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NDZ-Interview mit Country-Star und Trucker-Legende Gunter Gabriel

„Das Hausboot ist meine Heimat“

HARBURG. „He lived in a boathouse down by the river – everyone called him ....“ – wenn es um Deutschlands bekanntesten Hausboot-Besitzer geht, fällt sofort Gunter Gabriels Name. Mittlerweile hat sein Allerheiligstes bereits Kultcharakter erlangt, liegt jedoch nicht irgendwo unten am River, sondern ankert seit 15 Jahren im Harburger Binnenhafen. Davor lag sein Zuhause fünf Jahre unterhalb der Köhlbrandbrücke im Hamburger Kohlenschiffhafen. Gekauft hatte der 74-Jährige die „Magdeburg“ in seinem Urzustand. Damals diente der Kahn als Unterkunft für die Arbeiter aus der ehemaligen DDR. Gabriel zahlte rund 80 000 DM für den Dampfer und machte nach seinen Vorstellungen daraus ein mit Memorabilien, Büchern, Gitarren und Skurrilitäten vollgepacktes Schmuckstück.

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Autor:

von Lars Andersen

„Schön, dass es endlich mal geklappt hat. Doch bevor wir auf meinen Luxusliner gehen, lass uns kurz frühstücken“, begrüßt mich Gunter an der Harburger Hafeneinfahrt. Vor dem „Oh‘ it’s fresh“ erwartet uns Maike, die uns mit Kaffee, Wasser und Joghurt-Variationen versorgt.

Gunter: „Gesunde Ernährung und mindestens drei Liter Wasser sind zurzeit Pflicht. Ich fühle mich momentan völlig kraftlos, habe meine ganze Vitalität verloren. Im Dschungelcamp hat mich eine Zecke gebissen – die Nachwirkungen beeinträchtigen mich noch heute. Wäre ich nicht rausgegangen, hätte ich früher oder später einen Schlaganfall bekommen. Es war aber Gott sei Dank keiner – ich hatte einfach zu wenig getrunken. Das Wasser kam aus einem Fluss, musste zudem wegen der Bakterien abgekocht werden und hatte so keine Mineralstoffe – und die braucht ein älterer Mensch halt. Egal, ich bereue nichts. Der Dschungel hat mir aber gezeigt, wo meine Grenzen liegen.

Die Sendung „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“, basiert auf dem britischen Format „I’m A Celebrity … Get Me Out Of Here!“ des Senders „ITV“. Nach einem Bagger-Marathon von zehn Jahren ist es RTL endlich gelungen, auch Gunter Gabriel in den Dschungel zu lotsen.

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  • „Komm‘ schnapp‘ dir die Gitarre und lass uns ,Proud Mary‘ zusammen singen.“ Foto: E.-privat
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  • In jeder freien Minute genießt Gunter Gabriel seine Freiheit auf dem Hausboot. Texte und Konzertfotos: Lars Andersen

Gunter: Ich werde bald 75 Jahre und werde so etwas in dieser Form nicht mehr erleben – habe also die Herausforderung angenommen. Wenn du von der Hochzivilisation in die Steinzeit kommst – so kannst du den Dschungelaufenthalt bezeichnen, wird dir eines klar: Du brauchst nur Essen, Trinken, Schlafen – mal ‘ne Frau in den Arm nehmen natürlich auch. Das Geld hat dabei eine untergeordnete Rolle gespielt.

Nach dem Frühstück geht es auf direktem Weg zu seinem Hausboot. Das Handy klingelt im Fünf-Minuten-Takt – diesmal ist Werner Böhm, alias Gottlieb Wendehals, dran – er singt in den nächsten Tagen einen von Gunter geschriebenen Song ein. Voller Ehrfurcht betrete ich das 400 Quadratmeter große Raritäten-Museum, das aber schon etwas in die Jahre gekommen ist.

Gunter: Eigentlich wollte ich das Boot schon im September 2015 nach Berlin überführen. Es sind jedoch noch einige Reparaturen zu erledigen.

