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Von der beschaulichen Kleinbahn zum Logistikunternehmen und zur Landesbahn Lippe

Charakter einer Gebirgsbahn

Die 1927 fertiggestellte Extertalbahn von Rinteln über Bösingfeld nach Barntrup gehört zu den letzten in Deutschland gegründeten Kleinbahnen. Zu den Gründern mit einem Anteil von 20 Prozent am Aktienkapital gehörte das Elektrizitätswerk Wesertal in Hameln. Bis 1967 war Hameln auch Sitz der Gesellschaft, die mit ihrem Kraftwerk in Hameln die Bahn mit elektrischer Energie im Umformerwerk Bösingfeld versorgte: Aus Drehstrom wurde dort Gleichstrom mit einer Spannung von 1500 Volt für die Fahrleitung.

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VON KLAUS SCHUBERT

Für den Personenverkehr wurden drei zweiachsige straßenbahnähnliche Triebwagen mit ihren vier ebenfalls zweiachsigen Beiwagen angeschafft. Den Güterverkehr bewältigten zwei vierachsige Lokomotiven, die zunächst als Gütertriebwagen bezeichnet wurden, weil sie ein Gepäck- und ein Postabteil mit Briefeinwurfschlitz aufwiesen. Neben den normalen Zug- und Stoßvorrichtungen besaßen sie eine straßenbahnähnliche Trompetenkupplung zur Mitnahme der Personenbeiwagen. Die Lokomotiven haben mit einer Leistung von je 440 kW und einer Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h stets den Anforderungen genügt. Das wurde besonders deutlich, als die Schnellzuglokomotive 01 150 vor dem Sonderzug zum 50-jährigen Jubiläum der Bahn im Jahre 1987 am Berge liegen geblieben war. Lok Nr. 22 musste nachschieben. Die Strecke hat durchaus den Charakter einer Gebirgsbahn. Das war wohl auch ein Grund für den elektrischen Betrieb, sind doch elektrische Maschinen kurzzeitig stark überlastbar.

Gebaut war die Bahn zur Verbesserung der Wirtschaftskraft, waren doch auch im 20. Jahrhundert noch viele Männer in Lippe gezwungen, als Wanderarbeiter Geld in der Ferne zu verdienen. Diese hatten die neue Verkehrsmöglichkeit ebenso begrüßt wie die Ziegler.

Die Beschäftigung von Arbeitslosen während des Bahnbaus im Rahmen von Notstandsarbeiten – ähnlich den heutigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen – hatte die Genehmigung des Projektes beschleunigt, ebenso wie die Aussicht auf Ansiedlung von Industriebetrieben. Das sollte erst viel später nach 1949 gelingen. Für eine Linie durch das Kalletal konnten die Mittel nicht mehr aufgebracht werden. Das ebenfalls vom Elektrizitätswerk Wesertal ins Auge gefasste Projekt einer elektrifizierten Weserbahn von Hameln durch die Ithbörde über Bodenwerder nach Holzminden kam auch nicht mehr zustande.

3 Bilder
Oben das ehemalige und unten das neue Verwaltungsgebäude der Verkehrsbetriebe Extertal – Extertalbahn GmbH. pr (4)

Die Anzahl der Beschäftigten stieg von anfänglich 20 auf 37: 19 Angestellte und 18 Arbeiter. Die im Verhältnis zu anderen ähnlichen Bahnen geringe Anzahl war auch darin begründet, dass das erstmalig bei der Extertalbahn eingeführte, von Siemens entwickelte System einer Linienwählanlage dazu beigetragen hatte, außer dem Fahrdienstleiter in Bösingfeld die Bahnhöfe nicht besetzen zu müssen.

Die landschaftliche Schönheit des Extertals mit seinen Ausflugslokalen brachte der Bahn zahlreiche Fahrgäste und Sonderzüge. Während des Zweiten Weltkriegs stiegen die Transportleistungen stark, auch infolge eines Benzinlagers bei Bögerhof.

Am Bahnsteig in Rinteln gab es nur ein kleines Dienstgebäude mit Wartehalle sowie ein Umsetzgleis für den Triebwagen mit Beiwagen gegenüber dem Staatsbahnhof. Über das Hafengleis der Rinteln-Stadthagener Eisenbahn erfolgte der Anschluss zur Staatsbahn.

An den Kosten für die neue Weserbrücke musste sich die Extertalbahn mit 25 Prozent beteiligen. Ein Neubau war allerdings auch für die Schleppzüge notwendig geworden. In der Stadt Rinteln wurde die Bahn als Hindernis empfunden. Besonders Radfahrer fürchteten die Rillenschienen. Mit der Einstellung des Güterverkehrs von Exten zum Bahnhof Rinteln – die von der Wehrmacht zerstörte Weserbrücke war 1946 wieder aufgebaut worden – war dies Hindernis beseitigt.

Vom Bahnhof Exten, mit der neuen Bezeichnung Rinteln-Süd, wurde 1972 ein 1,5 Kilometer langes Industriestammgleis in Betrieb genommen. Aus Kostengründen und weil bei einem Betrieb wegen einer Krananlage keine Fahrleitung angelegt werden konnte, verzichtete man auf eine Elektrifizierung. Fortan führten die Züge für die Bedienung eine dafür angeschaffte Kleinlokomotive (Köf) mit, die später durch ein Zweiwegefahrzeug (Unimog) ersetzt wurde.

