×

„Das konnte es noch nicht gewesen sein“

Als Hermann K. seinen Rentenbescheid erhielt, war die Überraschung groß. „Mit ein bisschen mehr Geld hatte ich schon gerechnet. Dass es jetzt knapp würde, hatte ich erwartet. Aber dass ich auch noch Steuern und Beiträge für die Kranken- und die Pflegekasse zahlen musste, war mir vorher nicht klar. Da hatte ich mich wohl niemals richtig informiert.“ Die finanzielle Lage des 68-Jährigen ist nicht untypisch für einen Mann mit einer gebrochenen beruflichen Laufbahn. Mehrmals war Hermann K. (Name geändert) arbeitslos gewesen und hatte auch in der sonstigen Zeit nicht gerade zu den Spitzenverdienern gehört. Außerdem war seine erste Ehe gescheitert und der obligatorische Versorgungsausgleich hatte sich negativ auf seine Rentenansprüche ausgewirkt. Heute zählt er zu den Rentnern, die noch längst nicht ihren verdienten Ruhestand genießen – Hermann K. hat einen Job als Nachtwächter bei der Wach- und Schließgesellschaft in Hannover und sorgt in einem Objekt in Springe dafür, dass auch nach Feierabend dort alles seinen geregelten Gang geht.

Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Das Statistische Bundesamt gibt für das Jahr 2008 eine Zahl von 817 000 Rentnern an, die weiter berufstätig sind – Tendenz steigend. Im Jahr 2002 waren es nur 615 000 Ruheständler, die sich etwas hinzuverdienten. Und laut einer Forsa-Umfrage würde fast ein Viertel aller Rentner gerne eine bezahlte Tätigkeit ausüben.

Nicht immer ist eine finanzielle Notlage daran schuld, dass auch nach dem Ende der regulären Lebensarbeitszeit, die Beine nicht hochgelegt werden. Richard Peter, ehemals Kulturredakteur der Dewezet in Hameln, ist dafür ein gutes Beispiel. „Mir macht die Arbeit einfach Spaß und meine Nachfolgerin hin und wieder zu vertreten, wenn sie Urlaub hat, krank ist oder freie Tage hat, ist eine feine Sache“, erklärt Peter. „Ums Geld geht es mir dabei nicht, obwohl der kleine Zuverdienst dabei natürlich die Sache angenehmer macht.“ Außerdem habe er seine beiden Berufe – erst Schauspieler und Regisseur, danach Journalist – sein Leben lang gerne ausgeübt. „Ich habe sozusagen meine Hobbys zum Beruf gemacht und gehe im Grund heute noch in der Redaktion meinem Hobby nach – und das sogar gegen Bezahlung. Besser kann es doch gar nicht sein“, erklärt der fast 70-Jährige, dem man sein Alter nicht ansieht. „Wenn der Kopf noch funktioniert – und darauf kommt es in diesem Beruf ja vor allem an –, dann kann man noch lange arbeiten.“ Aber er könne sich schon vorstellen, dass einer, der Jahrzehnte auf dem Bau geschuftet habe oder auf Dächern herumgeklettert sei, einfach nicht mehr die Kraft habe, noch zu arbeiten.

Aufpassen müssen vor allem jene Rentner, die das 65. Lebensjahr noch nicht erreicht haben und beispielsweise im Vorruhestand sind. Mehr als 400 Euro im Monat dürfen sie nämlich nicht verdienen, eine Grenze, die seit Januar 2008 gilt. Vorher hatte der Wert sogar nur bei 350 Euro gelegen und wegen der unterschiedlichen Grenzen für Minijobs und der Höchstgrenze für den Hinzuverdienst von Rentnern in der Praxis immer wieder zu Problemen geführt, wie der Sozialverband Deutschland (SoVD) erklärt. Immer wieder seien Rentner, die wegen ihrer geringen Altersversorgung auf einen Zuverdienst angewiesen seien, von den genauen Regeln aber nichts gewusst hätten, erheblichen Rückforderungen der Rentenkasse ausgesetzt gewesen. Denn nur, wer eine Altersrente bezieht und 65 Jahre oder älter ist, kann unbegrenzt hinzuverdienen. Wer als Rentner jünger als 65 Jahre ist, muss peinlich genau darauf achten, dass er die 400-Euro-Grenze einhält. Sollte das Zubrot nämlich höher ausfallen, wird die gesetzliche Rente entsprechend gekürzt oder im schlimmsten Fall sogar ganz gestrichen. Das Problem dabei: Die Träger der Rentenversicherungen melden sich nicht sofort, sondern manchmal erst Jahre später. Dann fallen oft Rückforderungen an, die so hoch sein können, dass sie Betroffene in die private Insolvenz treiben.

