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Außenseiter Rüdiger Butte wird 2004 zum ersten hauptamtlichen Landrat gewählt

Das Ende der Doppelspitze im Landkreis

Weserbergland (doro). Im August 2004 ist es endlich auch im Landkreis Hameln-Pyrmont soweit: Die Landratskandidaten Rüdiger Butte (für die SPD) und Klaus Arnold (für die CDU) treten gegeneinander an. Beide wollen den Posten des ersten hauptamtlichen Landrats, der die Doppelspitze von Oberkreisdirektor und ehrenamtlichem Landrat ablösen soll und direkt vom Bürger gewählt wird. Gegen den Alteingesessenen trägt der ehemalige Chef des Landeskriminalamtes als unbekannter Außenseiter den Überraschungssieg davon.

Glückwunsch mit geballter Faust: CDU-Verlierer Klaus Arnold grat

Weserbergland (doro). Im August 2004 ist es endlich auch im Landkreis Hameln-Pyrmont soweit: Die Landratskandidaten Rüdiger Butte (für die SPD) und Klaus Arnold (für die CDU) treten gegeneinander an. Beide wollen den Posten des ersten hauptamtlichen Landrats, der die Doppelspitze von Oberkreisdirektor und ehrenamtlichem Landrat ablösen soll und direkt vom Bürger gewählt wird. Gegen den Alteingesessenen trägt der ehemalige Chef des Landeskriminalamtes als unbekannter Außenseiter den Überraschungssieg davon. „51 zu 86 – diese Zahl vergesse ich nicht“, sagt der Rüdiger Butte. Seinen Erfolg führt er heute darauf zurück, dass er hart gearbeitet und das Vertrauen der Leute gewonnen habe.

Die Landratswahl 2004 war der letzte Schritt einer langen kommunalpolitischen Entwicklung. Seit Anfang der 90er Jahre tobte in Niedersachsen die Debatte um die Änderung der Kommunalverfassung. Der Widerstand von Kommunalpolitikern gegen eine Reform, die einen politischen Landrat mit Stimmrecht installiert und die Positionen des Bürgermeisters und des Gemeindedirektors zusammenlegt, war sehr ausgeprägt. Immerhin bedeutete die Abschaffung der Doppelspitze, dass sich die Zahl der Führungspositionen in den Kommunen mit einem Schlag halbiert.

Kritiker des zweigleisigen Modells lobten dagegen die Gewichtsverschiebung von den politischen Parteien hin zur Bürgerschaft. Sie hofften, dass die starke Stellung der Parteien durch die Reformen auf kommunaler Ebene abgemildert werden und das Monopol der Parteien bei der Rekrutierung des politischen Personals gelockert wird. Mit anderen Worten: Die Parteien sollten auf ihre eigentliche grundgesetzliche Rolle zurückgedrängt werden, nämlich bei der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken. Maßgebliches Motiv für die Neuregelungswelle des Kommunalverfassungsrechts war der Wille nach verstärkten demokratischen Mitwirkungsbefugnissen auf kommunaler Ebene. Und nicht zuletzt sollte der gemeinhin konstatierten Politikverdrossenheit und Abwendung der Bürger vom Staat entgegengewirkt werden.

Die vor allem politisch motivierte Novellierungswelle setzte sich am Ende durch und führte zu den weitestgehenden Veränderungen im inneren Kommunalaufbau seit dem 2. Weltkrieg. 1996 ist Niedersachsen das letzte Bundesland, das seine Zweigleisigkeit aufgibt.

Bis 2007 hatten die Kreise im Anschluss Zeit, sich umzustellen und ihre neuen, mit mehr Befugnissen ausgestatteten Landräte und Bürgermeister zu wählen. In Hameln-Pyrmont ist der auf acht Jahre gewählte Landrat Rüdiger Butte seit Juni 2005 Organ und Hauptverwaltungsbeamter und vertritt den Landkreis nach außen.

„Das zweigleisige Modell hatte sich bewährt“, meint hingegen Hans-Jürgen Krauß im Rückblick. Der Vorteil des Modells habe vor allem darin gelegen, dass man als OKD nicht von aktuellen politischen Strömungen abhängig gewesen sei und langfristig planen konnte. Die Amtszeit eines Oberkreisdirektors betrug sechs, später 12 Jahre.

