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Zu Gast im französischen Loire-Dorf Rivarennes

Das Geheimnis der geklopften Birnen

Rivarennes / Langeais. Sie sieht nicht gerade delikat aus, aber die Runzelbirne, die sich hier so nonchalant im Rotwein aalt, hat ja auch schon einiges über sich ergehen lassen müssen. Das Schicksal, an einem Baum in Rivarennes groß zu werden, im Dorf der „poire tapée“, der geklopften Birne, ist ein ganz besonderes. Kernobst wird hier nicht einfach gepflückt und verspeist, sondern landet nach der Ernte in höllisch heißem Wasser, um dann geschält für einige Tage in einem nicht minder heißen Steinofen gedörrt und danach mit einem eigens dafür erfundenen Werkzeug noch geklopft zu werden. Es gibt was auf die Birne in Rivarennes. Ein Tag noch in des Ofens Restwärme ausharren – fertig ist der Wundersnack, dessen althergebrachtes Herstellungsverfahren aus früherer Zeit Mitte der achtziger Jahre neu entdeckt worden war.

Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Höchstmögliche

Verzückung im Garten Frankreichs

Rivarennes in der Touraine. Worte wie Musik. Dieser Landstrich im Garten Frankreichs, den die blauen Bänder von Loire, Vienne, Indre und Cher zu einem Kunstwerk landschaftlicher Entzückung vernetzen, ist für seine Weine bekannt. Allen voran strahlt der Sauvignon blanc wie eine Sonne aus den Rebzeilen und schließlich den Gläsern leicht und spritzig hervor, aber auch ein roter Gamay aus Chinon, gekühlt und lebhaft, steht für besonderen Genuss. Über alledem dehnt sich die Poesie von Honoré de Balsac und das wortgewandte Werk Francois Rabelais wie Zuckerguss. Wer mag da an geklopfte Birnen denken?

Manch Reisender wird auf diese fruchtige Mischung erst aufmerksam, wenn er dem Schild „Musée de la Poire Tapée“ folgt und in den engen Chemin de la Buronnière einbiegt. Dort haben einige Enthusiasten aus Rivarennes Anfang der neunziger Jahre ein Museum eröffnet, das ihrer Köstlichkeit gewidmet ist, ein Denkmal, ein bescheidenes fürwahr, aber eines mit unübertrefflichem Flair. Nur zwei Räume klein ist das Haus Nummer 7, doch für Rivarennes von immenser Bedeutung, denn es dokumentiert die Geschichte des Dorfes als einzigartig auf der Welt. „Kosten Sie. Es wird Ihnen schmecken“, verspricht Caroline Maidon. Die junge Frau arbeitet hier freiwillig, um Besuchern diese Wunderbirnen näher zu bringen. Irgendwie eine seltsame, doch geradezu poetische Degustation. Immerhin 4500 Gäste pro Jahr nehmen Platz auf dem Plastikgestühl und genießen. Wenn schon von Zahlen die Rede ist, sei noch festgehalten, dass rund 1800 Kilogramm Birnen jedes Jahr geklopft werden, hier in Rivarennes.

Der bäuerliche Snack

ist längst zur Delikatesse geworden

Aus dem bäuerlichen Snack ist eine Delikatesse geworden, und wenn man nun so sitzt und mümmelt und schlürft unter einem Sonnenschirm vor dem drolligen, alten Steinhäuschen mit den blau-grauen Fensterläden, fragt man sich ernsthaft, wann der spitze Turm der Kirche Saint-Dénis dort drüben eine Birnenform erhält, wo es doch auch Gotteshäuser mit Zwiebelkuppeln gibt…?

4 Bilder

Schon leer. Köstlich, diese mit Wein vollgesogene Runzelbirne. Das Fruchtfleisch zerfällt auf der Zunge. War’s eigentlich die Sorte „Conférence“ oder „Colmar“, ist’s „Rattenschwanz“ oder „Nicole Comtesse de Paris“ gewesen? „Ach, würden Sie mir freundlicherweise noch ein Glas bringen. Es schmeckt wirklich ausgezeichnet.“ – „Bien sûr“, lautet Caroline Maidons Antwort, und sie lächelt. War ihr klar.

1987 wurde das alte Verfahren der geklopften Birnen von einigen Dorfbewohnern wiederbelebt. Von einer über 80 Jahre alten Einwohnerin ließen sie sich das in Vergessenheit geraten Herstellungsverfahren erklären. Sie gründeten einen Verein, pflanzten neue Birnbäume und unterschiedliche Sorten, fanden noch altes Handwerkszeug auf Dachböden oder bauten es neu. 1991 eröffneten die Birnbauern das Museum. Gras, Gänseblümchen und Löwenzahn wachsen vor dem Haus, im Mai blüht der Flieder am Hofeingang, im Frühherbst weht der süßliche Birnenduft durch ganz Rivarennes. „Ich bin damit groß geworden. Ich finde es wundervoll“, sagt Caroline Maidon. Im kleinen Laden des Museums kraspelt sie herum, sortiert und packt ein. Geklopfte Dörrbirnen einfach so oder in Wein eingelegt, Terrine à la Poire Tapée, Brioche aux Poires Tapées… Die weißen Schlösser der Touraine, ob Azay-le-Rideau, Le Rivau oder Rigny-Ussé, leuchten wie Juwelen, aber die geklopften Birnen aus Rivarennes sind wie kleine ungeschliffene Diamanten.

Mehr Informationen im Internet unter www.asso-petri.fr; Musée de la Poire Tapée, 7 chemin de la Buronniére, Öffnungszeiten: 15. Juni bis 15. September täglich 10.30 bis 12.30 Uhr und 14.30 bis 19 Uhr / davor und danach 14.30 bis 19 Uhr (außer montags)

Um diese Runzelbirne geht’s (rechts): Die geklopfte Birne saugt sich mit Wein voll und wird so zum unvergleichlichen Snack. Geklopft wird nach Großväter Sitte mit einer eigens dafür hergestellten Apparatur (rechts unten). Caroline Maidon (Bild oben) verkauft im Birnen-Museum (links) verschiedene Facetten der geklopften Birnen.ey




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