Als die Getreidetransporte zu einem Lager für die Bevorratung nach Beendigung des Kalten Krieges wegfielen, war das ein herber Verlust für den Güterverkehr, der im Jahre 2000 auf der Extertalbahn gänzlich eingestellt wurde.

Bösingfeld ist Betriebsmittelpunkt der Bahn mit Fahrzeugschuppen, Werkstatt und Umformwerk. Das Bahnhofsgelände hat mit der Wandlung der Bahn zum Omnibus - und Lastkraftwagenbetrieb umfangreiche Änderungen erfahren. So sind die Anschlussgleise entfallen, eine Omnibushalle aufgebaut und die Krananlage abgebaut worden. Mit dieser hatte die Bahn einen Containerstützpunkt schaffen wollen. Mit Unterstützung der Gemeinde Extertal ist anders als in der Vorkriegszeit eine eindrucksvolle Industrieansiedlung gelungen. Das ehemals kleine Bahnhofsgebäude ist durch ein großes Verwaltungsgebäude ersetzt worden. In diesem befindet sich auch das elektronische Stellwerk des Bahnhofs Lemgo. Außerdem wird von hier der Einsatz von rund 150 Bussen geplant. Jüngst hat ein neues großes Verwaltungsgebäude das ehemals kleine Bahnhofsgebäude ersetzt. Das ist auch der Sitz für die Verkehrsbetriebe Extertal.

Nach der Stilllegung der Strecke Hameln-Lage wurden die dort seit 1897 liegenden Gleise abgebaut. Bemühungen der Extertalbahn, auf dieser Strecke Personenverkehr bis Lemgo zu betreiben, blieben erfolglos. Allerdings gehört die Strecke jetzt dem Kreis Lippe und wird von der Landesbahn Lippe vorerst bis Dörentrup genutzt. Der andere Teil der Strecke von Lemgo nach Bielefeld wird nach gründlicher Durcharbeitung seit 1998 im Stundentakt in 38 Minuten nach Bielefeld mit Triebwagen der Eurobahn befahren.

War man zunächst davon ausgegangen, dass der Güterverkehr höhere Einnahmen als der Personenverkehr einbringen würde, so war es genau umgekehrt. Dem Trend der Zeit entsprechend und aus Ersparnisgründen ersetzte man die erst 27 Jahre alten Triebwagen 1953/54 durch drei vierachsige Großraumtriebwagen. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h waren sie erheblich schneller als ihre Vorgänger mit 30 km/h. Nach Einstellung des Schienenpersonenverkehrs 1970 verkaufte man die Triebwagen an eine Privatbahn in Österreich. Dort erwartet sie jetzt die Ausmusterung.

Der Ankauf zweier zweiachsiger Personenwagen von den Mindener Kreisbahnen war der Grundstock für die Historische Elektrobahn. Die Nachfrage war so groß, dass bald größere Wagen von der Bundesbahn erworben wurden. Der 1985 gegründete Freundeskreis der Extertalbahn e.V. hat das Ziel, den Bestand der Extertalbahn, die aufs Engste mit der Entwicklung des Extertals verbunden ist, als elektrisch betriebene Museumsbahneisenbahn zu sichern. Zusammen mit dem ebenfalls eingetragenen Historischen Verein zur Erhaltung der Eisenbahn in Lippe wurde das Personal für die Züge gestellt. Schon in der Vorweihnachtszeit 1986 fuhren 2500 Personen in den Nikolauszügen mit. Bald mussten weitere Personenwagen beschafft werden. Zur Attraktivitätssteigerung konnte nach längerem Suchen in Österreich eine Dampflokomotive erworben werden. Mit der Nummer 93.1410 ist sie baugleich mit der deutschen Baureihe 93, wenn sie auch für den Fachmann etwas fremdartig wirkt. Sie traf am 17. Juni 1988 in Barntrup ein und wurde von Lok 21 der vbe nach Bösingfeld geschleppt.

Um dem Erhalt der lippischen Eisenbahnen auch über das Extertal hinaus dienlich zu sein, wurde 1992 der Name des Vereins in Landeseisenbahn Lippe e.V. geändert. Auf die nahezu 200 Mitglieder sind mit der Streckenunterhaltung neben dem Einsatz und der Wartung und Reparatur der Fahrzeuge umfangreiche Aufgaben hinzu gekommen. Mit Dampf und Diesel wird zwischen Bösingfeld und Dörentrup gefahren, elektrisch mit Lok 22 zwischen Bösingfeld und Barntrup. Diese Lokomotive wurde nach der Hauptuntersuchung in den alten Farben der Extertalbahn lackiert.

Auf stillgelegten Strecken werden abgeleitet von den ehemals mit Muskelkraft betriebenen Bahndienstfahrzeugen Draisinen unterschiedlicher Bauart als Freizeitsport und zur Geselligkeit angeboten. Seit 2001 werden von Rinteln-Süd aus Fahrraddraisinen eingesetzt.

Lok 22 mit neuer traditioneller Lackierung.

Die E-Lok 21 befindet sich (bis auf das vbe-Firmenlogo) im 0riginalzustand von 1927.




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