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Die Schaumburger Judenfriedhöfe als steingewordene Archive jüdischer Geschichte – und schützenswertes Kulturerbe

„Das Haus des Lebens“ – „der gute Ort“

Mit der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 schlug gleichzeitig die große Stunde der Statistik-Experten. Die Rundum-Erfassung der sozialen und demographischen Zusammensetzung der Bevölkerung lieferte die benötigten Zahlen zur Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne der Nazi-Ideologie.

Autor:

Rolf-Bernd de Groot

Für Schaumburg-Lippe ermittelte man damals folgende Basiszahlen: 49 955 Einwohner, davon 48 913 Evangelische, 674 Katholiken und 187 Juden. Die Grafschaft Schaumburg wies fast identische Zahlen auf: 49 086 Einwohner, davon 47 619 Evangelische, 1039 Katholiken und 195 Juden. Diese 1933 erfassten 382 deutschen Bürger jüdischen Glaubens in Schaumburg, eine Minderheit von nicht einmal einem halben Prozent der Gesamtbevölkerung, gehörte in der Folgezeit zu den am schärfsten verfolgten Gruppen im Dritten Reich. Ihre soziale und wirtschaftliche Existenz wurde vernichtet, die physische Existenz der nicht rechtzeitig Geflohenen ausgelöscht.

Nach dem Ende der Naziherrschaft gab es, erstmals seit über 400 Jahren, überhaupt kein jüdisches Leben mehr in Schaumburg. In den darauffolgenden etwas mehr als 60 Jahren wurden weitere Spuren getilgt, ist die Erinnerung an diese Minderheit immer mehr verblasst, verdrängt und bewusst verschüttet worden.

Das landkreisweite Projekt „Wege zur Erinnerung“ möchte das Erinnern an alle, aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen, im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Schaumburger Bürger wach halten, dazu gehört insbesondere das Schicksal der jüdischen Bürger. Dazu ist ein nachhaltiger Lern- und Erinnerungsprozess angedacht worden, der bestehende Initiativen vernetzt und sich möglichst an den authentischen Orten des Lebens und der Verfolgung dieser Bürger verankert.

Diese Initiative ist als eine notwendige Ergänzung zum offiziellen Gedenken zu verstehen, das immer Gefahr läuft in politisch ausgewogenen Betroffenheitsfloskeln zu erstarren oder sich in bedeutungsschwerer Symbolik zu materialisieren.

Dank einer relativ guten Quellenlage steht die Erinnerung an die Geschichte der Schaumburger Juden in der schriftlichen Überlieferung auf einer soliden Basis. Sehr viel betrüblicher sieht es mit der Überlieferung von sichtbaren Denkmalen jüdischer Kultur in Schaumburg aus. Die in den Novemberpogromen 1938 geschändeten Synagogen und Betstuben sind anschließend umgenutzt, privatisiert oder abgerissen worden. Allein das repräsentative Gebäude der Bückeburger Synagoge ist bis heute erhalten, die bauliche Hülle der Stadthäger Hinterhofsynagoge ebenfalls. Sie wird in Zukunft eines dieser authentischen Lernorte sein in denen sich Erinnerung focussiert.

Die Zerstörungen der Pogromnacht haben jedoch nicht nur die Synagogen getroffen, sondern auch und vor allem die Kultusgegenstände, die sämtlich vernichtet oder fortgeschafft wurden. Die umfassende Tilgung der sichtbaren Zeugnisse jüdischen Lebens war ein Hauptziel der braunen Rassenideologie.

Auf dem „Weg zur Erinnerung“ an das Leben der Schaumburger Juden gestaltet sich die Spurensuche nach sichtbaren Zeugnissen zu einem schwierigen Unterfangen. Der Fetzen der Rintelner Thorarolle im Museum Eulenburg, aus der Asche des Feuers der Pogromnacht auf dem Marktplatz gerettet, sagt dazu mehr als tausend Worte.

Der Zerstörungswut

preisgegeben

Allein die jüdischen Begräbnisstätten hatten Bestand. Zwar wurden sie in der Mehrzahl zwischen 1939 und 1942 landespolizeilich geschlossen, wobei einige Friedhöfe, etwa Rinteln, die wenigen verbliebenen älteren Menschen aufnehmen mussten. Vereinzelt wurden sie auch der Zerstörungswut preisgegeben, wie in Frille geschehen. In ihrer Gesamtheit sind sie jedoch bis Heute erhalten geblieben, teilweise auch wieder instand gesetzt damit sie in Würde altern können, weil sie für die Ewigkeit angelegt sind. Hier liegen die verstorbenen Vorfahren und Familienmitglieder der vertriebenen und ermordeten jüdischen Bürger begraben.

