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„Da haben wir wirklich sehr viel Macht“

Alle sechs Jahre wählen die evangelischen Christen in der Landeskirche Hannover neue Kirchenvorstände – diesmal am 18. März. Und nur noch bis zum 31. Januar können Kandidaten aufgestellt werden, die bereit sind, sich in der Führung einer Gemeinde zu engagieren. Die Voraussetzung dafür: Sie müssen mindestens 18 Jahre alt sein und drei Monate in der Gemeinde ihren Wohnsitz haben.

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Ute Pfab macht den „Job“ in der Münster-Gemeinde in Hameln schon seit 1994. „Ich wollte einfach etwas in der Gemeinde machen und wurde von dem damaligen Superintendenten Lange gefragt, ob das nicht etwas für mich wäre. Warum nicht?, habe ich mich damals gefragt, wusste aber nicht, was da auf mich zukommt.“ Auch Anke Wehrmann gehört dem Kirchenvorstand der Münster-Gemeinde an. „Das hat wenig mit seelsorgerischer Arbeit zu tun“, erklärt sie, „das ist mehr Verwaltungsarbeit und Kirchenpolitik. Es gibt Ausschüsse, die sich mit den verschiedensten Bereichen beschäftigen. Da diskutieren wir auf sehr inhaltlicher Ebene, gehen aber mit großem Respekt miteinander um.“

Kirchenvorstände fassen beispielsweise Personalbeschlüsse, diskutieren Gebäudefragen und prägen das Gemeindeleben durch die Konzepte, die sie entwickeln. Nach Möglichkeit soll ein Kirchenvorstand einen repräsentativen Querschnitt durch die Gemeinde darstellen, mit Mitgliedern aller Altersstufen und Berufsgruppen, mit Menschen, die schon lange im Ort verwurzelt sind, aber natürlich auch mit neu Hinzugezogenen. Da gibt es keinerlei Beschränkungen. Dafür aber jede Menge Herausforderungen. Denn die Zahlen der Gemeindemitglieder sinken, und die finanziellen Spielräume werden immer enger. Ebenso wie in der realen Politik gehört das Haushaltsrecht zu den vornehmsten Aufgaben eines Kirchenvorstands. In der Münster-Gemeinde zu Hameln hatte der Haushalt im Jahr 2010 beispielsweise ein Volumen von rund 230 000 Euro. Auch wenn der Kirchenvorstand letztlich über die Verwendung dieser von der Landeskirche zugewiesenen Mittel entscheidet, ist durch die Personalkosten meist schon der Löwenanteil festgeschrieben. Und auch die Unterhaltung der Gebäude schluckt jedes Jahr erhebliche Summen, „denn es gibt immer etwas zu reparieren oder zu erneuern“, wie Anke Wehrmann erklärt.

Aufgrund der strukturellen Änderungen im kirchlichen Bereich wird inzwischen häufig auch mit anderen Gemeinden kooperiert. In Hameln betreiben zum Beispiel die Gemeinden des Münsters und der Marktkirche gemeinsam das neue „Haus der Kirche“. Um ihren Beitrag zum Bau dieses Zentrums zu leisten, mussten in der Folge andere Immobilien der Gemeinden veräußert werden. „Das war eine schwierige Angelegenheit, denn die Immobilienpreise waren im Keller, und wir haben zumindest in einem Fall bei Weitem nicht den Preis erzielt, den wir uns vorgestellt hatten“, erinnert sich Ute Pfab. Als das „Haus der Kirche“ geplant und gebaut worden sei, „war unsere Arbeit schon sehr zeitintensiv“. Vier Jahre lang hatten wir zwei Vorstandssitzungen pro Monat – einmal für die Münster-Gemeinde und eine gemeinsame mit dem Vorstand der Marktkirche. Jetzt hat sich das aber wieder normalisiert, und wir tagen meist einmal im Quartal“.

Dass es nicht immer einfach ist, Kandidaten für die Vorstandswahlen zu rekrutieren, hat jetzt die Lippische Landeskirche erlebt. Dort werden Anfang Februar die Kirchenvorstände gewählt – aber nur in fünf von 69 Gemeinden. Warum die Bereitschaft so gering ist, sich ehrenamtlich für das Wohl der Gemeinden zu engagieren, wissen die Verantwortlichen der Landeskirche nicht und warten nun darauf, dass mit einer Studie geklärt wird, woran es liegen könnte. Auf einen Kirchenvorstand müssen die Gemeinden in der Lippischen Landeskirche aber nicht verzichten. Kommen zu wenig Kandidaten zusammen, werden sie als „Kirchenälteste“ berufen, wie die Kirchenvorstände dort genannt werden.

Mit einer richtigen Kampagne wurde in den vergangenen Wochen im Kirchenkreis Grafschaft Schaumburg für die Kandidatenkür geworben. „Wir haben vier Vorstandsmitglieder angesprochen, ob sie sich auf einem kleinen Plakat präsentieren dürfen. Dazu gehörte auch Anne-Kathrin Strohmeyer aus dem Weserdorf Großenwieden. Und wir haben jetzt in fast allen Gemeinden der Grafschaft eine genügend große Zahl von Kandidaten“, erklärt der für die Öffentlichkeitsarbeit in diesem Kirchenkreis zuständige Pastor Falk Nisch.

Dass ein Kirchenvorstand nicht nur feste Aufgaben wie das Einsammeln der Kollekte während eines Gottesdienstes oder die Austeilung beim Abendmahl hat, sondern viel erreichen kann, wenn er sich richtig engagiert, zeigt das Beispiel der kleinen zu Bad Münder gehörenden Gemeinde in Flegessen, deren Pastorenstelle seit einiger Zeit verwaist ist. Gerhard Bartels, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstands in Flegessen, berichtet vom Engagement seines Vorstands im Kampf um die Freigabe der Stelle für eine Ausschreibung. „Erst haben wir bei unserem Superintendenten nachgefragt, wie es weitergehen werde, und haben wenigstens eine Vakanzvertreterin bekommen, die sich um die Gemeinde kümmert. Jetzt hat uns die Landeskirche eine Pastorin in Aussicht gestellt, denn der Bedarf ist vorhanden.“ Der Vorteil dabei sei, dass beim nächsten Mal der Vorstand bei einer Ausschreibung sich den Pastor oder die Pastorin selbst aussuchen könne. „Denn das geschieht immer im Wechsel – einmal bestimmt die Landeskirche, danach wieder der Vorstand. Das ist ganz wichtig für die Kraft eines Kirchenvorstands. Da haben wir wirklich sehr viel Macht.“

Wie in vielen anderen Gemeinden auch gehört die Sorge um Pfarrhäuser und Kirchenräume zu einem Hauptteil des Kompetenzbereichs eines Kirchenvorstands. Die Paul-Gerhardt-Gemeinde in Hameln beispielsweise verfügt mit zwei Pfarrhäusern über weit mehr Fläche, als es die Landeskirche erlaubt. Deshalb wird die Gemeinde ab 2013 deutlich weniger Geld aus Hannover erhalten und muss eines der Häuser entweder verkaufen oder selbst unterhalten. „Wir werden dieses Haus nicht aufgeben, sondern werden es mit Eigenmitteln weiter betreiben“, berichtet Jutta Schneider, am Hamelner Basberg seit 18 Jahren im Kirchenvorstand. „Aber wir müssen stark umstrukturieren und werden unsere Jugendarbeit und die Pfadfinder ins Gemeindehaus integrieren.“

Es ist vor allem die konzeptionelle Arbeit, die viele Kirchenvorstände beschäftigt. Wie soll der Konfirmandenunterricht gestaltet werden, wie die Jugendarbeit oder die Gottesdienstgestaltung? Wo kann gespart werden, und welche Schwerpunkte sollen und können gesetzt werden? Und was muss geschehen, wenn die Orgel saniert werden muss? Ute Pfab und Anke Wehrmann schildern dies am Beispiel der Münster-Orgel, die im vergangenen Jahr mehrere Monate wegen Schimmelbefalls stillstand. „Erst gab es die Schadensfeststellung mit einem Gutachter, dann die Kostenermittlung und den Antrag auf Genehmigung durch die Landeskirche, die Finanzplanung, die Zuschussanträge, die Sponsorenakquisition und die Spendensammlung. Da war jede Menge zu tun.“ Und trotzdem sagt Ute Pfab: „Es macht immer Spaß, weil wir etwas bewegen. Und privat nimmt man selber auch immer etwas davon mit nach Hause.“

Im Gegensatz zu Anke Wehrmann wird sie trotzdem jetzt nicht mehr kandidieren: „Ich brauche einfach wieder mehr Zeit für mich selbst.“

Am 18. März werden im Bereich der Landeskirche Hannover neue Kirchenvorstände gewählt. Was macht eigentlich ein Kirchenvorstand? Wie setzt er sich zusammen und wer kann für dieses Amt kandidieren? Hat er entscheidenden Einfluss auf das Leben in der Gemeinde? Und mit welchen Kompetenzen ist er ausgestattet? Wir haben in vielen Gemeinden nachgefragt.



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