Möglicherweise wird diese starre Regelung aber demnächst geändert. Zumindest wird in der Großen Koalition ein Modell diskutiert, wonach sich der Verdienst einschließlich der Rente künftig am letzten Bruttogehalt orientieren soll. Hatte der Arbeitnehmer vor der Verrentung ein Bruttogehalt von 1800 Euro und erhält eine Rente von 650 Euro dürfte er auch vor Erreichen der Altersgrenze 1150 Euro hinzuverdienen. Diese Regelung würde es älteren Menschen ermöglichen, schrittweise aus dem Berufsleben auszusteigen, erklärte der FDP-Politiker Heinrich Kolb dazu. Außerdem würden auf diese Weise auch noch die Rentenansprüche für später aufgebessert. Ein Modell, das bei der SPD und den Gewerkschaften nicht auf Gegenliebe stößt. Während die SPD die Regelung als „staatlich subventionierte Lohndrückerei“ ablehnt, spricht der DGB von „purem Zynismus“. Mit dieser Form des Zuverdiensts sollten lediglich die Abschläge ausgeglichen werden, die durch die kommende Rente mit 67 zu befürchten seien und die jetzt schon hingenommen werden müssten, wenn man vorzeitig in Rente gehe.

Werner S. (Name geändert) aus Rinteln ist diese Diskussion ziemlich egal. „Der Messeveranstalter, für den ich als Handwerker arbeite, würde mich gerne länger für die einzelnen Veranstaltungen buchen. Der ist mit dem, was ich schaffe, höchst zufrieden. Dem bin ich mit meinen 64 Jahren noch nicht zu alt. Der würde mir sogar mehr bezahlen, wenn ich mehr verdienen dürfte. Stattdessen muss ich zu Hause rumsitzen und mir die Decke auf den Kopf fallen lassen.“ Seinem ehemaligen Arbeitgeber sei er zu alt und zu teuer gewesen. „Das ist bei vielen doch nichts als Gerede von der tollen Erfahrung, die die Älteren hätten und auf die man nicht verzichten könne. Rausgedrängt hat man mich, und ich hatte viel Glück, wieder einen Minijob zu finden.“

Und Werner S. hat noch einen anderen guten Grund, sein Werkzeug nicht aus der Hand zu legen. „Wir haben gebaut, als ich 45 Jahre alt war und eine ziemlich hohe Hypothek aufgenommen. Die ist noch nicht abbezahlt. Und ohne den Job wäre es ganz schön eng geworden. Ich bin froh, dass ich in knapp einem Jahr 65 werde und dann endlich wieder richtig hinlangen kann. Von Ruhestand ist bei mir nämlich noch lange nicht die Rede.“

Davon kann auch Günter T. (Name geändert) ein Liedchen singen. „Ich war ein Opfer der Übernahme des BHW in Hameln durch die Postbank.“ 33 Jahre habe er bei dem Unternehmen gearbeitet, bis er mit 55 Jahren vor die Alternative gestellt worden sei, entweder in den Vorruhestand zu gehen oder eine für zwei Jahre fest zugesagte Position bei der Postbank in Bonn zu erhalten. „Ich habe den Vorruhestand vorgezogen, weil mir die Alternative zu unsicher war“, erklärt der gelernte Bankkaufmann, der in der BHW-Holding eine gute Position hatte. Er habe sich sehr bald danach gesagt: „Es ist noch zu früh, sich nur noch auf Heim, Hund und den Garten zu konzentrieren. Ich muss noch was machen. Das konnte es noch nicht gewesen sein.“ Zwei Jahre habe er sich um Jobs gekümmert und viele Absagen erhalten: „Sie sind zu alt, hieß es, oder Sie sind überqualifiziert für Hilfsdienste in unserem Büro. Oder es wurde die Frage gestellt: Müssen Sie denn tatsächlich noch aus finanziellen Gründen arbeiten?“ Da habe er erlebt, was er vorher nur vom Hörensagen kannte, und manchmal Bürojobs für zwei bis drei Stunden am Tag zum Lohn von vier bis sechs Euro pro Stunde gemacht.