Erfahrene Ethnologen und Touristiker schätzten schon immer den besonderen Erkenntniswert von Friedhöfen in der Fremde. In der Bestattungskultur spiegelt sich die gesellschaftliche Wirklichkeit. Neben den Aspekten der Architektur, Volkskunde und Kunstgeschichte, erzählen Friedhöfe etwas über menschliche Anschauungen, über „Diesseits“ und „Jenseits“.

Die elf noch vorhandenen jüdischen Friedhöfe im Bereich der ehemaligen Landkreise Grafschaft Schaumburg und Schaumburg-Lippe stellen ein erstaunlich dichtes Netz von Begräbnisstätten dar. Neben den Friedhöfen der städtischen Synagogengemeinden sind es vor allem die dörflichen Sammel- oder Verbandsfriedhöfe als sichtbarer Ausdruck des ausgeprägten Landjudentums in Schaumburg, die uns vielfältige Belege zum jüdischen Gemeindeleben und zur gesellschaftlichen Emanzipation jüdischer Bürger vermitteln.

Wenn sich jüdische Familien dauerhaft an einem Ort niederließen, galt ihre Sorge immer zunächst dem dauerhaften Erwerb eines Grundstücks als Begräbnisplatz für ihre verstorbenen Angehörigen. Erst dann kümmerte man sich um Gemeindeeinrichtungen wie Betstuben oder Kellerbäder.

Anfänglich wurden den jüdischen Familien kleine Parzellen außerhalb der Stadtmauern zur Bestattung zugewiesen, gerne auf den Wällen vor den Stadttoren, wie in Rinteln, Stadthagen oder Hessisch Oldendorf. Diese Areale sind heute entweder nicht mehr aufzufinden, weil die Stadt über sie hinweggewachsen ist, oder sie sind aus Mangel an schriftlichen Nachrichten und der fehlenden Erlaubnis Grabsteine zu setzen, nicht lokalisierbar. In Hessisch Oldendorf weist eine Tafel auf dem ehemaligen Stadtwall auf den alten Friedhof hin.

Jeder Friedhof besitzt seinen eigenen Charakter. Vom kleinen Dorffriedhof hinter hohen Hecken am Ortsrand von Hattendorf mit den vier Grabmalen der Familie Lehmann, bis zum dicht belegten Bückeburger Friedhof auf dem Harrl mit fast 170 sichtbaren Gräbern, vom erst 1850 angelegten Lauenauer Friedhof bis zur ältesten Anlage in Obernkirchen, auf der um 1750 erstmals begraben wurde.

Der biographische und künstlerische Reichtum der Grabinschriften, die handwerkliche und bildhauerische Gestaltung der Stelen gehören zum schützenswerten Kulturerbe Schaumburgs. Wenn sie zum Reden gebracht werden, können sie uns Aufschlüsse über die Geschichte der jüdischen Gemeinden in Schaumburg geben, aber auch über den Umgang der Städte und Gemeinden mit ihren jüdischen Mitbürgern. Die für Juden geltenden Sonderordnungen, ihre Ausgrenzung aus der christlichen Gesellschaft zeigt sich schon in der abgeschiedenen Lage der Begräbnisstätten.

Der Text und die Gestaltung des Grabsteines wurde mit dem Rabbi, dem Vorsänger oder dem Gemeindeältesten abgesprochen, der ihn an den Steinmetzen weitergab und die Herstellung überwachte. Der jüdische Schriftsteller Julius Rodenberg (1831-1914) beschreibt in seinen Kindheitserinnerungen eine Rodenberger Steinhauerwerkstatt:

„Nicht weit davon, in Gärten, lag die Synagoge, damals noch ein neuer Bau; im Vorderhause war die Schule der jüdischen Gemeinde und gegenüber in einem offenen Schuppen wurden die Grabsteine für ihre Verstorbenen behauen. Da habe ich manchmal dem Steinmetz zugeschaut, wenn unter seinen Meißelschlägen die hebräischen Buchstaben zum Vorschein kamen, die ihm wie Hieroglyphen sein mussten, oder die Symbole, die mir das Gefühl des Mysteriösen, dem Alltag Abgewandten gaben.“

Die komplizierte Darstellung hebräischer Schrift und jüdischer Symbolik beherrschten nicht alle Handwerker, so dass gerne erfahrene Spezialisten, wie die Grabmalwerkstatt Senge in Stadthagen beauftragt wurden.