Wir nehmen auf einem roten rechteckigen Sofa Platz, auf dem in früheren Jahren unter anderem die gesamten ZDF-Hitparaden-Künstler gesessen haben. Auf dem Sofa stehen mehrere Gitarren – darunter auch eine Gibson. An der Wand hängen Fotos von Willie Nelson und Johnny Cash. Gunter zeigt mir ein Foto von seiner Tochter Yvonne und ihrer Mutter. Seine Kinder machen ihn nach eigenen Angaben nicht stolz, aber beglückt.

Gunter: Yvonne ist Marketing-Chefin einer großen Boutiquenkette, Lisamarie arbeitet als Mode-Designerin in London, Patty hat eine Musikschule in Lissabon und Benjamin ist Musikproduzent in Berlin.

Gegenwärtig arbeitet das nimmermüde Stehaufmännchen an seinem neuen Album, das voraussichtlich im Herbst dieses Jahres veröffentlicht werden soll.

Gunter: Das Album wird „Nackte Wahrheiten“ heißen. Fünf Songs haben wir schon aufgenommen, 15 weitere kommen noch dazu. Aus den 20 werden wir dann die besten 16 herausfiltern. Ich freue mich, dass ich mit Peter Wagner meinen Ur-Produzenten ins Boot holen konnte. Die Aufnahmen finden im legendären Hansa Studio im Herzen Berlins statt. Zeitgleich arbeite ich an meiner zweiten Biografie „Was ich vergaß zu erwähnen“. Damit er nichts aus seinem Leben vergisst, schreibt er ein Tagebuch – und das inzwischen seit mehr als 50 Jahren. Zudem liest die Trucker-Legende täglich alle wichtigen Zeitungen.

Gunter: „Was mich interessiert, schneide ich aus und klebe es in ein Notizbuch – so fülle ich mit meinen Schnipseln monatlich mehrere Ringbücher“.

In jeder freien Minute widmet sich der Hafen-Cowboy seiner zweiten Leidenschaft: dem Lesen.

Gunter: „Ohne Lesen wäre ich ein Nichts. Alles, was hier in den Regalen steht, habe ich regelrecht verschlungen. Albert Schweizers Bestseller „Aus meinem Leben und Denken“ gehört zu meiner Lieblingslektüre und ist zugleich auch das Buch, das ich mir zuerst gekauft habe“.

Finanzieller Wohlstand ist Gunter Gabriel nicht wichtig, der „Sohn aus dem Volk“ ist sich treu geblieben – ohne Wenn und Aber.

Gunter: „Mein Leben reicht – ich habe alles erlebt, mehr geht nicht. Schulden werde ich immer haben – damit kann und muss ich leben – und das hoffentlich noch eine Weile. Wenn es mal soweit ist, möchte ich lächelnd und stehend in meinen Cowboystiefeln sterben. Darüber habe ich auch jetzt einen Song geschrieben“.

2007 habe ich Gunter bei einem Chuck-Berry-Konzert in der heutigen Barclaycard Arena/Hamburg kennengelernt. Ein paar Tage später folgte unserer erstes Interview auf dem Maxi-Autohof in Lauenau – bei seinen drei Auftritten in Bad Münder lag immer ein Hauch von Nashville über der Kurstadt. Es folgten unzählige Treffen – die er immer mit einem „Es-geht-immer-weiter-Lächeln“ auf dem Gesicht wahrnahm. Während die Medien überwiegend seine Weiber- und Saufgeschichten sowie finanziellen Probleme in den Fokus rückten, habe ich im Laufe der Jahre einen äußerst kreativen Künstler kennen und schätzen gelernt, dem es mehr oder weniger immer wieder aus eigener Kraft gelungen ist, sich aus dem Sumpf zu ziehen. Er arbeitet wie ein Berserker – sein Terminkalender ist vollgestopft mit Wohnzimmerkonzerten, Lesungen, Fernsehterminen, Studioarbeiten und vielen weiteren Auftritten. Sein Akku befindet sich wieder im Auflademodus – “langsam geht es wieder bergauf“.

„,Wenn es in New York noch Nacht ist, geht in Japan schon die Sonne auf‘. Eine Zeile aus Roy Black’s Song ,In Japan geht die Sonne auf‘ – bedeutet soviel wie: ‚Wenn es dir heute schlecht geht, kann es morgen schon wieder ganz anders aussehen‘. Danach habe ich bis dato immer gelebt und werde es auch weiter tun“, gab mir Gunter noch mit auf den Weg.

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