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Das Ende einer Ära

Bad Münder. Abschied von einer Institution: Das Lebensmittelgeschäft Messerschmidt an der Echternstraße gibt nach rund 130 Jahren Firmen- und Familientradition auf. Inhaberin Margret Dehne ist Anfang April überraschend im Alter von 74 Jahren verstorben. Ihre Nichten Heike Scheller und Susanne Runge führten in den vergangenen zwei Jahren zwar das operative Geschäft, sehen aber keine Zukunft für den Laden mit Tante-Emma-Flair.

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Im Laden selbst hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nur wenig verändert. Die Klingel an der Eingangstür, die kleine Käse- und Fleischtheke, wo auch kleinste Mengen von Hand geschnitten und verpackt wurden, die engen Gänge zwischen den gut gefüllten Regalen, die eine beachtliche Auswahl boten.

Über die Jahre gehalten hatten sich auch spezielle Angebote: Jeden Freitag gab es eingelegte Heringe, in der kleinen Küche von den Mitarbeitern selbst zubereitet. „Wie sonst nur bei Muttern“, schwärmten langjährige Kunden – ähnlich große Begeisterung riefen auch die Kartoffel- und Geflügelsalate aus der ladeneigenen Küche hervor, regelmäßig mittwochs auf der alten Kreidetafel an der Ladentür angeboten. Dafür standen Heike Scheller und Susanne Runge oft lange in der kleinen Küche und schnippelten die Zutaten in die Riesenschüsseln.

Beide wissen, dass mit Messerschmidt ein Geschäft aus dem Stadtbild verschwindet, das dem „Tante-Emma-Laden“ näher steht als dem modernen Vollversorger. Ein Überbleibsel aus der „guten alten Zeit“, als zum Einkaufen der Klönschnack an der Kasse gehörte, als gute Kunden auch mal später zahlen konnten und Kinder der Verkäuferin ihre Münzen in die Hand zählten, um Süßigkeiten oder eine Limo zu bezahlen. „Es geht einfach nicht mehr“, zieht Scheller einen Strich unter die Unternehmensgeschichte, die sie selbst seit 30 Jahren begleitet. Schon ihre Ausbildung absolvierte sie an der Echternstraße, hielt dem Familienbetrieb die Treue. „Die meist älteren Stammkunden werden immer weniger. Andere Kunden kommen zwar regelmäßig, doch oft nur um einzukaufen, was zuvor beim Discounter vergessen wurde“, sagt die Verkäuferin. Verbitterung schwingt da mit. Auch Susanne Runge kennt die Probleme des Ladens aus Erfahrung: „Jeder bestätigt uns, wie wichtig der Laden für die Innenstadt sei. Doch gekauft haben die Leute zumeist woanders.“ Dabei habe man stets versucht, Kundenwünsche zu erfüllen – nicht immer zum Vorteil des Ladens. Ein Beispiel? „Dickmilch“, sagt Runge. Ein Kunde fragte danach, die Messerschmidt-Mannschaft bestellte. Zwölf Becher, die kleine Verpackungseinheit. Einen nahm der Kunde ab, elf entsorgten Runge und Scheller nach Ablauf des Haltbarkeitsdatums.

Die beiden Verkäuferinnen haben sich inzwischen andere Arbeitsplätze gesucht. In der Echternstraße aber wird das Aus für Messerschmidt eine Lücke reißen. Nicht nur das Angebot in der Stadt werde kleiner, auch viel vom Charme und Flair kleinstädtischer Einkaufskultur gehe verloren, befürchten Anlieger der Echtern-

straße. „Ich habe ein ganz komisches Gefühl im Bauch, wenn ich mir den Laden gegenüber wegdenke“, sagt Sigrid Licht. Aus dem Fenster der Bäckerei Licht blickt sie direkt auf die Schaufenster von Messerschmidt. „Für mich sind das Geschäft und die Mitarbeiter eine Konstante, ich kenne gar nichts anderes. Wir haben uns als Bäckerei immer gut mit dem Lebensmittelgeschäft ergänzt. Viele Kunden hatten ihre tägliche Einkaufsroutine in beiden Läden“, sagt Licht.

Auch Jutta Spätlich ist traurig. Seit Jahrzehnten ist sie Kundin bei Messerschmidt, schätzt den persönlichen Bezug. „Als ich krank war, hat mir die Heike Lebensmittel aus dem Laden nach Hause gebracht und mich versorgt. Das war mehr als nur irgendwo einkaufen“, sagt sie dankbar. Sabine Binda schätzte das angeschlossene Reformhaus als eine der wenigen Möglichkeiten in der Region, glutenfreies Brot kaufen zu können. „Jetzt muss ich dafür nach Springe fahren“, sagt sie. Auch Fritz Schnelle wird das Geschäft fehlen. Er erinnert sich noch an „die schlechte Zeit“ nach dem Zweiten Weltkrieg. „Damals war Messerschmidt ein wichtiger Faktor für die Lebensmittelversorgung in der Stadt. Einmal pro Woche kam ein Lkw mit frischem Seefisch direkt von der Nordsee. Der Verkauf erfolgte am hinteren Eingang zum Kirchhof und die Menschen standen Schlange.“ Mehr als zehn Angestellte wurden damals beschäftigt, die berühmten eingelegten Heringe wurden auch mit dem Fahrrad zur Kundschaft gebracht. „Die Echtern-

straße war damals eine wichtige Wirtschaftszone, Betriebe und Geschäfte reihten sich aneinander. Mehr als 200 Arbeitsplätze gab es dort“, weiß der ehemalige Kreistagsabgeordnete. Er sieht mit Besorgnis die Entwicklung hin zu Discountern vor den Toren der Stadt – und fürchtet auch um die letzten Inhaber geführten Fachgeschäfte in der Innenstadt.

Für Heike Scheller und Susanne Runge wird Messerschmidt bald ein Stück Erinnerung sein. Nur noch wenige Tage wollen sie morgens die Ladentür öffnen – dann bleibt das Eisengitter davor für immer geschlossen.oe



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