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Johann Heinrich Strack – Erbauer der Berliner Siegessäule / Victoria-Figur darauf von einem Pyrmonter

Bückeburgs „Architekt des Kaisers“

Kaum ein anderes deutsches Baudenkmal hat in letzter Zeit so im Blickpunkt der Foto- und Fernsehkameras gestanden wie die Siegessäule in Berlin. Ob Love-Parade, Fußball-Fan-Meile oder Obama-Besuch – stets war das knapp 70 Meter hohe Hauptstadt-Wahrzeichen mit der vergoldeten Victoria-Statue auf der Spitze als Hintergrundkulisse dabei. Was die wenigsten der Millionen live mitfeiernden Enthusiasten oder fasziniert am Bildschirm ausharrenden Zuschauer wussten und wissen: Gebaut wurde das eigenwillige Monument von zwei Männern aus der hiesigen Region. Die aus Obernkirchener Sandstein gefertigte Säule entstand auf dem Reißbrett des Bückeburger Architekten Johann Heinrich Strack. Und die von den Berlinern liebevoll-respektlos „Goldelse“ genannte Statue oben auf deren Spitze formte der in Bad Pyrmont geborene Bildhauer Friedrich („Fritz“) Drake.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Johann Heinrich Strack hatte seine künstlerische Begabung und sein großes zeichnerisches Talent sozusagen „mit in die Wiege gelegt bekommen“. Sein Vater war der hierzulande wegen seiner Kupferstich-Zeichnungen mit Motiven aus der heimischen Region bis heute bekannte Bückeburger Hofmaler Anton Wilhelm Strack (1758-1829).

Der am 6. Juli 1805 zur Welt gekommene Junior wuchs zusammen mit neun Geschwistern in kargen Verhältnissen auf. Nach dem Besuch des örtlichen Gymnasiums ging er nach Berlin, besuchte die Bauschule und absolvierte 1837/38 die Baumeisterprüfung. Zwischendurch arbeitete er zwei Jahre lang im Atelier Karl Friedrich Schinkels – damals uneingeschränkter Vordenker der preußischen und deutschen Architekturszenerie. Kein Wunder, dass dessen klassizistische, aus der griechischen Antike abgeleitete Formgebung auch für den jungen Strack zeitlebens Richtschnur und Vorbild blieb.

Bereits während des Studiums erledigte Strack eine ganze Reihe zumeist kleinerer Bauvorhaben. Die ganz großen Aufträge heimste jedoch bis zu dessen Tod (1841) sein Lehrmeister Schinkel ein. In diesen wirtschaftlich oft schwierigen Zeiten kamen Strack seine zeichnerischen Fähigkeiten zugute. Er entwarf Schmuckdekore sowie Holz- und Keramikornamente. Die wenig guten Erfahrungen als Freischaffender waren wohl auch der Grund dafür, dass Strack 1937 in den Staatsdienst überwechselte. Er brachte es zum Lehrbeauftragten und Professor der Kunstakademie. Es folgten Berufungen ins Hofbauamt (1842) und an der Berliner Bauakademie (1854). In deren Auftrag leitete er 1862 über mehrere Monate hinweg die (erfolgreiche) Ausgrabung des Dionysostheaters in Athen.

4 Bilder
Johann Heinrich Strack aus Bückeburg – Architekt des Kaisers und „letzter Baumeister des Berliner Klassizismus“.

Mit dem Aufstieg auf der beamteten Karriereleiter nahmen auch das gesellschaftliche Ansehen und der Einfluss des Ex-Bückeburgers zu. Er galt schon bald als eine der markantesten Figuren der illustren Hauptstadtgesellschaft. Auch Kaiser Wilhelm I. begegnete dem weltmännisch auftretenden Professor mit erkennbarem Wohlwollen. Er beförderte ihn zum Oberhofbaurat und Hofarchitekten. Im Winter 1853/54 durfte Strack Kronprinz Friedrich Wilhelm auf dessen ausgedehnter Italienreise begleiten. 1876 wurde Strack der Titel „Architekt des Kaisers“ zuerkannt. Er unternahm staatlich geförderte Erkundungstouren nach England, Frankreich und Russland.

Zwischen Babelsberg

und Nationalgalerie

Die Nähe zu Macht und Einfluss schlugen sich auch hinsichtlich der beruflichen Möglichkeiten nieder. Auf der Liste der von Strack im Laufe der Zeit gebauten oder federführend mitgestalteten Großobjekten stehen klangvolle Namen, darunter Schloss Babelsberg, Maschinenbaufabrik Borsig, Petrikirche, Kreuzbergdenkmal, Portalbauten der Kölner Rheinbrücke und Potsdamer Flatowturm. Als seine bemerkenswerteste (Mit-) Schöpfung gilt die zum UNESCO-Weltkulturerbe Museumsinsel gehörende Alte Nationalgalerie. Am populärsten aber wurde die bereits erwähnte Siegessäule – auch wenn dieses Bauwerk von vielen der jährlich an die 230 Tausend Besucher mit dem Namen des Hitler-Architekten Albert Speer in Verbindung gebracht wird. Grund: Speer hatte die 1873 zur Erinnerung an die preußischen Feldzüge gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71) auf dem Königsplatz vor dem Reichstag aufgestellte Säule im Zuge seines Berliner Umbauprojekts zur „Welthauptstadt Germania“ 1938/39 in den Tiergarten umsetzen und um einige Meter aufstocken lassen.

Wohl auch deswegen ist der von Fachleuten oft als „letzter Architekt des Berliner Klassizismus“ bezeichnete Ex-Bückeburger auch in seiner Heimatstadt immer mehr in Vergessenheit geraten. Als er am 13.06.1880 im Alter von 74 Jahren starb, war „seine“ Art zu bauen aus der Mode gekommen. Statt Klassizismus war Neorenaissance gefragt.

Den Auftrag zur Gestaltung der Victoria-Figur auf der Spitze seiner Siegessäule verschaffte Strack dem am 23. Juni 1805 in Pyrmont geborenen Bildhauer Fritz Drake. Der gelernte Kunstdrechsler hatte bereits früh den väterlichen Betrieb verlassen und in Berlin eine Ausbildung bei dem damals wohl bekanntesten deutschen Bildhauer Christian Daniel Rauch begonnen. Ab 1852 unterrichtete Drake selbst: Er wurde als „Königlicher Professor“ an die Berliner Kunstakademie berufen. Nebenher erledigte er eine ganze Reihe zumeist öffentlicher Aufträge. Zu seinen gelungensten Arbeiten zählen das Denkmal König Friedrich Wilhelm II. im Berliner Tiergarten, die Melanchthon-Statue in Wittenberg und das Reiterstandbild Kaiser Wilhelm I. auf der Kölner Rheinbrücke.

Sein bis heute weitaus bekanntestes Werk aber wurde die Siegessäulen-Victoria. Beim Formen der Figur soll Drakes bildhübsche Tochter Margarethe Modell gestanden haben. Die junge Dame war deshalb Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin populärer als der Bildhauer-Vater selbst. Bei der Einweihung am 2. September 1873 drückten ihr seine kaiserliche Hoheit, dessen Familie und der nahezu komplett angetretene Hofstaat mit Reichskanzler Bismarck an der Spitze die Hand.




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