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Angehörige des Hamelner Landsturms verbringen den Krieg als Inselwache auf Borkum

„Brausebad mit der Nordsee vertauscht“

Neben der aktiven Truppe wird 1914 die Reserve einberufen, die Landwehr und der Landsturm, zu dem im Ersten Aufgebot Männer zwischen 39 und 45 Jahren, im Zweiten Aufgebot die älteren Reservisten, Ungediente und unabkömmlich gestellte Männer gehören. Für sie spielte sich der Krieg häufig fern der Front ab. Zum Beispiel für Carl Bauer aus Hameln.

VON DR: GESA SNELL

Einsatz in den Dünen: Unteroffizier Carl Bauer (r.) vor dem „Geschäftszimmer“ der 3. Kompanie auf Borkum.

Im Rahmen der Mobilmachung werden am 15. August 1914 das Erste Aufgebot und die Gedienten des Zweiten Aufgebots zum Dienst im Landsturm einberufen. Zu den Aufgaben dieser Männer gehört das Bewachen von Kriegsgefangenenlagern (wie in Hameln), von Straßen, Brücken, Bahnhöfen und der Grenzen, nicht aber der aktive Kampf.
Die meist gesetzteren Herren sind zum Teil lange nicht mit dem Militär in Berührung gekommen und sind daher nicht einheitlich uniformiert. Aufgrund der aufgeregten Stimmung in der Öffentlichkeit hat allein das andernorts offensichtlich so viel Aufsehen erregt, dass es sogar zu Konflikten gekommen ist. Die Dewezet weist daher extra darauf hin, dass es sein kann, dass die Männer in nicht geläufigen Uniformen auftreten. Die Zeitung warnt: „Es kann der Verdacht auftreten, daß die Uniform unberechtigt oder zu staatsfeindlichen Zwecken getragen wird. Es darf aber nicht vorkommen, daß ehrenhafte Männer verdächtigt oder beleidigt werden und daß der Dienst, in dem sie stehen, dadurch leidet. […] Das Publikum soll sich jedes Eingriffs enthalten, Ruhe und Besonnenheit bewahren und nur dann eingreifen, wenn Gefahr droht.“
Auch wenn also das Einrücken in Hameln eine gewisse Spannung aufweist, birgt der Einsatz der Landsturmmänner wenig Dramatik. Ein Teil des Landsturms des X. Armeekorps wird zwischen 1915 und 1917 zum Beispiel als sogenannte Inselwache auf Borkum eingesetzt. Zu den in Ostfriesland stationierten Landsturmleuten gehört der Musiker C. Wilkening. Er schreibt an seinen Lehrer in Borstel im Auetal: „Wir haben jetzt unser Brausebad mit der Nordsee vertauscht, es wird fleißig gebadet.“ Er schreibt, dass „im übrigen alles beim Alten“ sei – man meint beinahe ein bisschen Langeweile zu spüren.
Auch der Hamelner Carl Bauer berichtet Frau und Mutter von seinem ruhigen Aufenthalt auf der Insel. Er wird als Unteroffizier der 3. Kompanie in der Schreibstube eingesetzt, die sich zunächst in einer Baracke am Rand der Dünen, später in einem festen Gebäude befindet. Bauer schickt immer wieder Fotopostkarten nach Hameln, die einen lebendigen Eindruck vom Leben seiner Einheit auf Borkum vermitteln. Das erste Bild nach der Ankunft zeigt ihn im Kreise anderer Landsturmmänner, die gemütlich Pfeife rauchen und Bier trinken. Ein wichtiger Zweck dieses Bildes ist es sicher auch, den Daheimgebliebenen die Angst vor einem militärischen Einsatz des Mannes, Vaters oder Sohnes zu nehmen.
Das Baden spielt auch für Bauer eine große Rolle, stolz schreibt er seiner Frau: „Was sagst Du nun, wie wir 5 Nackedeis uns im Wasser räkeln.“ Auch mit seiner Kompanie lässt Bauer sich in den Wellen ablichten, wobei sich zeigt, dass nur der Leutnant einen echten Badeanzug im Gepäck hat. Die weniger stranderfahrenen Männer behelfen sich – und genießen das Meer trotzdem.
Die Fototechnik ist so weit fortgeschritten, dass tragbare, relativ kleine Kameras mitgenommen werden können. Die zahlreichen privaten Fotos der Soldaten sind ein echtes Novum dieses Krieges. Auch in der Umgebung Bauers verfügt jemand über einen Apparat und fertigt ein Bild einer gemütlichen Mahlzeit in der Baracke an. Brot, Wurst und Kaffee warten auf die drei Herren, die sich einen Dackel dazugeholt haben. Interessant ist vor allem, dass vorne auf dem Tisch eine Dewezet präsentiert wird, die den Eindruck großen Komforts abrundet. Auch diese Aufnahme soll auf die Daheimgebliebenen wirken und einen Dank für die gute heimische Versorgung aussprechen.
Sogar kulturelle Abwechslung steht Carl Bauer zur Verfügung, der seiner Frau von einem Kinobesuch und einem Vortrag berichtet – und immer wieder von herrlichem Wetter auf der Insel. Anders als viele kämpfende Soldaten kann er ihr nicht nur Geld überweisen, sondern auch Pakete schicken, wie er ankündigt.
Die Kompanie zeigt mit einem repräsentativen Ausmarsch ihren Anspruch als stellvertretende Staatsmacht. Mit geschultertem Gewehr und der Kapelle vorneweg zieht sie über die Insel. Nicht nur Carl Bauer ist zu sehen, der sich wie immer auf dem Bild markiert und – stets ein bisschen ängstlich fragt, ob seine Frau ihn auch erkennt –, sondern wohl auch der Musiker Wilkening. Dieser schreibt seinem Lehrer nüchtern: „Wir haben jetzt wöchentlich zweimal Concert zu geben […]. Wir ersetzen die bisherige Kurcapelle.“
Stolz ist Bauer darauf, dass er im Juni 1916 zum Feldwebel befördert wird und lässt sich mit seiner Ordonnanz abbilden. In einem Gruppenbild in den Dünen zeigt er sich überdies „inmitten meiner Rekruten“. Deutlich klingt der Wunsch hindurch, bei den Daheimgebliebenen mit seiner Karriere Eindruck zu machen.
Trotz allen Wohlergehens und dem ruhigen Dienst, um den ihn jeder kämpfende Soldat beneidet hätte, wünscht er sich 1917 den Frieden allerdings sehnlich herbei. Bauer möchte endlich nach Hameln, zu seiner Frau und seinen Kindern zurückkehren können.

