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Wenn es auf dem Dorf zum Arzt gehen soll, übernehmen oft Kinder oder Nachbarn den Fahrdienst

Das Auto als familiärer Krankentransporter

Coppenbrügge (ist). Das Auto von Wilhelm und Tochter Rosel Quast ist mehr familiärer Krankentransporter als rollende Einkaufstüte oder Ausflugsmobil. „Seit 15 Jahren fahre ich die Eltern mittlerweile zu jedem Arzttermin. Ist doch selbstverständlich“, sagt die 62-Jährige. In den vergangenen zehn Jahren sind es – seit dem Tod des Vaters – die Praxistermine von Mutter Anne Baudisch (82), die in Rosel Quasts Küchenkalender neben den Geburtstagen oberste Priorität haben. Eine Berufstätigkeit habe sie sich schon rein zeitlich nie leisten können.

Coppenbrügge (ist). Das Auto von Wilhelm und Tochter Rosel Quast ist mehr familiärer Krankentransporter als rollende Einkaufstüte oder Ausflugsmobil. „Seit 15 Jahren fahre ich die Eltern mittlerweile zu jedem Arzttermin. Ist doch selbstverständlich“, sagt die 62-Jährige. In den vergangenen zehn Jahren sind es – seit dem Tod des Vaters – die Praxistermine von Mutter Anne Baudisch (82), die in Rosel Quasts Küchenkalender neben den Geburtstagen oberste Priorität haben. Eine Berufstätigkeit habe sie sich schon rein zeitlich nie leisten können. „In dieser Woche muss Mama am Montag zur Schrittmacher-Kontrolle, Donnerstag in die Röhre zum Radiologen, Montag und Freitag habe ich selbst Zahnarzttermine.“ Bei ihren mittlerweile 62 Jahren würden auch die Arztbesuche in eigener Sache nicht weniger, registriert Rosel Quast. Wenn sie mal nicht mehr Auto fahren könne, das weiß sie, werden ihre Kinder Silke und Jens für die Eltern da sein. Mutter Anne hat Glück: Die Tochter wohnt nur knapp 100 Meter entfernt und ist ganztags zu Hause.

Schwieriger ist es für viele andere im Dorf oder Marie Legler (89) aus Diedersen und eine 90-jährige Bessingerin ohne Familie im Ort, die namentlich nicht genannt werden möchte. „Wie soll ich zum Arzt kommen?“, fragt Marie Legler. „Mit meinem Stock komme ich ja gerade mal hier im Haus zurecht, wenn es mir besonders gut geht, auch mal zur Nachbarin. Die Söhne wohnen und arbeiten einer in Hameln, einer in Hamburg.“ Da ginge nichts so von jetzt auf gleich, auch wenn der Hamelner Sohn regelmäßig vorbeischaue. „Der Doktor aus Bisperode ist ja früher immer ins Haus gekommen.“ Jetzt kommt eine Arzthelferin zur Blutabnahme ins Haus. „Da muss ich jedes Mal vier Euro Spritgeld bezahlen.“ Das könne sie sich auf Dauer nicht leisten.

Die Seniorin aus Bessingen setzt ganz auf das Telefon und ihr Funk-/Sendegerät des Hausnotrufes, das schnelle Hilfe auf Knopfdruck garantiert – die sie zum Glück noch nie gebraucht habe. Zum Arzt zu kommen, sei durchaus nicht einfach für sie, seit sie vor drei Jahren ihr Auto verschenkt habe. Die wenigen Male, die sie den Arzt brauche, rufe sie in Coppenbrügge an. „Der oder sein Vertreter kommt dann ins Haus.“

