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Der Zwang beim Lebensmittelverkauf wurde in Hameln erst Mitte des 19. Jahrhunderts aufgehoben

Brot und Fleisch gab es nur in den Scharren

Erstmals werden um 1240 die Gilden der Bäcker (pistores) und Fleischer oder Knochenhauer (carnifices) erwähnt, die wie auch die Weber (textores) in der noch jungen Stadt die einzigen Handwerker waren, die sich mit Genehmigung der geistlichen Stadtherren schon in Gilden zusammenschließen durften. Erst nach dem vom neuen Stadtherren Albrecht von Braunschweig 1277 bestätigten Stadtprivileg konnten auch die anderen Handwerker sich in Gilden organisieren. Die Bäcker und Knochenhauer verkauften ihre Waren in Hameln wie auch in anderen Städten in Scharren. Die Scharren waren im deutschen Sprachgebrauch Bänke oder Tische zum Verkauf von Brot und Fleisch in Gebäuden oder Anbauten, die der Bäckergilde oder dem Knochenhaueramte gehörten und in denen jeder Bäckermeister oder Knochenhauermeister einen Stand oder eine „Bank“ hatte, an der er seine Waren verkaufte. Es herrschte Scharrenzwang. In einem Verzeichnis der Güter und Einkünfte der Kanoniker des Stiftes von 1311 bis 1324 wird erstmals von einer Fleischbank bei der Marktkirche berichtet.

Der Bäckerscharren zwischen Rathaus und Hochzeitshaus. Aus Spanu

Autor:

Horst Knoke

Die Zahl der Fleischer hatte zugenommen

In der Schoßliste (Steuerliste) von 1621 ist ein Erker über dem Fleischscharren aufgeführt. In den Akten des Knochenhauer-Amtes, die ab 1699 noch vorliegen, taucht ebenfalls ein Fleischscharren auf. Nach einem Schreiben der Geheimen Räte in Hannover an Bürgermeister und Rat der Stadt Hameln vom 9. Dezember 1719 hat sich dieser Fleischscharren in einem Gebäude „gegenüber dem Rathause“ befunden. Es handelte sich um das Bürgerhaus Osterstraße 52, heute „Alte Sonne“ bezeichnet, an dem ein Vorbau war, in dem sich der Fleischscharren befand. Als die Räumlichkeiten dort zu eng wurden, wahrscheinlich hatte die Zahl der Fleischer zugenommen, erwarb das Knochenhauer-Amt 1726 das zweistöckige Haus Osterstraße 45/Ecke Kleine Straße. 1790 erfolgte auf dem Grundstück ein Neubau, in dem sich bis 1846 der Fleischscharren befand. Dieses Haus wurde 1945 durch Beschuss zerstört. Jetzt steht auf dem Grundstück die Volksbank. Der Scharren befand sich im Erdgeschoss, das Obergeschoss war vermietet, wie auch die darüber liegenden beiden Kornböden. Die Jahresrechnung 1833/34 des Knochenhauer-Amtes wies eine Einnahme „aus Hausmiete von dem Fleischscharren“ von 46 Reichstalern aus. Den alten Fleischscharren Osterstraße 52 hatte das Knochenhauer-Amt 1734 verkauft. Um das Jahr 1775 gab es in Hameln 22 Knochenhauer; sie alle hatten ihre Bank im Fleischscharren. Da das Knochenhauer-Amt durch den Scharrenzwang in der Verkaufsfreiheit eingeschränkt war und ihn als lästige Pflicht empfand, versuchte es wiederholt, die Genehmigung der Stadt zum Erlass des Scharrenzwanges und Verkauf des Gebäudes zu erhalten. Die Anträge wurden selbst noch 1826 und 1839 abgelehnt. Am 5. September 1846 ließ der Magistrat dann aber bekanntmachen: „Auf höhere Verfügung ist unterm heutigen Tage der Scharrenzwang der Knochenhauer aufgehoben und dem Knochenhauer-Amte gestattet, über das Scharrenlokal zum Besten des Amtes anderweitig zu verfügen.“ Während es in Hameln stets nur einen Fleischscharren gab, bestanden zeitweilig im 18. Jahrhundert drei Bäckerscharren im Zentrum der Stadt um den Marktplatz herum, weil Brot das erschwinglichere Lebensmittel war und es daher auch mehr Bäcker als Fleischer in Hameln gab. Es ist überliefert, dass das Bäckeramt 1712 36 Mitglieder hatte, während das Knochenhauer-Amt damals zwölf Meister zählte. Nach alten Unterlagen ist davon auszugehen, dass der älteste Bäckerscharren ein Anbau am Rathaus war. 1621 befand sich ein Bäckerscharren in einem Anbau am Hause Römer, jetzt Osterstraße 51, dem damals ein neues Stockwerk aufgesetzt wurde. 1712 behaupteten die Bäcker, dass sie diesen Scharren „erkaufet und an die 200 Jahr in ruhiger Possession gehabt“ hätten. Dieser Scharren bestand demnach etwa seit Beginn des 16. Jahrhunderts. Er lag in unmittelbarer Nähe zum Fleischscharren im Anbau des Hauses Osterstraße 52.

