weather-image
21°
Beliebter als der Schauspieler sind die Wisente im Bialowieza-Nationalpark im Nordosten Polens

Charles Bronson und der letzte Urwald Europas

Podlasie/Bialowieza. Nur für ein paar Sekunden schält sich Dareks Gesicht aus der Finsternis. Dann ist es wieder stockdunkel. Mit gierigen Zügen zieht unser unbekannter Guide an seiner ukrainischen Zigarette. Im Schein der Glut blitzen seinen blauen, lebendigen Augen, die so gar nicht zur aufgeworfenen Haut und den tiefen Falten passen wollen. Wir sind mit ihm auf Wisent-Jagd im letzten Urwald Europas. Nachts, irgendwo im Grenzgebiet zwischen Polen und Weißrussland.

270_008_4739243_rei_2_2708.jpg
Tomas Krause

Autor

Tomas Krause Onlineredakteur zur Autorenseite

„Pssst, Still“, zischt Darek auf gebrochenem Deutsch. „Guckt da – seht ihr sie, Wisente. “ Angestrengt schauen wir in die Nacht und können beim besten Willen nichts erkennen.

Darek winkt uns auf eine Lichtung, das Fotografieren hat er verboten. Sonst könnten die Tiere in den Wald verschwinden. Mit dem Fernglas sucht er den nebelverhangenen Waldrand ab. Über uns grollen seit Stunden nicht enden wollende Donnerschläge. Es ist 3 Uhr morgens, eine schwüle Sommernacht, irgendwo quakt ein Frosch. Es beginnt zu regnen.

Ein Blitz taucht die Graslandschaft in unwirkliches Licht – dann sehen wir sie, die scheuen Stars des Bialowieza-Nationalparks: Zwei Wisente grasen auf der Lichtung. Vielleicht 400 Meter entfernt. Trotzdem rauscht uns das Blut in den Ohren. Aber unser Glück hält nur kurz. Der stärker werdende Regen treibt die bärtigen Urviecher zurück in den Wald. Darek flucht und benutzt sein Lieblings-Schimpfwort: „Scheiße“. Darek spricht nicht viel, doch wenn er redet, benutzt er es gern.

3 Bilder
In ihrem Restaurant hat Dzenneta Bilder ihrer Ahnen aufgehängt (li.). Einige der alten Grabsteine in Kruszyniany tragen arabische Namen. Foto: tk

Heute streifen rund 800 wilde Wisente durch das Unterholz des Bialowieza-Waldes in der Woiwodschaft Podlasie, einer der ärmsten Region im Nordosten Polens. Das sei nicht immer so gewesen, sagt Fremdenführer Czeslaw Okolów im besten Marcel-Reich-Ranicki-Deutsch. Wilderer und deutsche Soldaten hätten während der Wirren des Ersten Weltkrieges den Tieren den Garaus gemacht. Dabei sind die Wisente der Grund, warum es den Wald überhaupt noch gibt. „Schon die polnischen Könige haben verboten, ihn abzuholzen, um die Tiere für ihre Jagd zu schützen.“ Das sei unter Zaren und Kommunisten nicht anders gewesen.

Der 76-Jährige war bis vor ein paar Jahren Direktor des Nationalparks. Für ihn ist der Bialowieza, „der wichtigste Wald Europas“, nicht nur, weil er hier sein halbes Leben verbracht hat. Eine derartige Artenvielfalt gibt es in Europa sonst nirgends. Pflanzen, Pilze, Tiere, die anderswo ausgestorben sind, haben hier einen Lebensraum. 1000 Pflanzenarten wachsen mit mehr als 3000 Pilzen und 250 Moosen im Schatten jahrhundertealter Bäume. Über 20 000 Spezies hat der Förster im Dickicht des Urwalds gezählt. Darunter 250 Vogel- und 62 Säugetierarten. Die Unesco hat den 150 000 Hektar großen Nationalpark daher 1979 zum Weltnaturerbe erklärt.

Aber auch ein Urwald hat Grenzen: nämlich die nach Weißrussland. Ein drei Meter hoher Stacheldrahtzaun trennt die polnische von der weißrussischen Urlandschaft. 40 Prozent des Nationalparks liegen auf polnischer Seite. „Um den Gen-Pool zu vergrößern, wäre es wünschenswert, wenn die Wisente nach Osten wandern könnten“, sagt Okolów. 350 Tiere leben in Weißrussland. Aber Minsk hält seine Grenzen dicht – auch für Wisente.

