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Blick auf die Vorgänge in Schaumburg vor Beginn des Ersten Weltkrieges

Das große Säbelrasseln

Deutsche Jungen! Vorwärts, mutig hinein in das neue Jahr! Hinweg mit träumen, zögern und schwanken!“, heißt es in einem Anfang Januar 1914 gestarteten Neujahrsaufruf des Deutschen Kyffhäuser-Bundes. „Ehret Vater und Mutter, seid gehorsam euren Lehrern, Meistern und Vorgesetzten und steht in Sturm und Wetter allezeit treu zu Kaiser und Reich“.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Der vor hundert Jahren in den heimischen Zeitungen abgedruckte Appell war nur einer von ungezählten vaterländischen Parolen, die wenige Monate vor Beginn des Ersten Weltkriegs unters Volk gebracht wurden. Sie spiegeln eine merkwürdige, aus heutiger Sicht zuweilen unwirklich anmutende Stimmungslage im wilhelminischen Kaiserreich wider. Von der in früheren historischen Forschungsberichten oft und gern beschriebenen Kriegsbegeisterung der Menschen ist – zumindest bei Betrachtung des Alltagslebens der hierzulande lebenden Leute – wenig zu spüren. An Schießen und Heldentod dachte bis zur Mobilmachung Anfang August offenbar keiner. Warum auch? Die seit Jahren von den Nationalkonservativen lautstark vorgetragenen Warnungen vor den bösen europäischen Nachbarn mit dem Erzfeind Frankreich an der Spitze waren Routine geworden. Die Balkankriege in den beiden Jahren zuvor hatten nicht zu dem von vielen befürchteten Flächenbrand geführt. Drei der wichtigsten europäischen Machthaber, King Georg V. von Großbritannien, der russische Zar Nikolaus II. und deren deutscher Kollege Wilhelm II. waren Cousins. Noch beim letzten Geburtstag des Kaisers in Berlin hatte man in trauter Runde miteinander geplaudert und angestoßen. Auch danach wirkte die Situation weiterhin entspannt. Im März 1914 starte Wilhelm zu einer fast zweimonatigen Bildungsreise in Richtung Mittelmeer. Und auch im Terminkalender des heimischen Fürsten Adolf zu Schaumburg-Lippe deutete nichts darauf hin, dass sich der Bückeburger Schlossherr – wie Anfang August geschehen – demnächst ins Schlachtengetümmel werfen würde.

Das größte Interesse der Schaumburger in den Monaten vor Ausrufung des Kriegszustandes (31. Juli 1914) galt laut Zeitungsberichterstattung der bevorstehenden Stromversorgung. Anfang Februar hatten sich die heimischen Parlamentarier und Behörden mit den Kraftwerksbetreibern auf das endgültige Wann und Wie geeinigt. Die beiden hierzulande tätigen Monopol-Unternehmen EMR (Fürstentum Schaumburg-Lippe) und Wesertal (Landkreis Grafschaft Schaumburg) sagten zu, so schnell wie möglich jeden Ort ans Versorgungsnetz anzubinden. Die Reihenfolge sollte sich – nach der Devise „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ – an der Nachfrage der Einwohner orientieren. Zur Steigerung des Interesses wurden landauf landab Informationsveranstaltungen und Anzeigenserien gestartet.

Die Ankündigung löste einen regelrechten Antragsboom vonseiten der Kommunen, Firmen und sonstigen Interessenten aus. „Gegenwärtig alte Leute haben in den Kinderjahren ihre Schularbeiten im Winter abends meistens noch bei der dämmerigen Rüböl-Beleuchtung gemacht“, machte die Landes-Zeitung den Leuten die Bedeutung der Entwicklung klar. Künftig könne das überall „im Glühlicht des elektrischen Flammenbogens erledigt werden, „die mit ihrer Lichtfülle alles überschüttet und allein vom Sonnenlichte übertroffen wird“. Darüber hinaus sei die Elektrizität auch „als motorische Kraft, zum Beispiel bei den Tischventilatoren, zum Antrieb von Nähmaschinen und in großen Haushaltungen zum Schneiden, Hacken, Reiben, Mahlen und Rühren mittels spezieller Küchenmaschinen“ nutzbar. „Nicht unwahrscheinlich ist es, dass es der Technik gelingen wird, die Elektrizität derart in den Dienst der Haushaltungen zu stellen, dass man nicht gerade ein Krösus sein braucht, um sich mit Vorteil ihrer noch zu zahlreichen anderen Zwecken, als zur Beleuchtung, zu bedienen“.