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Kein Problem mit den Fahrgelegenheiten zum Arzt gebe es letzten Endes auch in Diedersen, sagen die Nachbarinnen von Marie Legler, Marianne Machate (75) und Lisa Wodsak (81). Familie, Freunde, Nachbarn – das Miteinander im Ort sei intakt. Außerdem werde für diejenigen, die noch ganz gut auf den Beinen sind, seit August eine so gute Öffiverbindung angeboten, „wie wir sie noch nie hatten“. Stündlich fährt ein Bus Richtung Hameln oder Coppenbrügge: „Nicht alles ist schlechter geworden auf dem Dorf! Früher ging nichts ohne Taxi oder Familie.“ Bei Frau Wodsak allerdings schon: Die 81-Jährige ist noch bis zum letzten Jahr mit dem Fahrrad durch die Felder zum Arzt nach Bisperode gefahren oder zu Fuß gegangen. „Wenn man da den Bus nahm, hat man drei Stunden warten müssen.“

Nicht alle im Flecken haben das Glück, an der seit dem Fahrplanwechsel in diesem Sommer stark bedienten Öffi-Achse Hameln-Bisperode-Salzhemmendorf zu wohnen. Ohne Fahrzeug bleiben die zwei Kassenärzte im Flecken, beide mit Praxis im Kernort, für die Mehrzahl, vor allem Senioren, schwer erreichbar. „Natürlich hilft man sich deshalb auch in Marienau in der Familie und der Nachbarschaft, wenn es um Fahrten zum Arzt geht“, weiß Cord Bormann, Ortsratsmitglied und KuKi-Vorsitzender, aus tagtäglicher Erfahrung. Er fügt mit Blick auf die mit sechs über die Dörfer gut verteilten Ärzte in der Gemeinde Salzhemmendorf hinzu: „Was bleibt uns anderes übrig? Man nimmt es eben so hin.“ In Ordnung sei das nicht. Dem kann Marlies Mund, Vorstand der Dorfgemeinschaft Harderode, nur zustimmen: „Wir hatten noch nie einen Doktor in Harderode, daher haben Kinder und Nachbarn immer geholfen, wenn’s um den Arzt ging.“ Eine optimale Versorgung stelle man sich allerdings anders vor, „aber im Notfall hilft uns ja die Rufnummer 19218 weiter“.

Nur zu Beginn schwer getan haben sich die Bisperoder, die erst seit Jahresbeginn ohne ärztliche Versorgung auf Kassenkosten für jedermann direkt im Ort sind. „Hier ist einer für den anderen da“, berichtet Ralf Semke vom Heimatbund. Das Ehepaar Eleonore und Werner Berlips aus Hohnsen, das seine goldene Hochzeit schon längst hinter sich hat, ist ganz zufrieden. Wie das später mal werde, daran wollen sie noch nicht denken. Müssen sie wohl auch nicht, denn „in unseren Dörfern sind wir füreinander da“, so Ortsbürgermeister Helmut Kuppig. Und das gelte für alle Ortsteile im Flecken gleichermaßen. Die Versorgung liegt mit zwei Ärzten und einer Privatpraxis bei rund 8000 Einwohnern weit unter dem niedersächsischen Landesdurchschnitt von 233 Einwohnern pro Arzt (Quelle: Bundesärztekammer, 2009) – durch intakte Strukturen wird dies dennoch nicht zum Problem.

„Rezeptkästen“ vor Ort aufgestellt

Einen ganz besonderen, in dieser Form nie dagewesenen Service bietet die Hölty’sche Apotheke in Coppenbrügge. Deren Botendienst bringt alle verordneten Medikamente kostenfrei direkt an die Haustür – neuerdings können die Rezepte in den Ortschaften Harderode, Bisperode und Diedersen in spezielle Kästen eingeworfen werden. Die Medikamente werden, „und darauf kann man sich verlassen“, so Apotheker Arndt Buerhop, am nächsten Werktag in besonders dringenden Fällen noch am Nachmittag ins Haus gebracht.

Große Hilfe für Senioren: Telefon und Hausnotruf (li.). Die Rezeptkästen in Bisperode, Diedersen und Harderode werden täglich geleert – hier von Marlies Zahn – die Medikamente täglich frei Haus geliefert.




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