Mittlerweile ist Günter T. fest bei der Göttinger Überwachungsdienste GmbH als Pförtner bei einem Hamelner Unternehmen eingestellt. Und froh, dass er abends von 18 bis 22 Uhr wieder einer geregelten Tätigkeit nachgehen kann. Auch seine Ehefrau, die selbst in einem Schichtbetrieb beschäftigt ist, sei froh, dass er wieder arbeiten dürfe, „weil ich mich seelisch besser fühle“. Ihm mache die Tätigkeit Spaß, „weil ich wieder mit Menschen zusammenkomme und abends zufrieden nach Hause gehe“. Ein Nachteil sei, dass er seine Kollegen nicht kennenlerne. „Man sieht sich ja praktisch nicht. Zwei Kollegen kenne ich zum Beispiel nur telefonisch. Bei denen melde ich mich, wenn ich meinen Kontrollgang durch das Unternehmen beginne und wenn ich wieder zurück bin. Das ist schon der ganze Kontakt.“ Von den etwas mehr als 200 BHW-Mitarbeitern, die damals in den Vorruhestand gegangen seien, wisse er, dass etliche tatsächlich aufgehört hätten zu arbeiten. „Andere haben Minijobs so wie ich.“ Wie lange er noch als Pförtner arbeiten werde, das wisse er nicht. „Es kommt ja auch auf die Gesundheit an“, erklärt Günter T.

In seinem Beruf geblieben ist dagegen Kai P. (Name geändert), der mit seinen 68 Jahren in einem Hotel am Steinhuder Meer „Mädchen für alles“ ist, wie er sagt. „Ich mache den Nachtportier und repariere, was so anfällt. Mal transportiere ich Hotelgäste und mal mache ich eine geführte Wanderung. Das Beste dabei: Ich habe täglich Kontakt zu freundlichen Menschen. Das war mein ganzes Leben so und das soll sich jetzt nicht ändern.“ Dass er weiter in „seinem“ Hotel und seinem Job sei, sei für ihn „ein großes Glück“. Und zu alt fühle er sich noch lange nicht, mal ein Waschbecken auszutauschen oder einen Abfluss zu reinigen.

Auch Gertraud K. bessert ihre schmale Rente durch Arbeit auf. Sie gehört zu einem Team, das einen alten Herrn rund um die Uhr in seinem eigenen Haus betreut. „Das ist wenigstens eine sinnvolle Sache“, erklärt die rüstige 69-Jährige. „Viel verdiene ich dabei nicht, aber wenigstens kommt das Geld regelmäßig.“ Bei Rentnerinnen, die noch arbeiten, ist die Dunkelziffer hoch. Sie werden, nach allem, was zu erfahren ist, eher im Versteckten, zum Beispiel in Privathaushalten als Putzfrau, oder mit anderen Hilfstätigkeiten beschäftigt.

Viele Rentner gehen noch einer bezahlten Tätigkeit nach – Tendenz steigend. Aber sie haben es nicht leicht, einen geeigneten Job zu finden. Wir haben nachgefragt, warum sie nach langen Jahren der Berufstätigkeit nicht ihren verdienten Ruhestand genießen, sondern sich noch etwas hinzuverdienen.

Wenn die Rente knapp ist oder das Häuschen noch nicht abbezahlt, suchen sich viele Rentner einen bezahlten Job. Die Kunst ist es, etwas zu finden, wo man seine Erfahrung einbringen kann und die Gesundheit nicht überstrapaziert wird.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt