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Das Drama von 1914

Zwei Schüsse – und Europa versinkt in Trümmern. Das Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, das sich morgen zum 100. Mal jährt, führt nicht nur in den Ersten Weltkrieg. Es markiert den Anfang vom Ende der alten Welt. In Deutschland bricht eine Epoche extremer Gewalt und tiefgreifender gesellschaftlicher Verwerfungen an, ein neuer „Dreißigjähriger Krieg“, der erst mit der Niederlage des Nationalsozialismus endet.

Dienstag, 28. Juli 1914

„Es ist kein Zweifel mehr, daß der Krieg begonnen hat.“ Welche Tragweite dieser Satz aus der Titelgeschichte der Dewezet haben wird, kann an diesem Tag noch niemand ahnen. Berichtet wird über den Ausbruch des österreichisch-serbischen Krieges, und die Hoffnung wird genährt, dass „es gelingen wird, den Krieg zu lokalisieren“. Die Verantwortung, den Balkan-Konflikt nicht zu einem „Weltenbrand“ auflodern zu lassen, trägt aus Sicht des Berichterstatters ausschließlich Serbiens Schutzmacht Russland. Damit klingt an, was in den nächsten Tagen zur beherrschenden Lesart wird: Der Krieg wird Deutschland aufgezwungen.

Aus Pyrmont meldet die Dewezet, wie eine „ungeheure Menschenmenge“ zusammenströmt und „in heller Begeisterung“ durch die Stadt zieht, um ein patriotisches Lied nach dem anderen zu schmettern. Das Gerücht geht um, Deutschland werde in Kürze die Mobilmachung bekannt geben. Doch es ist keineswegs nur patriotischer Überschwang, der die Menschen auf die Straße treibt. Die Bürger versammeln sich, weil dies die einzige Möglichkeit ist, überhaupt an Informationen zu gelangen. Wichtige Neuigkeiten werden über Extrablätter verbreitet, die öffentlich verteilt und ausgehängt werden. Dazu heißt es in einer Meldung aus Hameln: „Die Extrablätter der ,Deister- und Weserzeitung‘ wurden von einer großen Menschenmenge mit Spannung erwartet, sie gingen von Hand zu Hand und überall, auf den Straßen, in den Wirtschaften und in den Familien werden die neuesten Ereignisse und ihre mutmaßlichen Folgen mit leidenschaftlicher Teilnahme besprochen.“ Der drohende Krieg elektrisiert, das Interesse an politischen Nachrichten wächst von Tag zu Tag. Wiederholt ist von der „Erregung des Publikums“ zu lesen, von fiebriger Spannung, mit der die Menschen dem Fortgang der Ereignisse harren – und die anfällig macht für Legenden und Gerüchte.

Mittwoch, 29. Juli 1914

Die Dewezet berichtet über die „mit Hochdruck betriebenen Friedensunterhandlungen“ der europäischen Mächte und verteilt die Rollen eindeutig: Neben dem Friedensstifter Deutschland tritt England (noch) als ausgleichende Macht auf. Dagegen geraten Frankreich („der überlieferte und gegebene Gegner Deutschlands“) und Russland („die große slawische Mutter“) als Schutzpatrone der „heimtückischen“ und „königsmörderischen“ Serben zunehmend in die propagandistische Schusslinie. Im antislawistischen Denken der Zeit führte Österreich-Ungarn einen ehrenvollen Krieg, eine „kräftige Züchtigung“ Serbiens galt als notwendige Erziehungsmaßnahme gegenüber einem unzivilisierten Volk.

Donnerstag, 30.  Juli 1914

Noch immer klingt in den Weltnachrichten Optimismus durch, der österreichisch-serbische Konflikt könnte begrenzt und durch eine Viermächtekonferenz entschärft werden. Eine „Meldung aus Petersburg“ besagt angeblich, dass Russland selbst einen österreichischen Einmarsch in Belgrad nicht als Kriegsgrund betrachte.

In Hameln herrscht weiter gespannte Erwartung, die in Panik abzukippen droht. Die Gespräche über die politische Lage „wirbelten so erregt durcheinander, wie es ,die älteren Leute‘ kaum erlebt haben“. In den Mittelpunkt der auf Besänftigung angelegten Berichterstattung tritt der Schutz der Banken vor einem befürchteten Kapitalabfluss durch verunsicherte Sparer. „Möchten die Bürger unserer guten Stadt nicht in die Ansteckung des Runs verfallen“, versucht die Dewezet einem Ansturm auf die heimische Sparkasse vorzubeugen. Wer an diesem Tag nach beruhigenden Botschaften sucht, findet sie noch in Sätzen wie diesem: „Die große Gefahr eines allgemeinen Krieges scheint sich gottlob bedeutend gelindert zu haben.“ Wenige Stunden später ist diese Einschätzung überholt. Am Abend vermeldet die Dewezet per Extrablatt die russische Teilmobilisierung. Die Maschinerie des Krieges läuft an.

Freitag, 31. Juli 1914

Die russische Mobilisierung lässt die Friedenshoffnungen schwinden, unumwunden ist nun vom drohenden Weltkrieg die Rede. „Es wäre töricht, jetzt noch Beruhigungs- und Beschwichtigungsworte suchen zu wollen“, verabschiedet und entlarvt die Dewezet ihre bisherige Strategie, die Kriegsgefahr kleinzureden. Der Ton gegenüber dem „russischen Kriegstreiber“ wird schärfer: Der „mächtigen panslawistischen Gesellschaft am Petersburger Hof“– und nicht dem Zaren – wird die Schuld dafür zugeschoben, dass „für das bündnistreue Deutschland eine Zwangslage“ entstehe, „aus der ein Zurück nur schwer zu finden wäre“. Was hier ertönt, ist der Refrain der deutschen Kriegspropaganda: Gegenüber seinen kriegslüsternen Nachbarn handelt das Reich in einem Akt bündnistreuer Notwehr.

In einem Beitrag des militaristisch gesinnten „Deutschen Wehrvereins“ indes wird die Motivlage des deutschen Generalstabs deutlich, der einen Krieg für unausweichlich hält und losschlagen will, ehe Deutschland im Rüstungswettlauf überflügelt wird. „Das deutsche Volk hat also ein ureigenstes Interesse daran, daß Serbien jetzt zu Boden geschlagen wird [...]. Besser, die Entscheidung über die ungeheuren Fragen fallen jetzt als in einem oder zwei Jahren“, zitiert die Dewezet. Nur als Randnotiz schaffen es dagegen die Protestkundgebungen gegen den Krieg ins Blatt. Auch wenn der Bericht über sozialdemokratische Versammlungen in Berlin ein einziger Verriss ist: Immerhin erfährt der Leser auf diese Weise, dass nicht nur Kriegsbegeisterung vorherrscht, sondern auch „Antipatrioten“ auf die Straße gehen.

In Hameln sorgt die vom Berliner Lokalanzeiger verfrüht verbreitete Nachricht, wonach die deutsche Mobilmachung bereits angeordnet sei, für „große Aufregung“, wie die Dewezet berichtet. Und es scheint notwendig, erneut auf die Sicherheit der Spareinlagen hinzuweisen: Es sei „Feigheit“, jetzt Geld von der Sparkasse zurückzufordern. Der Vorwurf, sich am Vaterland zu versündigen, wird in diesen Tagen schnell erhoben.

Samstag, 1. August  1914

An diesem Tag überschlagen sich die Ereignisse. Die Hauptausgabe dementiert zunächst die falsche Nachricht über die deutsche Mobilmachung, allerdings ohne Entwarnung zu geben. Die deutsche „Friedensliebe“ sei ungebrochen, aber über ihr stehe „die Würde und Ehre“ des Bundesgenossen. Genau darum geht es im Sommer 1914: Gefochten wird um nationales Prestige, nach den Regeln eines Ehrverständnisses, das bei Verletzungen (und als solche gilt das Attentat von Sarajevo) nach „Satisfaktionen“ verlangt.

 Auch in Hameln wächst die Anspannung. Nicht Enthusiasmus ist das kollektive Gefühl auf den Straßen, sondern Nervosität. Es kursiert das Gerücht, die Maschinengewehr-Abteilung habe Hameln bereits in Richtung Front verlassen. Anlasse für das Gerede, so klärt die Redaktion auf, sei eine Übung gewesen. „Falsche Gerüchte zu verbreiten, die bedauerlicherweise die in jetziger Zeit ohnedies bis zum Äußersten erregten Gemüter beunruhigen, sollte man in Zukunft unterlassen“, mahnt der Berichterstatter.

