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Castoren am AKW – das kleinere Übel?

Für die heimischen AKW-Gegner stellten sich die Beobachtungen am Atomkraftwerk Grohnde als falscher Alarm heraus. Sie hatten nur noch den Abtransport der Tieflader beobachten können. Sie vermuteten, dass die umstrittenenen Mox-Brennelemente klammheimlich angeliefert worden waren, wie die Kritiker im Internet verbreiteten. Fehlanzeige. Bei der Ladung handelt es sich um leere Castorbehälter, die nun im Zwischenlager aufgestellt sind und im Januar mit Brennelementen beladen werden sollen. Wenige Tage, bevor der von heftigen Protesten und mit massivem Polizeischutz begleitete Transport mit elf Castoren mit hochradioaktiven Abfällen aus der Wiederaufbereitungsanlage im französischen La Hague unterwegs nach Gorleben ist, zeigt Uwe Klüter einen der beiden Behälter, die fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Grohnde angekommen sind. Mit der technischen Faszination eines studierten Diplom-Ingenieurs beschreibt der Emmerthaler die hohen Sicherheitsstandards des Castors, der für die Gegner der Inbegriff der nach wie vor ungelösten Frage bleibt: Wo in Zukunft der hochradioaktive Abfall für Jahrtausende sicher gelagert werden kann. Von den „heißesten Mülltonnen“ sprechen die Gegner, „Panzerknackers Albtraum“ hält das Deutsche Atomforum als Lobby der Energiewirtschaft entgegen.

Christian Branahl

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Christian Branahl Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Klüter vertraut der Technik, daran lässt nicht den leisesten Zweifel aufkommen. Um dann doch zu überraschen. „Ich bin froh, dass es die Grünen gibt“, sagt der Leiter Technik und Betrieb am Zwischenlager Grohnde, der auch Vorsitzender der Emmerthaler CDU ist. „Sie haben mit dazu beigetragen, dass die Kernkraftwerke in Deutschland heute den höchsten Sicherheitsstandard weltweit haben.“

Klar: Damit spielt er den Ball zurück, was besonders die Zwischenlager betrifft. Schließlich kam es 2002 unter der rotgrünen Bundesregierung zur Novellierung des Atomgesetzes. Die Politik – damals war Jürgen Trittin von den Grünen Bundesumweltminister und damit für die Reaktorsicherheit zuständig – verpflichtete die Betreiber von Atomkraftwerken, an den Standorten der Meiler selbst Zwischenlager zu errichten. Die abgebrannten Brennelemente müssten wie in Grohnde zwischengelagert werden, bis ein Endlager gefunden und fertiggestellt ist. Aufwendige (und gefährliche) Transporte zu anderen Zwischenlagern wie in Gorleben könnten damit entfallen. Der Widerstand im Weserbergland gegen die Pläne in Grohnde war groß. Insgesamt hatten 9633 Personen und Institutionen fristgerecht Einwendungen gegen die Pläne erhoben, die bei einem dreitägigen Erörterungstermin im Sommer 2001 zur Debatte standen. Am Ende stand trotzdem die Genehmigung durch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), an dessen Spitze als Präsident Wolfram König steht – übrigens zuvor Umwelt-Staatssekretär mit dem Parteibuch der Grünen in Sachsen-Anhalt.

Warum sollte ausgerechnet dann an der Sicherheit gespart werden? Walter Böwing als Technischer Kraftwerksleiter in Grohnde wurmt es, wenn Kritiker immer mal wieder das Zwischenlager unter Hinweis auf die Bauausführungen als „Kartoffelscheune“ bezeichnen. Jüngst rechnete er den Emmerthaler Politikern bei einem Besuch im AKW erneut vor: 1,30 Meter betrage die mittlere Wand- und Deckenstärke des Gebäudes. Damit sei es gesichert gegen Erdbeben und Flugzeugabstürze – von Genehmigungsbehörden und Gutachtern bestätigt, so Böwing.

