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Bau und (Nicht-) Einweihung des Schlageter-Denkmals an der Porta Westfalica vor 80 Jahren

Christenkreuz, Rune oder Obelisk?

Berggipfel haben schon immer die Fantasie der Talbewohner beflügelt. Das gilt auch für die Anhöhen der heimischen Wesergebirgskette. Dichter und Durchreisende brachten ihre Empfindungen in schwärmerische Zeilen zu Papier. Natur- und Wanderfreunde errichteten Aussichtstürme und Raststätten.

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Besondere Aufmerksamkeit wurde den Felskuppen der Westfälischen Pforte zuteil. Es gab etliche Versuche, die beiderseits der Weser aufragenden Hänge mit Standbildern berühmter Deutscher zu schmücken. Markantestes Beispiel ist das Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Wittekindsberg gebaute und bis heute als Wahrzeichen verehrte Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Weit weniger erfolgreich waren die Bemühungen, etwas annähernd Gleichwertiges auf dem gegenüberliegenden Jakobsberg hinzubekommen. Die Idee, dort eine Statue von Wilhelms Sohn und Nachfolger Kaiser Friedrich III. (1831-1888, „99 Tage-Kaiser“) aufzustellen, kam über die Planungsphase nicht hinaus. Der daraufhin 1902 errichtete Bismarckturm wurde bereits 50 Jahre später wieder abgerissen und durch einen geschichtslos-schnöden Fernseh-Sendemast ersetzt. Und auch das 1933 mit großem Tamtam angekündigte Projekt „Schlageter-Denkmal“ stand unter keinem guten Stern. Der Bau wurde ein Jahr später von den neuen Berliner NS-Machthabern – gegen den erbitterten Widerstand der heimischen Funktionäre – gestoppt. Das Gezerre vor 80 Jahren sorgte nicht nur hierzulande für großes Aufsehen.

Albert Leo Schlageter kannte bis 1945 in Deutschland jedes Kind. Mehr noch. Der 1894 geborene Schwarzwälder wurde als Nationalheld verehrt. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hatte er sich spontan zum Fronteinsatz gemeldet. Nach dem schmachvollen Versailler Friedensdiktat schloss er sich verschiedenen Freikorps an. Als französische Truppen 1923 zwecks gewaltsamer Eintreibung ausstehender Reparationszahlungen das Ruhrgebiet besetzten, ging er in den Untergrund und versuchte, den gewaltsamen Abtransport der Kohle durch Gleissprengungen zu stoppen. Schlageter wurde denunziert, von einem französischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt und am 26. Mai 1923 in der Nähe von Düsseldorf erschossen.

Die Hinrichtung löste reichsweit und parteiübergreifend Empörung aus. Nicht nur radikale Gruppierungen wie Stahlhelm, Jungdeutscher Orden, NSDAP und rechte Studentenverbindungen feierten Schlageter fortan als Märtyrer. Auch im bürgerlichen Lager wurde der tote Reichswehr-Offizier als vaterlandsliebender Widerstandskämpfer verehrt. Sammelbecken der Bewegung war der unmittelbar nach der Beisetzung aus der Taufe gehobene „Schlageter-Gedächtnis-Bund“ (SGB). Vielerorts wurden Mahnmale errichtet. Das Größte entstand 1931 in der Nähe der Exekutionsstätte auf der „Golzheimer Heide“. Markantes Erkennungssymbol der als zentrale Reichs-Gedenkstätte geltenden Anlage war ein hoch aufragendes Kreuz.

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  • Zur Grundsteinlegung im Juni 1933 kamen mehr als 10 000 Leute auf den Jakobsberg, im Vordergrund Gauleiter Meyer in Weihepose.
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  • Das für den Jakobsberg vorgesehene Schlageter-Kreuz bildet heute den Mittelpunkt der Kriegsopfer-Gedenkstätte auf dem Mindener Nordfriedhof.
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  • Das unvollendete Schlageter-Denkmal auf dem Jakobsberg heute. Der bastionsartige Sockel wurde nach dem Krieg von der Stadt Hausberge zur Aussichtsplattform umgestaltet. Eine Tafel weist auf die ursprüngliche Bedeutung hin.
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  • Albert Leo Schlageter
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  • Porträtdarstellung auf einem Broschüren-Umschlag.
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Im Vorfeld des 10. Todestages Schlageters (26. Mai 1933) strebte der Heldenkult einem neuen Höhepunkt entgegen. Wie in etlichen anderen Regionen dachte man auch in der hiesigen Umgebung über den Bau eines Denkmals nach. Als treibende Kraft taten sich seit der „Machtübernahme“ im März 1933 die Hitler-Anhänger hervor. Bei der Suche nach einem geeigneten Standort rückte von Anfang an der Jakobsberg in den Blickpunkt. Auf Wunsch der NSDAP-Ortsgruppe Minden dachte der örtliche Architekt Pg. Hans Korth über ein gestalterisches Gesamtkonzept nach.

