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Norbert Raabe blickt voll Zuversicht auf die Zukunft einer sozialen Gesellschaft

Bürgergesellschaft hilft sich selber

Jeder ist sich selbst der Nächste, keiner schert sich um den anderen. und die Schwachen bleiben auf der Strecke… Schlagworte aus dem Vokabular der Schwarzmaler unter den Visionären sind Norbert Raabes Sache nicht. „Wir haben so viele engagierte Menschen, die sich für andere einsetzen und gemeinsam mit anderen oft tolle Dinge entwickeln – das wird auch in den nächsten zehn Jahren so bleiben“, blickt der Geschäftsführer des Paritätischen Hameln-Pyrmont voll Zuversicht auf die Zukunft einer sozialen Gesellschaft.

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Autor:

Brigitte Niemeyer

Raabe hat Vertrauen in den Bürgersinn jenseits aller bürokratischen Ordnung und sieht in ihm eine Kraft, die sich um so stärker positionieren wird, je abgehobener das politische System und sein etabliertes Personal agiert. „Die Politiker müssen aufpassen, dass sie sich nicht noch weiter von den Menschen entfernen“, sagt Raabe. Das schlechte Zeugnis, das viele Menschen unserer Demokratie ausstellen, indem sie sich der Wahl ihrer Repräsentanten verweigern, interpretiert er nicht als ein Zeichen von Desinteresse an politischen Entscheidungen, sondern vielmehr als Bescheinigung einer zunehmender Entfremdung. Die Bürger, „immer besser informiert, intelligent und mit Zeit ausgestattet“, werden das nicht einfach so hinnehmen, ist Raabe überzeugt; sondern vielmehr mit wachsendem Nachdruck Bürgerbeteiligung einfordern, wenn sie sich mit ihren Anliegen ignoriert fühlen. Parteien wären darum gut beraten, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie sich das Potenzial auch engagierter Nichtmitglieder – und sei es auch nur auf bestimmte Projekte bezogen – zunutze machen können. Themenbereiche dafür gebe es in den nächsten zehn Jahren nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung mehr als genug. Das Problem der Altersarmut sieht Raabe erst nach 2020 auf die Gesellschaft zukommen. Dann scheidet die erste Generation der 400-Euro-Jobber und Zeitarbeiter aus dem Berufsleben aus, die keine Chance hatten, einen auskömmlichen Rentenanspruch zu erwerben. „Dann sind die finanziell schlecht ausgestatteten und überschuldeten Kommunen dran und müssen den Ausgleich zahlen.“ Umso größer sei die Herausforderung, in den kommenden Jahren wegzukommen von einem Arbeitsmarkt mit Teilzeitjobs und Niedriglohn. Etwa in der Pflege. „Mit vier 400-Euro-Kräften lässt sich eine Vollzeitstelle ersetzen, und billiger ist es für den Arbeitgeber trotzdem noch. Für den Arbeitnehmer reicht das Einkommen aber nicht, um eine Rente zu haben, von der man leben kann“, so Raabe.

Um diesen Teufelskreis zu unterbrechen und um für die steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen genügend ausgebildete Kräfte sowohl für die ambulanten Dienste als auch für die stationären Einrichtungen zu haben, „muss die Gesellschaft bereit sein, mehr Geld für die Pflege aufzubringen“. Ohne Aufwertung des Berufes durch adäquate Bezahlung und faire Arbeitszeiten werde es nicht gelingen, heute die jungen Leute für eine Ausbildung zu gewinnen, die morgen dringend gebraucht werden.

Eine andere Herausforderung sieht Raabe im Ausbau des Angebotes an neuen Wohnformen. Dass sich unter einem Dach mehrere Generationen einrichten, die der Wunsch verbindet, füreinander da zu sein, ist für ihn nur ein denkbares Modell. Ein anderes, dass sich Senioren, weil sie nicht allein bleiben wollen, freiwillig für ein Zusammenleben entscheiden. „Aber die Leute müssen zueinander passen und finden nicht einfach so zusammen, wenn sie 60 Jahre allein gelebt haben“. Gemeinsame Interessen und Charaktere, die miteinander harmonieren, seien Voraussetzung für das Funktionieren eines solchen Modelles. Aus der Gruppe der Interessenten die richtige „Mischung“ zusammenzustellen, „dazu braucht es einen externen neutralen Moderator“. Eine Rolle, die sich Raabe durchaus beim Paritätischen angesiedelt vorstellen kann. Ganz wichtig ist ihm in diesem Zusammenhang, dass alternative Wohnformen nicht nur den gut Betuchten offenstehen, die sich in teure Projekte einkaufen können. „Auch Menschen mit einer normalen Rente müssen sich das leisten können“.

Norbert Raabe

Raabe gehört nicht zu denen, die die Forderung „Der Staat soll’s richten“ vor sich hertragen. Im Gegenteil: Seine Vision ist die einer Bürgergesellschaft, „in der sich die Menschen so organisieren, dass sie sich gegenseitig helfen können“. Vereine und Verbände könnten manche öffentliche Aufgabe besser und engagierter erledigen als die öffentliche Hand. Auf die vielen hilfsbereiten und einsatzfreudigen Ehrenamtlichen zu bauen, heiße jedoch nicht, sich der politischen Verantwortung für das Gemeinwohl entziehen zu dürfen. Die sollte Politik künftig stärker dadurch wahrnehmen, dass sie eine ausreichende professionelle Unterstützung der Ehrenamtlichen sicherstellt.



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