Etwa drei Autostunden von Bialowieza entfernt, liegt der Ort Kruszyniany. Ein kleines 160-Seelen-Nest im Nirgendwo. Alte Muttchen haben es sich vor ihren windschiefen Holzhäuschen bequem gemacht. An den Gartenzäunen wachsen Stockrosen und Margariten. Kruszyniany ist das Zentrum der tatarischen Polen. König Johann der Dritte Sobieski hatten den Tataren im 17. Jahrhundert für ihre Söldnerdienste Land im Knysznska-Wald geschenkt und ihnen versprochen, dass sie ihre Kinder muslimisch erziehen dürfen. Doch die Polonisierung machte auch vor den Tataren nicht halt. 4000 von ihnen gibt es heute in Polen. In Kruszyniany wohnen vier Familien.

Dzenneta Bogdanowicz empfängt uns herzlich in ihrem Restaurant „Tatarska Jurka“. Das schmuckvolle Holzhaus hat ihr Mann in Eigenarbeit gebaut. In Endlosschleife zeigt der Flachbildschirm das Video vom Tataren-Festival im Mai. Zum sechsten Mal hat Dzenneta das Festival ausgerichtet – direkt vor ihrer Haustür. „6000 Besucher aus der Mongolei, Kasachstan, Litauen, dem Irak und der Türkei waren es in diesem Jahr“, erzählt Dzenneta. Auf die Erfolgsstory ist sie sichtlich stolz. „Wir haben mit nichts angefangen. Heute kommen internationale tatarische Bands und Folklore-Gruppen, damit wir unsere Kultur lebendig halten.“

Auch ihr Restaurant ist ein Beitrag zu ihrer tatarischen Tradition. Hier bietet Dzenneta ausschließlich tatarische Speisen an. Zum Beispiel Pierekaczwenik, ein mit Fleisch gefülltes Gebäck. Im letzten Jahr durfte ein ganz besonderer Gast davon probieren: Prinz Charles. Über der Eingangstür hängt ein Foto von ihm. Auf seiner Durchreise vom Bialowieza-Nationalpark machte der britische Royal in ihrem Restaurant Halt und gestand ihr, wie gut es ihm schmeckte. Sie wäre vor Stolz fast geplatzt, sagt Dzenneta.

Von der Geschichte der Tataren in Polen zeugt der Friedhof von Kruszyniany. Zwischen schiefen Kiefern stehen moosbewachsene Grabsteine. Einige sind 200 Jahre alt, andere gerade erst gesetzt. „Von hier aus sind Anfang des 20. Jahrhunderts viele tatarische Familien nach Amerika ausgewandert, davon ist ein Sohn sehr berühmt geworden“, erzählt Dzemil Gembicki. Der 37-Jährige ist Gemeindevorsteher der Moschee. Vor sechs Jahren hat die muslimische Tataren-Gemeinde das schlanke grüne Holzgebäude aus dem 18. Jahrhundert gekauft und restauriert. Seitdem hat sich Kruszyniany wieder zu einem Zentrum des Tatarentums entwickelt.

Die Moschee ist für jeden geöffnet, „aber bitte Schuhe ausziehen“. Dzemil ist ein hagerer Mann, er trägt T-Shirt und Jeans. Der niedrige Raum ist mit Perserteppichen ausgelegt. Auf einer Holzbank vor der Gebetsnische liegt der aufgeschlagene Koran. Daneben befindet sich die Mimbar, eine reich verzierte Kanzel für den Imam. „Bis heute beten wir Tataren auf Arabisch. Sprechen tun wir aber polnisch“, erklärt Dzemil. Auch das sei ein Grund, „warum wir uns nicht Tataren in Polen nennen, sondern polnische Tataren“.

Doch eine Antwort ist er noch schuldig. „Ach ja, der berühmte tatarische Nachfahre in Amerika. Das war Charles Dennis Buchinsky. Ihr kennt ihn eher als Charles Bronson, den namenlosen Cowboy aus ‚Spiel mir das Lied vom Tod‘.“



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt