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Bürgerarbeit bedeutet drei Jahre Sicherheit

Ich benötige kein Hartz IV mehr und das steigert mein Selbstwertgefühl um Längen“, sagt Kornelia Ermlich aus Rinteln. Seit Juli dieses Jahres arbeitet die 49-Jährige im Kindergarten „Minimax“ in Exten. Sie hilft in der Küche bei der Essenausgabe, deckt Tische und räumt sie wieder ab, wäscht mit den Kindern die Hände, putzt mit ihnen Zähne, erfasst und sortiert Bilderbücher und Fachliteratur und hilft bei der Gestaltung und Pflege des Außengeländes. „Die Arbeit ist abwechslungsreich und macht mir ganz viel Spaß“, sagt Ermlich. In das Team habe sie sich bestens integriert und sei eine große Hilfe, stellt die Leiterin der Einrichtung, Heidi Weber, fest.

Kerstin Lange

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Kerstin Lange Redakteurin zur Autorenseite

Kornelia Ermlich ist eine von 50 Bürgerarbeitern, die im Landkreis Schaumburg an dem Modellprojekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales teilnimmt. „Das ist wirklich eine gute Sache“, stellt Kornelia Ermlich fest, die unbedingt von Hartz IV wegkommen wollte und sich daher auf die freiwillige Teilnahme an dem Bürgerarbeits-Projekt eingelassen hat. „Die Bezahlung ist gut und vor allem habe ich jetzt für die nächsten drei Jahre Sicherheit“, erklärt die Rintelnerin. Sicherheit, weil sie in den nächsten drei Jahren ein festes Einkommen hat, denn die Bürgerarbeitsplätze werden für diesen Zeitraum vergeben. Mit 900 Euro für eine 30-Stunden-Woche und 600 Euro für eine 20-Stunden-Woche wird die Bürgerarbeit gut bezahlt und zwar vom Bund. „Außerdem erhalte ich nach drei Jahren ein Zeugnis, ich hoffe ein Gutes.“ Damit erhofft sich Kornelia Ermlich bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt, denn eines steht für die 49-Jährige fest: „Ich möchte nicht wieder zurück in Hartz IV!“

„Genau das soll mit der Bürgerarbeit auch erreicht werden, nämlich die Integration in den ersten Arbeitsmarkt“, erklärt Bernd Dittmer, Leiter des Jobcenters Stadthagen. Geschaffen werden die sozialversicherungspflichtigen Stellen im Bereich von zusätzlicher und im öffentlichen Interesse liegender Arbeiten. „Bürgerarbeitsplätze dürfen keine Konkurrenz zum ersten Arbeitsmarkt sein“, stellt Dittmer fest. Neben Städten und Gemeinden hätten das DRK, der Landkreis, Schulen, Kindertagesstätten, Kirchengemeinden oder Organisationen wie der Naturschutzbund oder die Wildtierstation Sachsenhagen die Möglichkeit, Bürgerarbeitsplätze zu beantragen und haben diese auch bereits genutzt. 50 Bürgerarbeitsplätze wurden in Schaumburg bewilligt, 150 sind möglich und mindestens 100 sollen noch erreicht werden. Einige Verfahren laufen noch, aber es gibt eben auch noch die Möglichkeit, Bürgerarbeitsplätze beim Bundesverwaltungsamt zu beantragen, sagt Dittmer. „Allerdings nur noch bis Anfang Dezember“, schränkt er ein. Wer für das Frühjahr 2012 eine Bürgerarbeitsstelle einrichten möchte, muss in der ersten Dezemberwoche seinen Antrag gestellt haben. „Das ist manchmal eine langwierige Sache, aber inzwischen haben wir Erfahrungen gesammelt, es gibt eine genaue Stellenbeschreibung und dadurch ist das Bewerbungsverfahren einfacher geworden“, macht Klaus Heimann, Pressesprecher des Landkreises Schaumburg allen Interessierten Mut.

„Interessierte sollten in den letzten Wochen wirklich noch einmal zuschlagen und sich bewerben. Unterstützung erhalten sie bei der Antragstellung von Mitarbeitern des Jobcenters“, kündigt Dittmer an. Beratungen seien auch vor Ort möglich und der Aufwand würde durch das Jobcenter minimiert. „Jede einzelne Stelle muss und sollte beantragt und besetzt werden“, so der Jobcenter-Leiter.

Das Projekt, an dem die Langzeitarbeitslosen freiwillig teilnehmen, gliedert sich in vier Phasen. Am Beginn stehen eine ausführliche Beratung und eine Standortbestimmung. Danach folgen Vermittlungsaktivitäten durch das Jobcenter, eine Qualifizierung und Förderung und erst dann der Einsatz als Bürgerarbeiter.

„Die Bürgerarbeiter werden zunächst in eine sechsmonatige Aktivierungsphase aufgenommen und dabei natürlich eng von Mitarbeitern des Job-Centers betreut“, erklärt Dittmer. Auch Fortbildungen seien in dieser Zeit möglich. An dieser ersten Phase haben bislang 465 Schaumburger teilgenommen. Davon haben 296 die Aktivierungsphase beendet. „64 Personen sind danach in einen sozialversicherungspflichtigen Job übernommen worden, einer hat sich sogar selbstständig gemacht“, erzählt Dittmer. Das sei eine gute Zahl, denn alle Teilnehmer der ersten Phase seien „schwierige Fälle“ gewesen. Persönliche Hemmnisse und Qualifizierungsdefizite hätten die Vermittlung nicht leicht gemacht. „Die schon angesprochenen 50 Personen sind in der Bürgerarbeit gemündet und arbeiten für die verschiedensten Institutionen“, so Dittmer.

„Das Projekt darf natürlich keine regulären Arbeitsplätze vernichten. Deshalb dürfen Bürgerarbeitsplätze nur von gemeinnützigen Trägern beantragt werden und sie müssen zusätzlich zu den ,normalen‘ Arbeitsplätzen eingerichtet werden“, erklärt Dittmer. Eine Konkurrenz in der Bürgerarbeit sieht zumindest Fritz Pape, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, nicht. „Es gibt keinen Stress. Alles wird geprüft und selektiert“, sagt er.

„Andere Projekte wurden zurückgefahren, so zum Beispiel die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die nur ein bis zwei Jahre Arbeit für Langzeitarbeitslose boten und die Ein-Euro-Jobs, die immer nur sechs Monate liefen“, stellt Steffen Holz vom Deutschen Gewerkschaftsbund fest. Die Bürgerarbeit über drei Jahre würde wesentlich bessere Perspektiven für den Menschen bieten. „Zwar hätten auch Bürgerarbeiter einen Anspruch auf Mindestlohn, aber sie bekommen mehr als Hartz IV und Ein-Euro-Jobber“, so Holz.

„Ich bin so froh, dass ich diese Arbeit bekommen habe“, sagt Rosalie Bauer. Die 31-Jährige aus Obernkirchen ist als Bürgerarbeiterin bei der Tafel in Rinteln beschäftigt und zwar seit Juni dieses Jahres. „Ich habe so viel versucht, aber keine Arbeit gefunden. Da half auch kein Bewerbungstraining. Egal ob ich mich als Verkäuferin oder Lagerarbeiterin beworben habe, überall bekam ich Absagen. Dabei will ich arbeiten, aus dem Haus kommen und unter Menschen“, erzählt Bauer. Das habe sie nun alles gefunden. Sie fühlt sich wohl an ihrem Arbeitsplatz. „Ich sortiere die Waren, wenn sie angeliefert werden, gebe sie an die Menschen aus und natürlich ist da auch immer Zeit für ein paar nette Worte“, so Bauer. Auch die Kassenführung und Büroarbeiten werden von ihr sorgfältig erledigt.

„Die Bürgerarbeit bietet uns Kontinuität über einen Zeitraum von drei Jahren und Frau Bauer macht ihre Sache wirklich gut“, lobt Michaela Hinse, die beim DRK unter anderem für die Rintelner Tafel zuständig ist. Als Vorteil stellt Hinse auch insbesondere heraus, dass die Bürgerarbeiter über drei Jahre in die Rentenkasse einzahlen, soziale Kontakte knüpfen und durch die dreijährige Beschäftigung ein Plus in ihrem Lebenslauf bekommen und ein Zeugnis, was eine Bewerbung später sicher einfacher mache. „Ich bin jedenfalls richtig glücklich. Ich brauche keinen Urlaub und kein Wochenende, denn ich bin so froh, dass ich endlich wieder arbeiten kann“, sagt Bauer.

Weitere Informationen erhalten Interessierte im Internet unter www.jobcenter-schaumburg.de bei Bürgerarbeit im Landkreis.

Die Teilnahme ist freiwillig, die Bezahlung gut. 50 Langzeitarbeitslose beteiligen sich bislang am Schaumburger Modellprojekt der Bürgerarbeit. Dabei steht eines für die Beteiligten im Vordergrund: die Aussicht, zumindest für drei Jahre einen festen Job zu haben.

Thorsten Lehmann (li.) ist als Bürgerarbeiter bei der Gemeinde Auetal beschäftigt. Kornelia Ermlich (re.) arbeitet im Kindergarten „Minimax“ in Exten.




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