Fast schon wie

„in Serie“ gestaltet

Unter genauer Beachtung der talmudischen Vorschriften, nach denen im Tode alle gleich sind, erfolgten die Begräbnisse streng in der Reihenfolge des Ablebens. Die älteren Steine sind schmucklos und unterscheiden sich kaum voneinander. Sie verleihen den älteren Bereichen der Friedhöfe eine gewisse Einförmigkeit, fast schon etwas Serielles. Die hohen Grabstelen haben alle die gleiche Größe, stehen in gleichen Abständen und sind nur auf der Ostseite hebräisch beschriftet. Ganz zurückhaltend erscheint auf einigen plastisch herausgearbeiteter Schmuck.

Die Inschriften folgen ebenfalls einem Schema, beginnen mit dem standardisierten Anfangbegriff „hier ist begraben“, nennen den Namen des/der Verstorbenen und des Vaters bzw. bei Frauen den des Ehemannes, nennen Geburts- und Sterbedatum und enden mit der Schlussbemerkung „Ihre / Seine Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens“.

Der übrige Text ist erstaunlich individuell und enthält zum Teil ganz präzise Aussagen über die begrabene Person. Wir erfahren etwas über das Alter: „Ein Greis, satt an Jahren“, „Ein Jüngling in der Blüte seiner Jahre“, Eine Jungfrau, züchtig wie Deborah“, oder über den sozialen Status in der Gemeinde „ Seine Hand war erfahren im Amt der Beschneidung“, „er gab den Armen und förderte den Bau der Synagoge“, gelegentlich gibt der Stein auch die Todesursache preis „es kamen ihre Geburtswehen- und Krämpfe und sie starb beim Gebären in ihrer Jugend“.

Mit zunehmender gesellschaftlicher Emanzipation setzen sich Modeströmungen auch auf dem Judenfriedhof durch. Die plastische Gestaltung wandert auf die Westseite des Steines mit der deutschen Beschriftung und hebt diese hervor. Ab der Reichsgründung 1870 findet man eingelassene Marmortafeln, Frakturschriften, barockisierende Elemente oder eingefasste Familiengräber wie auf christlichen Friedhöfen.

Auf einigen Grabsteinen weisen die kunstvoll angebrachten Symbole auf Funktionen in der Gemeinde oder Zugehörigkeit zu einer jüdischen Volksgruppe hin. Die segnenden Hände des Cohens, die Kanne mit der Schale der Leviten oder einfach die Krone des Guten Namens. Über diese jahrhundertealten, qualitätsvollen Steinmetzarbeiten erschließt sich bei einem Friedhofsbesuch nicht nur die jüdische Beerdigungskultur, sondern auch ein reicher Schatz an geschichtlichen, kunsthistorischen und sozialen Überlieferungen. Auch wenn manches bereits für immer zerstört ist, stellen die erhaltenen elf Friedhöfe kulturhistorische Denkmäler ersten Ranges dar.

Auch die jüdischen Friedhöfe in Schaumburg, selbst wenn sie frei zugänglich in der offenen Landschaft liegen, wie etwa der Steinhuder Friedhof, sind kein herrenloses Kulturgut, sondern registriertes Immobilieneigentum des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Niedersachsens, exakt vermessen und kartographiert. Es wäre wünschenswert, alle Schaumburger Friedhöfe mit insgesamt etwa 650 erhaltenen Grabstellen vollständig zu dokumentieren um sie so für die Nachwelt zu erhalten und für Forschungszwecke aufzuarbeiten. Bei den Friedhöfen Rinteln, Rodenberg, Sachsenhagen und Stadthagen ist der genaue Bestand der erhaltenen Grabstellen mit den persönlichen Daten bereits erfasst. Für Obernkirchen besteht eine Komplettdokumentation mit den Abbildungen der Steine, den übersetzten Texten der hebräischen Inschriften und genauer Beschreibung der Architektur.

Für die Friedhöfe in Frille, Hessisch Oldendorf, Lauenau, Sachsenhagen und Steinhude steht diese Erfassung noch aus, oder sie ist bisher noch nicht veröffentlicht worden.

Welche immense kulturgeschichtliche Bedeutung jüdischen Begräbnisstätten haben, lässt sich am Beispiel eines der größten und ältesten jüdischen Friedhöfe an der Königsstraße in Hamburg-Altona, verdeutlichen. Für diesen Friedhof, mit ursprünglich über 8000 Gräbern, wird der Status des UNESCO-Weltkulturerbes angestrebt.

Wer sich vor einem Besuch noch eingehender informieren möchte, dem sei die Sammelmappe „Spurensuche im Schaumburger Land“ empfohlen, die in Kurztexten alle Friedhöfe vorstellt, oder die Lektüre von „Jüdisches Leben in der Provinz“ mit einer allgemeinen Einführung über jüdische Friedhöfe und einer ausführlichen Dokumentation des Obernkirchener Friedhofes.




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