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„Danke“ sagt Hoppe 20 Minuten lang

Darmstadt. Beinahe ein wenig zu Hause fühlen dürfte sich Felicitas Hoppe beim Anblick dieses Gebäudes. Immerhin sieht das Staatstheater Darmstadt, ein futuristischer Betonbau von 1972, fast so aus wie ein platt gedrücktes Bundeskanzleramt. Und in der Nähe des Berliner Regierungsviertels lebt die 51-jährige Schriftstellerin, die aus Hameln stammt. In den Hauptbahnhof marschiert sie regelmäßig schnellen Schrittes. Doch schon am Dienstag hat die Schriftstellerin der Hauptstadt den Rücken gekehrt, hat ihren Rucksack gepackt und ist nach Hessen gereist. Denn das Staatstheater Darmstadt am Georg-Büchner-Platz ist heute das pochende Herz der deutschen Literaturszene: Hier wird Hoppe heute gegen 17.50 Uhr den Büchner-Preis erhalten. In die Literaturgeschichte wird sie eingehen als die einzige Hamelnerin, die in einem Satz genannt werden wird mit den großen Namen bisheriger Preisträger: Max Frisch, Günter Grass, Peter Handke, Elfriede Jelinek.

Autor:

Julia Marre

Gestern Abend noch hingen goldgerahmte Gemälde zwischen Marmortreppen auf der Bühne der Darmstädter Staatstheaters. Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ spielte im großen Saal. Darin hat die Hauptfigur, der Schriftsteller E.T.A. Hoffmann, mehr als nur einen über den Durst getrunken. Auf Hoppe. Prost. Seinen inszenierten Rausch hat der Hauptdarsteller mittlerweile ausgeschlafen. Die zünftigen Holzstühle sind von der Bühne weggeräumt.

Bei aller Vorliebe für klassische Musik hat sich Felicitas Hoppe diese Aufführung allerdings nicht ansehen können. Denn sie hat zur gleichen Zeit zwei Kilometer entfernt in der Orangerie gesessen. Dort hat sie aus ihrer selbstentworfenen und augenzwinkernd geschummelten Biografie „Hoppe“ vorgelesen.

Der fiktive Lebensentwurf in Romanform war es schließlich, der die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung überzeugt hat, Hoppe den Büchner-Preis zu verleihen. „In einer Zeit, in der das Reden in eigener Sache die Literatur immer mehr dominiert“, heißt es in der Begründung, „umkreist Felicitas Hoppes sensible und bei allem Sinn für Komik melancholische Erzählkunst das Geheimnis der Identität.“

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Im Foyer des Staatstheaters wird heute schon am frühen Nachmittag reges Treiben herrschen. Unter den weißen Lichtobjekten, die den Vorraum beleuchten, werden Schriftsteller mit Literaturkritikern und Verleger mit Lesern plaudern. Bis 16 Uhr, wenn der Festakt beginnt, werden rund 800 der 956 rot gepolsterten Samtsitze im Saal besetzt sein. Auf dem Rang dürften noch Plätze frei bleiben.

Für die Zeremonie ist kein musikalischer Programmpunkt vorgesehen. Es kommt auf das Wort an. Wenn nicht bei einer Büchner-Preisverleihung, wo dann? Im großen Saal wird nicht nur die Literaturauszeichnung verliehen, ebenso der Merck-Preis an Heinz Schlaffer und der Freud-Preis an Ernst-Wolfgang Böckenförde. Ein Rednerpult wird in der Mitte der 23,5 Meter breiten Hauptbühne stehen. Daneben ein Urkundentisch. Größer als das DIN-A4-Format ist die Büchner-Urkunde, gedruckt auf Büttenpapier mit Prägung. Rechts neben dem Pult thront ein großer Blumenstrauß auf einer Säule. Keine Pfingstrosen, die Hoppe so sehr mag, sondern herbstliche Floristik. Im Bühnenhintergrund wird ein Schleier farbig angestrahlt. Ans Pult tritt Hubert Spiegel, ehemaliger Leiter der Literaturredaktion bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, um 17.30 Uhr. Er wird die Laudatio für Hoppe halten. 20 Minuten Redezeit sind dafür eingeplant.

Während er spricht, wird sich Felicitas Hoppe vielleicht daran erinnern, wie diese ruhmreiche Reise, die sie gern als „Büchner-Reise“ bezeichnet, begonnen hat. An diesen regnerischen, kühlen Tag im Mai, als sie in ihrem weiß gestrichenen Wohnzimmer in Berlin-Mitte sitzt. Daran, dass sie ihr notdürftig mit Pflastern zusammengeklebtes Macbook hochfährt und in ihren Posteingang schaut. 130 Mails kommen an diesem Tag an. „130 Mails!“, berichtet Hoppe noch Wochen später fassungslos. „Ich habe unten beantwortet und oben kamen immer wieder Neue an!“ Auch Fanpost erreicht sie, darunter Gratulationen von ihrer Schule, dem Hamelner Viktoria-Luise-Gymnasium, und eine Glückwunschkarte von Kulturstaatsminister Bernd Neumann („der Preis wird ja unter anderem von Bundesmitteln finanziert“). All diese Glückwunsch-Schreiben, die sie aus ihrem verbeulten Briefkasten im Hausflur fischt und per Mail erhält, teilt sie in drei Kategorien ein. „Einmal gibt es die, die sich sehr für mich freuen und es super-klasse-toll finden, dass ich den Preis bekomme“, sagt sie. Andere Reaktionen sind auch herzlich, allerdings mit Einwand: „Viele finden es gut, schreiben mir aber, dass sie den Zeitpunkt für zu früh halten“, so Hoppe. Dann gibt es die dritte Kategorie all jener Gratulanten, die ihre Wünsche unverfroren an Sachbedingungen knüpfen: „Alles Gute, Frau Hoppe – hier ist mein Manuskript.“

So weit die Reaktionen, die sie mitbekommt. Die Feuilletonseiten der großen Tageszeitungen „lese ich grundsätzlich nicht“, sagt Hoppe. „So spare ich jede Menge Kraft.“ Von negativen Rezensionen erfährt sie mal von Freunden.

In den Frühlings-, Sommer- und Herbstwochen seit jenem Tag im Mai wird Felicitas Hoppe in Restaurants vom Nachbartisch aus angelächelt. Man erkennt sie, sogar im anonymen Berlin. Und in Hameln, wo sie zuletzt Fernsehteams auf den Spuren ihrer Kindheit durch die Fußgängerzone führte, sowieso. „Fernsehen ist für mich das Schwierigste“, sagt Hoppe. Fünfmal müsse sie für manche Aufnahmen um einen Baum herumgehen. Bei Promi-Spaziergängen läuft sie mit Journalisten durch Berlin. „Dabei habe ich keine Hobbys – schon gar nicht Spazierengehen.“

Doch zurück ins herbstliche Darmstadt. Hier wird Hubert Spiegel seine Laudatio heute gegen 17.45 schließen und Applaus dafür ernten. Von vielen der prominenten Akademiemitglieder sowie von Bundestagsabgeordneten: Brigitte Zypries oder Daniela Wagner sind nur zwei von ihnen, die im Zuschauerraum sitzen. Der Göttinger Professor Dr. Dr. Heinrich Detering, seit November 2011 Präsident der Akademie, betritt mit Felicitas Hoppe die Bühne. Er verliest den Urkundentext, überreicht ihr die Urkunde, verlässt die Bühne. Dann tritt Hoppe ans Rednerpult. Auch sie hat 20 Minuten lang Zeit für ihre Dankesrede. Um 18.15 Uhr wird der Festakt im Theater beendet sein. Die Stadt Darmstadt, die den Preis mitträgt, lädt im Anschluss zum Empfang in die Orangerie ein. Und im Staatstheater räumen Bühnentechniker Stühle und Notenständer aufs Podium. Um 11 Uhr beginnt morgen das zweite Sinfoniekonzert. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz musiziert das Staatsorchester Darmstadt Werke von Rachmaninow, Walton und Schostakowitsch. The Show must go on. Auch in Darmstadt.

Heute Nachmittag zeichnet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung Felicitas Hoppe in Darmstadt mit dem Georg-Büchner-Preis aus. Wie die festliche Verleihung des renommierten Literaturpreises an die aus Hameln stammende Schriftstellerin aussehen wird? Was in der hessischen Wissenschaftsstadt noch passieren wird? Eine Vorschau.

Hoppe trifft Büchner – im Wohnzimmer der Schriftstellerin stapeln sich nicht nur Bücher, sondern auch so viele Fanbriefe, dass Felicitas Hoppe überlegt hat, Autogrammkarten drucken zu lassen. Fotos: are




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