Becher auskippt. Ein zeitloses Totentanz-Terzett.

Als Spruchband eingraviert: „Ein Narr ist, wer für Wunder hält, dass Gott der Herr jetzt straft die Welt und Plag auf Plage schicket noch, dieweil wir seien Christen doch“ – für Charlotte Flemes auch ein „Aufbruch zu neuen Ufern“, wie sie einmal sagte und ergänzte: „Schließlich sitzen wir alle im selben Boot.“

Weber, der viele sakrale Kunstwerke geschaffen hat und immer gegenständlich arbeitete – was beim Publikum gut ankam, aber vor Jahren von der Kunstkritik, Museumsleuten und Galeristen angegriffen wurde – ist mit dem „Narrenschiff“ ein beachtenswertes Werk gelungen. Es lohnt, sich intensiv damit zu beschäftigen. Ein Thema, das bei aller Unzulänglichkeit des literarischen Vorbilds dennoch durch alle Jahrhunderte nicht in Vergessenheit geriet und noch heute als Metapher für das Menschenleben schlechthin gilt. Der Mensch als Narr, der sich selbst zum Narren hält – sich zum Narren macht. Und nichts weniger ist als ein Ausgesetzter in einer Nussschale im Meer der Zeit. Eine andere Form des berühmten Totentanzes.

Basiert auf zwei Kapiteln des „Narrenschiffs“ von Sebastian Brant: Professor Dr. Jürgen Webers Freiplastik am Posthof.

Foto: Dana




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