Abtrittanlage angebaut

Aus alten Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass 1647 ein Bäckerscharren errichtet wurde, der wahrscheinlich am Rathaus stand. Als 1699 am Rathaus bauliche Veränderungen vorgenommen wurden, war „unser des Becker-Ambts an selbiger Seite (des Rathauses) stehende eine Brodtscharren zum Theil mit abgebrochen undt ruinirt worden, also daß solcher bis dero offen gelegen“. Die Bäcker forderten vom Rat „solchen nunmehr wiederum zurechtmachen zu lassen“. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts scheint der Scharren am Rathaus wieder instand gesetzt worden zu sein. Als nach der Schlacht bei Hastenbeck die französischen Truppen am 28. Juni 1757 Hameln besetzten, belegten sie unter anderem alle Geschosse des Hochzeitshauses mit ihren Verwundeten. An der Rückseite des Hochzeitshauses wurde eine dreigeschossige Abtrittanlage angebaut, für die Zugänge in die rückwärtige Außenwand geschlagen wurden. Dabei wurde der Bäckerscharren am Rathaus so stark beschädigt, dass er abgerissen werden musste und später nicht wieder aufgebaut wurde. Einen weiteren, allerdings kleinen Bäckerscharren gab es an der Nordseite des Marktes. Im Gildebrief König Georg III. für das Hamelner Bäckeramt vom 27. Juli 1780 heißt es unter anderem: „dahingegen haben die Vorsteher dahin zu sehen, dass auf dem am Markte befindlichen Brodt-Scharn täglich, des Morgens von Anbruch des Tages an, bis zum Dunkelwerden des Nachmittages, vorzüglich wohl ausgebackenes und frisches Weitzen- und Rocken-Brodt in hinlänglicher Menge vorhanden sei, bey Vermeidung willkürlicher Strafe.“

1788 kaufte der damalige Eigentümer des Hauses Osterstraße 51, der Krameramts-Vorsteher Bock, dem Bäckeramte den mit seinem Hause verbundenen Bäckerscharren für 80 Taler ab, um den noch heute vorhandenen Neubau (Rats-Apotheke) zu errichten. Der Magistrat gestattete dem Bäckeramt im gleichen Jahr, ihren neuen Scharren in dem 6,50 Meter breiten Durchgang zwischen dem Rathaus und dem Hochzeithaus zu errichten, wo schon im 17. Jahrhundert ein Bäckerscharren gestanden hatte. Das kleine, im Stile des Barock als Torbogen gestaltete Bauwerk mit zwei Verkaufsständen kostete das Bäckeramt 194 Taler 26 Mariengroschen. .

Steintafeln am Hochzeitshaus.
  • Steintafeln am Hochzeitshaus.
Die Häuser Osterstraße 51 und 52 heute.  (bar)
  • Die Häuser Osterstraße 51 und 52 heute. (bar)

Sämereien und Brotratten

Der Scharrenzwang der Bäcker war wie der der Fleischer Mitte des 19. Jahrhunderts aufgehoben worden. 1878 war eine grundlegende Wiederinstandsetzung des Bäcker- oder Stutenscharrens erforderlich, die unter der Ägide des Oberpostmeisters Heise und des betagten Bäckeramtsmeisters Oldendorf für 615,96 Mark durchgeführt wurde. Zu jener Zeit wurde der Scharren vom Obst- und Weinhandel genutzt. In den letzten Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu dessen Ende war ein Verkaufsstand des Bäckerscharrens an die Firma Riechelmann verpachtet, die dort Sämereien und Gartenbedarf verkaufte, im anderen waren Brotratten und Andenken an Hameln ausgestellt. In den letzten Kriegstagen, am 5./6. April 1945, wurden Scharren, Rathaus und Marktkirche durch amerikanischen Beschuss sehr stark beschädigt und 1946 endgültig abgerissen

Im Giebelfeld des Bäckerscharrens war auf steinernen Tafeln ehemals zu lesen: „Aus Gottes reicher Milde hat der Baecker Brod und Brod die Stadt.“ Diese Tafeln, die wahrscheinlich von dem ältesten Bäckerscharren stammen, sind heute zusammen mit einer dritten Platte, die das Zunftwappen der Bäcker zeigt, an der Südwestecke des Hochzeitshauses angebracht und erinnern an den Bäckerscharren, das Bäckeramt und seine Handwerksgeschichte.

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