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2013 gingen fast 85 Prozent wählen

Bremke, das Dorf der Demokraten

BREMKE. Bei Bundestagswahlen lag die Wahlbeteiligung bis 1983 noch meist über 85 Prozent. Ab 1987 ist sie fast überall unter 80 Prozent gesunken. Und seit 40 Jahren geht die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen in Deutschland weiter in den Keller. In ganz Deutschland? Nein!

Hier ist die Welt noch in Ordnung: In Sachen Wahlbeteiligung macht den Bremkern so schnell niemand etwas vor. Foto: joa
Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Bodenwerder zur Autorenseite

Ein von unbeugsamen Weserbergländern bewohntes Dorf an der Grenze zwischen den Kreisen Holzminden und Hameln-Pyrmont hört nicht auf, dem Trend zur Wahlmüdigkeit Widerstand zu leisten.

So haben bei der letzten Bundestagswahl stolze 84,53 Prozent der Bremker ihre Stimme abgegeben. Nur 30 der 194 Wahlberechtigten, die hier an der L588 am Fuße des Ith leben, haben die Wahl geschwänzt. Und die 27 Bremker, die nicht persönlich ins Wahllokal gekommen sind, haben ihre Stimme immerhin per Briefwahl abgegeben. Und so hat sich Bremke 2013 im Hameln-Pyrmont-Holzmindener Wahlkreis 46, in dem die durchschnittliche Wahlbeteiligung sonst nur bei 71,79 Prozent lag, zum Musterdorf demokratischer Stimmabgaben gemausert. Bundesweit lag damals die Wahlbeteiligung sogar nur bei mageren 71,5 Prozent. Dabei traten die meisten Wahlberechtigten in Baden-Württemberg zu immerhin noch 74,3 Prozent an die Urne, die Sachsen-Anhaltiner boten mit mageren 62,1 Prozent das Schlusslicht in Sachen Wahleifer.

Doch warum sind die Bremker in Sachen Bürgerpflichten ein Musterdorf, auch wenn sie 1973 ihre politische Selbständigkeit aufgeben mussten und dem fünf Kilometer entfernten Halle zugeschlagen wurden?

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Für Axel Munzel, Bürgermeister von Halle und in Bremke zuhause, hängt diese bemerkenswerte Wahlbeteiligung mit der geringen Einwohnerzahl und dem daraus resultierenden großen Zusammenhalt der Bremker zusammen. Munzel: „In kleinen Orten kann man die Leute eben eher motivieren, sich in Gemeinschaftsangelegenheiten einzubringen. Das zeige sich auch in Bremkes regem Vereinsleben. Zu einem ähnlichen Ergebnis sind auch Soziologen gekommen, die sich des Themas „Wahlbeteiligung“ bereits in verschiedenen Studien angenommen haben. Und hier sagt eine der Erklärungen, dass, obwohl es Nichtwähler in allen Schichten gibt, die Wahrscheinlichkeit bei sozial Benachteiligten deutlich höher liegt, der Wahlurne fernzubleiben. Damit könnte der hohe Wahleifer der Bremker auch wissenschaftlich fundiert damit zusammenhängen, dass hier die Sozialstruktur im Dorf gesund ist.

Und auch mit der Arbeit der beiden größten etablierten Parteien scheinen die Bremker 2013 zufrieden gewesen zu sein: Da ist der Stimmanteil für FDP, Grüne, Linke und AfD verschwindend gering. Beinahe hälftig wurden bei der Bundestagswahl 2013 im Dorf am Ith die Stimmen an CDU und FDP vergeben. Axel Munzel erklärt das damit, dass in Bremke parteiübergreifend vernünftig miteinander umgegangen werde, sodass es anscheinend Politik-Akzeptanz und keine Parteien-Verdrossenheit gebe. Man macht in Bremke eben keine Wahl-Experimente. Nichtwahl aus Protest ist hier anscheinend kein Thema.

Es gibt auch die Theorie, sinkende Wahlbeteiligung sei ein Generationeneffekt. Das hieße, die neu ins Wahlalter eintretenden Jahrgänge würden zu einem geringen Teil wählen gehen. Andererseits könnte Bremkes hohe Wahlbeteiligung damit ein Hinweis auf die Alterstruktur im Ort sein. So beteiligen sich wissenschaftliche Untersuchungen zufolge ältere Menschen besonders stark an Wahlen.

Mit Ausnahme der jüngsten und ältesten Altersgruppe nimmt die Wahlbeteiligung grundsätzlich mit steigendem Alter zu. Rund 75 Prozent der über 70-jährigen und sogar 80 Prozent der 60- bis 69-jährigen Wahlberechtigten haben bei der Bundestagswahl 2013 ihre Stimme abgegeben. Die über 60-Jährigen stellten damit bereits etwas mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten in Deutschland.

Ihren Höhepunkt hatte die Wahlbeteiligung republikweit übrigens bei der Bundestagswahl 1972 mit stolzen 91,1 Prozent. Willy Brands neue Ostpolitik und die innenpolitischen Reformen hatten damals die Wählerstimmung mächtig angeheizt. Den tiefsten Stand erreichte sie bei der Bundestagswahl 2009: Nur 70,8 Prozent der Wahlberechtigten gingen damals in der gesamten Republik zu den Urnen.

Bei der Bundestagswahl 2013 war es dann mit 71,5 Prozent kaum 1 Prozent mehr. Damit verzeichnete Deutschland bei der letzten Bundestagswahl den zweitgrößten Rückgang bei der Wahlbeteiligung von allen europäischen Demokratien – hinter Portugal und vor Frankreich.

Der Deutschen Wahleifer war damit seinerzeit nicht nur der zweitschlechteste seit Gründung der Bundesrepublik, sondern zugleich der zweitschlechteste bei einer nationalen Wahl in Deutschland seit fast 120 Jahren.

Wird Bremkes Wahlbeteiligung auch bei der bevorstehenden Bundestagswahl 2017 so bemerkenswert hoch bleiben? Generell gehen Wahlforscher derzeit davon aus, dass durch die hohe Emotionalitätder Flüchtlingsdebatte die Wahlbeteiligung bei der kommenden Bundestagswahl generell leicht steigen könnte. Um weiter ihre Wahlbeteiligungs-Spitzenposition im Wahlkreis 46 halten zu können, wären die Bremker daher gut beraten, mit Nachdruck von dem 24. September auf ihre bisherigen 30 Wahlschwänzer einzuwirken...

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