Eingeführt hatte die britische Besatzungsmacht das zweigleisige dem angelsächsischen ähnelnde Modell nach 1945. Der Landrat, in dem die Briten eine Art Führer im Kleinen sahen, verlor damals seine Stellung als ernannter Staatsbeamter. Nach dem Zusammenbruch ernannte die Militärregierung Ende Mai 1945 zunächst den Fabrikanten Dr. Friedrich Kreibaum aus Bad Münder zum kommissarischen ehrenamtlichen Landrat des Kreises, ihm folgte ab Juli 1945 Landrat Paul Mertens. Unter dem Einfluss der Besatzungsmächte änderten sich Stellung und Aufgabenbereich des Landrates vollständig. Der Kreistag wählte ihn als Repräsentanten des Kreises und zugleich als Vorsitzenden von Kreistag und Kreisausschuss. Oberster Verwaltungsbeamter wurde, dem britischen County-Clerk entsprechend, der Oberkreisdirektor, ebenfalls vom Kreistag zu wählen. Vor allem aber: Staatliche Aufgaben führen Oberkreisdirektor und Kreistag nur noch im Auftrag aus. Der Kreis ist mit anderen Worten nur noch Einheit der Selbstverwaltung, kein unmittelbarer Teil der Staatsorganisation mehr.

Nach Mertens war Hermann Weise von 1947 bis 1959 Oberkreisdirektor (OKD), danach folgt Günter Graumann bis 1979, Dr. Horst Kallmeyer von 1979 bis 1993. Der letzte Oberkreisdirektor war bis zum 30. Juni 2005 Oberkreisdirektor Hans-Jürgen Krauß.

Rollt man die wechselvolle Geschichte der Landräte zeitlich aus der anderen Richtung auf, so war Carl von Delius der erste vom preußischen König ernannte „Landrath“. Er stammte aus Koblenz und verwaltete zuvor den Landkreis Warburg. Für die Besetzung des Landratsamtes, für die eine berufliche Qualifikation notwendig war, konnte der Kreistag Vorschläge einbringen. Der Landrat führte als Organ der Staatsregierung die Geschäfte der Landesverwaltung im Kreise und leitete als Vorsitzender des Kreistages und des Kreisausschusses die Kommunalverwaltung. Und: Der Landrat war auch Polizeichef – er hatte die gesamte Polizeiverwaltung im Kreis zu überwachen.

Auf Delius folgt von 1888 bis 1899 Rudolf von Valentini aus Königsberg; auch er, wie alle in dieser Zeit, ein Adliger. Valentinis markantestes Werk war der Bau einer Brücke zwischen Kirchohsen und Ha-

genohsen. Nach Karl Oskar Graf Pilati von Tassul zu Daxberg und Dr. Konrad Schäfer ist Dr. Ernst Loeb-Caldenhof der letzte preußische Landrat. Loeb-Caldenhof legte den Grundstein für das Kreiskrankenhaus und wirkte bei der Gründung der Elektrizitätswerk Wesertal GmbH mit. Unter seiner Führung wird der Staatsvertrag zwischen Preußen und Waldeck-Pyrmont abgeschlossen. Am 19. April 1933 wird Dr. Loeb-Caldenhof aus politischen Gründen beurlaubt und zum 1. 12. 1933 in den Ruhestand versetzt.

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden Kreistage aufgelöst. Das landrätliche Amt wurde von 1933 bis 1940 von Dr. Helmuth Lambert besetzt, ab 1940 von Dr. Erich Müller-Henning. Nachdem Müller-Henning einberufen wird, kommt bis Februar 1941 Landrat i. R. Seebohm aus Bad Pyrmont als Vertreter, bis März 1942 Dr. Mercker aus Springe. Von Anfang 1944 bis Oktober des Jahres übernimmt Landrat Funk aus Rinteln die Geschäfte, danach kommt Regierungsvizepräsident i. R. Rieck aus Minden.

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