Dass der patriotische Eifer Grenzen kennt – und aus Sicht der Redaktion durchaus zu wünschen übrig lässt – zeigt der Bericht über ein anderes Ereignis. In der preußischen Armee ist es Usus, die Bataillonsfahnen in der Privatwohnung der Kommandeure aufzubewahren. Als der Kommandeur des Hamelner 164er Regiments, Oberst von L‘Estocq, aus dem Urlaub zurückkehrt, werden die Fahnen „mit klingendem Spiel“ zurück in seine Wohnung überführt. „Eine ungeheure Menschenmenge begleitete den Zug“, berichtet die Dewezet. Als die Kapelle „Deutschland, Deutschland über alles“ spielt, stimmen „einige aus der Menge“ sofort mit ein. Aber eben nur einige: „Bezeichnender für die augenblickliche Lage und die allgemeine patriotische Stimmung der Bevölkerung wäre es allerdings gewesen, wenn das Vaterlandslied von der gesamten Menge begeistert mitgesungen wäre“, moniert die Dewezet. Von patriotischem Eifer erfahren die Leser hier nur im Konjunktiv – ein seltener Hinweis, dass die enthusiasmierte Masse eher Wunschdenken als Wirklichkeit war. In der Regel schreiben die bürgerlichen Zeitungen die nationale Geschlossenheit, für die sie selbst eintreten, unverblümt herbei. Sie berichten über ein Phänomen, dessen Teil sie sind.

Im Verlauf des Tages veröffentlicht die Dewezet ein Extrablatt, in dem die vollständige Mobilmachung der russischen Armee und erstmals Vorbereitungen für die deutsche Mobilmachung bekanntgegeben werden. Der Kaiser habe den „Zustand der drohenden Kriegsgefahr“ ausgerufen. Unter Trommelwirbel verkündet ein Offizier des 164er Regiments in Hameln den Kriegszustand, was „tief bewegt“, aber „mit Fassung und Zuversicht unter Hurrarufen“ aufgenommen worden sei. Erneut strömen die Menschen „in Erwartung weiterer Nachrichten“ zusammen, in den Gastwirtschaften werden „die Ereignisse eifrig besprochen“. Am Abend ziehen „junge Reservisten und junge Leute“ durch die Stadt, singen patriotische Lieder und erbringen Oberst L‘Estocq eine „Ovation“.

Sonntag, 2. August  1914

Es ist amtlich: „Deutschland im Kriegszustand.“ Da die meisten Meldungen dieser Ausgabe vom 31. Juli datieren, ist nur vom deutschen Ultimatum, noch nicht von der Kriegserklärung an Russland die Rede. Die Berichte hinken den Ereignissen notgedrungen hinterher, allein bei der Konstruktion von Feindbildern ist man auf der Höhe: Die „Petersburger Kriegshetzer“ hätten ihre Armee mitten in den Verhandlungen mobilisiert, was nicht nur für den Kaiser eine Beleidigung sei, sondern „das deutsche Volk an seiner eigenen Ehre empfindet.“

Neben Zuversicht klingt Erleichterung an. „Endlich eine Klärung der Lage! Das Warten hat ein Ende, das lösende Wort ist gesprochen.“ Übermut jedoch sei nicht das Gebot der Stunde, mehrfach mahnt die Redaktion „zur Besonnenheit und Ruhe“. Auch wenn sich die meisten Hamelner in dieser Hinsicht bis jetzt „musterhaft“ verhalten würden: Es habe „eine Reihe unkontrollierbarer Gerüchte“ gegeben, die zu einer unnötigen „Belebung“ der Stimmung geführt hätten.

Ins Schwärmen gerät die Dewezet über die „Kundgebungen“ in Hameln, auf denen der „echt vaterländische Geist“ hervorgetreten sei. So heißt es etwa: „Während des ganzen Sonntags, vor allem in den Nachmittags- und Abendstunden, waren die Hauptstraßen der Stadt, vornehmlich die Osterstraße, von einer begeisterten, erregten Menge, darunter zahlreiche, bereits in Felduniform gekleidete Soldaten, belebt, die alle Meldungen [...] mit hochgespanntem Interesse entgegennahm.“ In „allen Herzen“ erblicke man jetzt „ungeteilte patriotische Empfindungen der höchsten und edelsten Art“. Je näher der Krieg rückt, desto geschlossener wird die nationale Front gezeichnet – so als gäbe es keine sorgenvollen Blicke in die Zukunft und keine Angst um die Angehörigen.

Im Münster wird ein Militärgottesdienst für die Soldaten und deren Angehörige gefeiert. Möglicherweise zeigen die beiden Fotos aus dem Album der Familie Meyer-Hermann (siehe oben und links) den Rückmarsch der Soldaten vom Münster an diesem Tag. Die Bilder sprechen eine andere Sprache als die überschwänglichen Kommentare, mit denen solche Ereignisse üblicherweise bedacht werden. Zu sehen sind eher gefasste Gesichter und einzelne, interessiert am Straßenrand stehende Passanten.




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