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Einladung des Wehrvereins Rinteln zu einer Veranstaltung im März 1914 in Rinteln. Vorsitzender war Bürgermeister Wachsmuth.

Immer schrillere

militaristische Parolen zu hören

Angesichts solcher Aussichten scheint das Gros der hiesigen Einwohnerschaft die ungute Entwicklung der politischen Großwetterlage längere Zeit ausgeblendet zu haben. Belastbare Angaben über das damalige Denken und Fühlen der Leute gibt es nicht. Sicher ist nur, dass – nicht nur in Deutschland – immer schrillere militaristische Parolen zu hören waren. Neben den nationalkonservativen Parteien tat sich dabei auch und vor allem eine ganze Reihe, zum Teil Gewalt verherrlichender völkischer Gruppierungen wie Alldeutscher Verband, Jungdeutschlandbund sowie zahllose Wehr-, Flotten- und Kriegervereine hervor. Das rief die stetig wachsende Linke auf den Plan. Hardliner beider Seiten beherrschten zunehmend die Szene. Aus heutiger Sicht besonders auffällig ist das Fehlen jeglicher demokratischer Wertvorstellungen und Gepflogenheiten. Statt Zuhören und Überzeugen warenRechthaberei und Glaubenskrieg angesagt. „Wir wollen keine parlamentarische Regierung und wir halten fest an der Kommandogewalt unseres Kaisers, die ein Grundstein der deutschen Verfassung ist“, rief bei einer Versammlung des „Konservativen Vereins für Schaumburg-Lippe“ Ende Februar 1914 der damals international bekannte preußische General Bodo von Ditfurth in den Saal. „Wir sind es müde, uns von der Sozialdemokratie alles herunter setzen zu lassen, was uns lieb und teuer ist, und deshalb fordern wir Maßnahmen gegen den sozialdemokratischen Terror“.

Das mochten die „vaterlandslosen Gesellen“ nicht auf sich sitzen lassen. „Es scheint, als ob in der Jetztzeit nicht das Volk und nicht die Fürsten die größten Feinde des Friedens sind, sondern manche pensionierte Generale und die hinter ihnen stehende Rüstungsindustrie, die das Volk in die größten Abenteuer hineintreiben wollen“, schleuderte der Jurist Dr. Ernst Müller, Abgeordneter der „Freisinnigen Volkspartei“, den Konservativen während der Lesung des Militäretats in der Reichstagssitzung am 6. Mai 1914 entgegen. „Wir wünschen, dass die Regierung diesen Kriegstreibern energisch entgegentritt“. Der Träger der obersten Kommandogewalt dürfe nicht außerhalb und über das Gesetz gestellt werden. „Die Kernfrage ist, ob die Armee ein Teil unseres ganzen Staatslebens sein soll oder ein Staat im Staate“.

Fortsetzung und verheerender Ausgang der Auseinandersetzungen sind bekannt. „Berlin, 1. August, 5 Uhr 15 Min. nachm.: der Kaiser ordnete die Mobilmachung der gesamten deutschen Streitkräfte an“ teilten die Schaumburger Zeitungen per Extra-Blatt mit.

Quellenhinweis: Wer tiefer in die heimische (Vor-) Geschichte des Ersten Weltkrieges hierzulande einsteigen will, dem sei das vor zwei Jahren erschienene Buch „Kleinstaat und Weltkrieg – Das Fürstentum Schaumburg-Lippe 1914-1918“ des Rintelner Philologen Dr. Joachim von Meien empfohlen (Band 71 der „Schaumburger Studien“, Verlag für Regionalgeschichte, ISBN 978-3-89534-901-0).

Postkarte des 1898 gegründeten Deutschen Flottenvereins mit dem Bild seines Schirmherrn Prinz Heinrich von Preußen. Der Verein mit seinen mehr als einer Million Mitgliedern setzte sich für den Ausbau der kaiserlichen Marinestreitmacht ein.




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