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Allerdings obliegt die höchste Schutzfunktion nicht dem Lagergebäude – rund 93 Meter lang, 27 Meter breit und 23 Meter hoch. Die Castorbehälter sollen sicherstellen, dass von den abgebrannten Brennstäben keine Gefahr ausgeht. Dennoch, so nennt Florian Emrich als Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz als ein konkretes Beispiel: „Nach dem 11. September 2001 hat das BfS als Genehmigungsbehörde für die Zwischenlager vorgeschrieben, dass auch der absichtlich herbeigeführte Flugzeugabsturz mit einer Passagiermaschine geprüft werden muss.“ Dagegen habe es zwar erhebliche Widerstände, gerade von Seiten der Industrie gegeben, dieses Vorgehen des BfS habe sich aber mittlerweile, gerade durch Gerichtsverfahren, bestätigt. Emrich: „In diesem Punkt sind die Zwischenlager den Kernkraftwerken in Sachen Sicherheit also voraus.“ Nicht äußern will er sich hingegen dazu, dass das Kraftwerk speziell zum Schutz des Zwischenlagers das Wachpersonal um 25 Mitarbeiter aufgestockt haben soll – erstmals mit Gewehren ausgestattet. Sie sollen so lange im Einsatz bleiben, bis Umbauten am Betriebsgebäude vorgenommen sind. Auch das Umweltministerium des Landes als Atomaufsichtsbehörde nennt keine Einzelheiten. Sprecherin Inka Burow bestätigt lediglich, dass die Sicherheitsmaßnahmen auch baulich für die Zwischenlager „in der nächsten Zeit optimiert“ würden.

Transport- und Lagerbehälter für abgebrannte Brennelemente enthalten hochradioaktives Inventar. Laut BfS müssen die Castoren internationalen Schutzzielen genügen. Sie dürfen weder im Normalbetrieb noch bei Störfällen radioaktives Inventar freisetzen, die ionisierende Strahlung muss begrenzt sein, die beim radioaktiven Zerfall entstehende Wärme abgeführt werden. „Jede Schraube ist vom TÜV kontrolliert, für jeden einzelnen Behälter liegt eine umfangreiche Dokumentation vor – zehn Ordner voll“, sagt Uwe Klüter. Der verantwortliche Mitarbeiter im Grohnder Zwischenlager erklärt die Details des gut sechs Meter hohen Castors vom Typ V19. Die Bezeichnung steht für 19 Brennelemente, mit denen der Behälter beladen werden kann. 40 Zentimeter beträgt die Wandstärke, wobei die Kühlrippen in das spezielle Gusseisen gefräst werden. Stückpreis eines Castors, der 106 Tonnen Leergewicht auf die Waage bringt: gut eineinhalb Millionen Euro. Ein Doppeldeckel soll als Schutzfunktion dienen – direkt mit der Leitwarte im Kraftwerk verbunden, sollen Lecks für den unwahrscheinlichen Fall der Fälle schnell behoben werden können. Klüter, seit 1983 im AKW beschäftigt, spricht mit der Abgeklärtheit eines Routiniers über die Details im Umgang mit den radioaktiven Stoffen, die ihm im Gegensatz zum Großteil der Bevölkerung keine Sorgen bereiten. Ein kalkulierbares Risiko. „Ich werde oft gefragt, ob ich Angst vor der Strahlung habe“, sagt Klüter, der mit seiner Familie in Hämelschenburg lebt. Die Direktstrahlung durch Neutronen und Gamma-Strahlung der beladenen Castoren sei natürlich innerhalb der Lagerhalle höher. „Deshalb ist der Bereich auch ein überwachter Kontrollbereich und nicht so ohne weiteres zugänglich“, sagt er. Aber: Die außerhalb der Halle gemessene Direktstrahlung durch Neutronen sei praktisch nicht messbar und liege somit innerhalb des Bereiches der natürlichen Untergrundstrahlung. „Ich kann immer sagen: Mein Risiko ist geringer als das vom fliegenden Personal oder Menschen, die im Schwarzwald wohnen“, meint Klüter.