Korths Entwurf sah einen trutzig-klotzigen Sandsteinsockel vor, auf dessen Plattform ein 15 Meter hohes, nach dem Vorbild des Golzheimer Ehrenmals gestaltetes Stahlkreuz stehen sollte. Der Vorschlag fand uneingeschränkte Zustimmung. Auch eine eiligst zusammengerufene Jury, in der unter anderem der westfälische Landeskonservator und Kultursachverständige Dr. Rave aus Münster, der Bundesgeschäftsführer des Schlageter-Gedächtnis-Bundes Lauterbach aus Hannover, der Mindener Regierungspräsident von Oeynhausen und NSDAP-Kreisleiter Fritz Schmidt aus Eisbergen mitmachten, zeigte sich angetan. Vor allem das schlanke Kreuz „mit seinen feinen, dünnen Linien“ werde „die große Wirkung des bekannten Weserdurchbruchs unterstreichen“, war man sich einig.

Um die weiteren Vorbereitungen kümmerte sich ein Denkmalausschuss. Als Tag der Grundsteinlegung fasste man den 28. Mai 1933 ins Auge. Der Termin wurde jedoch aus Rücksicht auf die zahlreichen anderweitigen Verpflichtungen von Göring und Goebbels, die ihre Teilnahme in Aussicht gestellt hatten, mehrmals verschoben und ging schließlich – ohne die beiden Minister – einen Monat später (am 25. Juni 1933) über die Bühne. Laut Presseberichterstattung nahmen an der mit pompösen Aufmärschen und Feldgottesdiensten angereicherten Feier mehr als zehntausend Menschen teil. Die Weiherede hielt Gauleiter Meyer. Stimmungsvoller Abschluss war eine Nibelungen-Aufführung auf der Porta-Freilichtbühne.

Die Bauarbeiten gingen zügig voran. Den Löwenanteil leisteten freiwillige SA-Aktivisten aus den NSDAP-Kreisen Minden, Schaumburg-Lippe und Grafschaft Schaumburg. Das Kreuz spendierte der Ruhrkonzern Dortmunder Union, dem damals unter anderem die Kleinenbremer Eisensteinzeche Wohlverwahrt gehörte. Die Ankunft des neuen Wahrzeichens per Bahn und das Zusammenschweißen der Einzelteile auf dem Jakobsberg gerieten zum spektakulären Ereignis. Die feierliche Aufstellung und Weihe des fertigen Denkmals wurde für den 27. Mai 1934 angekündigt.

Doch dann geriet das Vorhaben – für die heimischen Beteiligten völlig überraschend und zunächst ohne ersichtlichen Grund – plötzlich ins Stocken. Nur ganz langsam sickerten Hinweise auf die Ursache durch: Unter den NSDAP-Ideologen war im Zuge des so genannten „Kirchenkampfes“ ein Streit über den „richtigen“ Umgang mit christlicher Symbolik entbrannt. Knapp vier Wochen vor der geplanten Denkmalweihe ließ Gauleiter Meyer seine heimischen Gefolgsleute wissen, dass das Kreuz auf dem Jakobsberg nicht aufgestellt werden dürfe. Die Entscheidung sei ihm durch den von Hitler zum „Beauftragten für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP“ ernannten Reichsleiter Rosenberg übermittelt worden. Statt des Christen- solle ein Runenkreuz montiert werden. Offenbar gab es in der Berliner Führungsriege jedoch unterschiedliche Meinungen. Wenig später wurde bekannt, dass sich Hitler-Stellvertreter Hess auch ein Hakenkreuz oder einen Obelisken vorstellen könne.

Die heimischen Denkmal-Aktivisten waren außer sich. Es hagelte Proteste, Vorwürfe und Verdächtigungen. Gauleiter Meyer wurde hinter vorgehaltener Hand als Duckmäuser beschimpft. Das Mindener Denkmalausschuss-Mitglied Pg. Möller setzte sich in den nächsten Zug nach Berlin, um den dortigen „Schlaumeiern“ die peinlichen Folgen ihrer Haltung vor Ort deutlich zu machen. Daraufhin wurde gegen ihn und den Ortsvereinsvorsitzenden Dr. Böse das Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Zwischendurch drohte Kreisleiter Schmidt mit der Totalsprengung der Anlage. Am Kreuz-Verbot änderte das nichts.

Um die Blamage in Grenzen zu halten, kam man schließlich überein, eine Art „vorläufige“ Einweihungsfeier durchzuführen. Es sei eine erhebende Veranstaltung gewesen, war tags darauf in den mittlerweile weitgehend gleichgeschalteten heimischen Zeitungen zu lesen. Darüber hinaus wurde Stillschweigen verordnet. Das wirkt offenbar immer noch nach. Jedenfalls geben die bisher erschienenen Chroniken über den vor 80 Jahren rund um den Jakobsberg tobenden Glaubenskrieg kaum etwas her. Auch nach Informationen über den Verbleib des Stahlkreuzes muss man lange suchen. Es steht heute auf dem Mindener Nordfriedhof.

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