Oben: Krieg als Badeurlaub – Carl Bauer hat sich auf seinen Postkarten selbst markiert.
  • Krieg als Badeurlaub – Carl Bauer hat sich auf seinen Postkarten selbst markiert. Foto: pr
Gruppenfoto der 3. Kompanie des Landsturm- Bataillons Hameln auf Borkum
  • Gruppenfoto der 3. Kompanie des Landsturm-Bataillons Hameln auf Borkum. Foto: pr
Bauer (r.) in der Baracke mit der Dewezet auf dem Tisch.
  • Bauer (r.) in der Baracke mit der Dewezet auf dem Tisch. Foto: pr
Die 1. Kompanie des Landsturm-Bataillons Hameln im Januar 1915 beim Marsch durch die Emmernstraße. Verschickt wurde auch dieses Motiv als Postkarte von der Insel Borkum.  Heimatmuseum Auetal
  • Die 1. Kompanie des Landsturm-Bataillons Hameln im Januar 1915 beim Marsch durch die Emmernstraße. Verschickt wurde auch dieses Motiv als Postkarte von der Insel Borkum. Foto: Heimatmuseum Auetal
Oben: Krieg als Badeurlaub – Carl Bauer hat sich auf seinen Postkarten selbst markiert.
Gruppenfoto der 3. Kompanie des Landsturm- Bataillons Hameln auf Borkum
Bauer (r.) in der Baracke mit der Dewezet auf dem Tisch.
Die 1. Kompanie des Landsturm-Bataillons Hameln im Januar 1915 beim Marsch durch die Emmernstraße. Verschickt wurde auch dieses Motiv als Postkarte von der Insel Borkum.  Heimatmuseum Auetal
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