Wenn alles glatt läuft – nicht umsonst ist nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima der Atomausstieg nun beschlossene Sache. Und dennoch: Vor der Debatte der ungelösten Endlagerfrage relativiert sich bei den Kritikern die Einstellung zu den Zwischenlagern an den AKW-Standorten. Schon vor einem Jahr forderte Greenpeace als ideologische Sperrspitze der Atomgegner das Verursacherprinzip. Atommüll aus den Wiederaufbereitungsanlagen in La Hague und Sellafield (Großbritannien) solle nicht mehr nach Gorleben transportiert werden, sondern zu den AKW-Standorten, die ihn produziert haben. Und dabei vor allem in den süddeutschen Bundesländern. Nach Informationen der Umweltschutzorganisation lassen sich Grohnde mit Stand vor einem Jahr allein in La Hague gut 200 Tonnen Atommüll zuordnen. Vor wenigen Wochen stellte Greenpeace eine Studie vor, nach der zunächst in Philippsburg und Neckarwestheim als Zwischenlager benannt wurden, außerdem sollte von den Betreibern e.on und RWE jeweils ein weiterer Standort hinzugenommen werden. Ob es sich dabei um Grohnde handeln könnte, will Greenpeace-Sprecherin Cornelia Deppe-Burghardt derzeit nicht näher erläutern, da alle Atomexperten ihrer Organisation im Castor-Einsatz seien. Grundsätzlich gehe es bei der Standortwahl aber neben Sicherheitsaspekten besonders um einen möglichst kurzen Transportweg.

Inzwischen fordern ebenso die Grünen im Bundestag, dass die AKW-Betreiber den Atommüll aus der Wiederaufbereitung in ihren Standortzwischenlagern aufnehmen sollen. Wie Greenpeace sehen sie die Notwendigkeit, dort die Sicherheitsanforderungen zu erhöhen. „Nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat die Bundesregierung versprochen, dass sie auch die Zwischenlager einem Stresstest unterzieht“, so Sylvia Kotting-Uhl, im Bundestag Sprecherin der Bündnisgrünen für Atompolitik. „Dieses Versprechen muss sie endlich einlösen.“ Die Auswahl eines Zwischenlagers für den „Wiederaufarbeitungsmüll muss auf dem Verursacherprinzip und dem Vorrang der Sicherheit basieren“. Kotting-Uhl: „Welche Sicherheitsanforderungen konkret für das Lager gelten müssen, muss in einem gründlichen Antragsverfahren mit umfassender Bürgerbeteiligung festgelegt werden.“

Dass der Protest der Atomgegner gegen die Castortransporte nach Gorleben letztendlich dazu führen kann, die radioaktiven Abfälle demnächst vor der eigenen Haustür zu haben, ist AKW-Kritiker Thomas Jürgens von den heimischen Grünen bewusst. Die Position seiner Bundespartei trägt der Emmerthaler aber mit. Allerdings sieht er dabei vorrangig die Zwischenlager an den bereits stillgelegten Atomkraftwerken in der Pflicht, da sie ja nun zusätzliche Kapazitäten hätten. Für Grohnde sind insgesamt 100 Stellplätze genehmigt. Derzeit stehen 13 Castoren im Zwischenlager – laut Kraftwerksleitung werden insgesamt 75 benötigt. Den Sorgen, dass sie wegen der neu begonnenen Suche nach einem neuen Endlager länger als notwendig in Grohnde bleiben könnten, tritt das Bundesamt für Strahlenschutz entgegen. Das BfS habe die Genehmigungen der Zwischenlager auf 40 Jahre begrenzt. Aus gutem Grund, so Sprecher Emrich – damit daraus „eben keine verkappten Endlager werden können“.

Die Castoren sind unterwegs nach Gorleben – unter heftigem Protest. Fast ruhig geworden ist es um das Zwischenlager am AKW Grohnde, gegen das es vor gut zehn Jahren großen Widerstand gab. Dort lagern in Castorbehältern abgebrannte Brennstäbe.

Verspiegelte Wachhäuschen sind jüngst vor dem Zwischenlager aufgestellt worden. Zusätzliches Wachpersonal soll das Gebäude vor einem gewaltsamen Eindringen schützen – die Mitarbeiter sollen sogar mit Gewehren bewaffnet werden.

Verantwortlich für den Betrieb des Zwischenlagers ist Uwe Klüter. Er ist überzeugt vom Sicherheitskonzept der Castoren. Einer dieser nun angelieferten Behälter soll im Januar mit abgebrannten Brennelementen beladen werden.




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