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Maritimes Understatement im Hinterland der Ostsee: War hier die Stadt Vineta?

Bodden, Barth und bunte Häuschen: Nur das Gold ist ganz versunken…

Barth / Ostsee. Gartenstraße 40. Vor der Tür wächst Gras, kniehoch. Spinnen haben ihre Netze um das Schlüsselloch gewebt. Hier hat schon lange keiner mehr aufgeschlossen, keiner ist hineingegangen, keiner herausgekommen. Die Kate steht leer. Der innere, alte Stadtring mit seinem Katzenkopfpflaster offenbart solchen Verfall wohl sicher mehr als ein Dutzend Mal. Barth ist eben nicht Zingst, nicht Ahrenshoop, ist nicht elegant. Barth ist auch nicht Ostsee, Barth ist nur Bodden. Aber Barth verströmt genauso viel Flair wie die feinen Seebäder.

Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Ihr Schicksal, nur in zweiter Reihe zu sein, weil die weiße Sandstrandküste von Zingst gut 15 Kilometer entfernt liegt, nehmen die Barther gelassen, aber nicht für gottgegeben hin. Sie werkeln als Geheimtipp stickum an einer Art maritimem Understatement. Das bringt durchaus Vorteile mit sich, vor allem im Sommer, wenn’s in den Seebädern zu rummelig wird.

„Noch’n Lübzer?“ Heike Dinse serviert das dunkle Bier mit auf der Terrasse ihres Hotel-Restaurants, wo noch nicht viel los ist. „Na ja, es ist Mai. Die Saison beginnt gerade.“ Muss sie dringend, die Saison, denn im Winter würden in Barth die Bürgersteige hochgeklappt werden. Viel Arbeit gebe es hier nicht, „und zum Shoppen fahren wir auch gerne mal nach Rostock“, sagt eine ihrer Angestellten. Aber jetzt, da im Hinterland der Ostsee die Rapsfelder blühen und Storchenpaare in den Horsten auf die Liebe klappern, gehe es spürbar aufwärts. In der kleinen Marina Barths schrubben Freizeitkapitäne ihre Boote blitzeblank. An wolkenfreien Tagen sieht auch der Himmel über dem Bodden poliert aus. Der Blick von der Terrasse des „Sur la Mer“ ist zur Stunde tatsächlich wie ein bisschen Côte d’Azur. Nur, dass man hier eben keinen Schampus trinkt, sondern Bier. „Noch’n Lübzer, bitte.“

Fröhliche Farben tragen die kleinen Häuser oben in der Altstadt. Ach was, manche sind nicht mal klein, die sind niedlich winzig. Geschätzte 60 Quadratmeter, wenn überhaupt, aber dafür himmelblau, sonnengelb und maiengrün. Irgendwie wird man das Gefühl nicht los, dass Barth an seiner Zukunft hämmert, sägt und bohrt. Keine Straße, an der nicht mindestens ein Baugerüst steht. Aber auch keine, an der nicht wenigstens ein Haus zerfällt. In diesem Spannungsfeld aus morbidem Charme und bröckelnder Gegenwart muss sich die 9000-Einwohner-Stadt Tag für Tag neu finden.

5 Bilder

„Das ist schon eine Herausforderung. Ohne Touristen hätten wir dieses Museum nicht“, sagt der junge Mann an der Kasse des von Christoph Zechlin privat geführten Technik- und Erlebnismuseums, das in der alten Zuckerfabrik am Wirtschaftshafen auf 6000 Quadratmetern mobile Schätze freigibt, die zumeist nur noch in Träumen schlummern. Ein alter Renault 4, weiß und auf den Stoßfängern rostbesprenkelt, steht dort vis-à-vis zum stahlmetallicblauen Austin Healey. Käfer, Trabi, Kreidler – das privat geführte Museum ist erstaunlich vielseitig. Und ein paar Räume weiter geht in einer Extraexpo sogar die Titanic noch mal unter.

Im hübschen Galerie-Café, wo die Milchschaumhaube auf dem Cappuccino ein bisschen an den Eisberg erinnert, an dem der Ozeandampfer einst zerschellte, kann man seinen Gedanken nachhängen. Mit Untergängen kennen sich die Barther ja bestens aus; immerhin behaupten sie bis heute, dass hier die Vinetastadt gewesen sein muss. Jener versunkene Ort aus Gold und Silber, in dem die Kinder mit Perlen spielten. Den Reichtum von einst hätten sie gerne, die Barther, da ist der Wunsch Vater des Gedankens. Aber ’s wird schon. Immerhin werden in drei kleinen Werften Boote gebaut und repariert. Unten am Westhafen liegen schicke Yachten, und die kleine Schlemmermeile, an der das „Sur la Mer“ mit bissfestem Gemüse im zu weichgekochten Mecklenburg-Vorpommern einen geschmackvollen Höhepunkt setzt, ist hübsch unaufdringlich. Und wenn unten am Hafen der Wind die Takelagen umspielt, schmiegen sich oben im Ort die Häuser der Stadt um die Marienkirche. Der 96 Meter hohe Turm ist prägendes Element der Backsteingotik.In Barth ist er von überall zu sehen. Über 180 Stufen führen hinauf. Wer es im engen Aufstieg bis nach oben schafft, wird mit einem weiten Blick über den Bodden und die Stadt belohnt. Von Vineta ist zwar nichts zu sehen, nichts vom Gold und Silber der Geschichte, aber bei klarer Sicht wenigstens ein Stück von der Insel Hiddensee, die ganz schön weit weg ist.

Näher dran ist man im Adeligen Fräuleinstift. Zum Beispiel an Kaiser Wilhelm und der Kanzlerin. Die Sonderausstellung „Varieté“ lässt die Puppen tanzen. Alles ist hier aus Stoff, aus Leder und Knöpfen, aus Fetzen und Fasern. Stefanie Alraune Siebert hat hier ihr Lebenswerk ausgestellt, zum fünften Mal schon von April bis Oktober, immer in einem anderen Kontext. Es gibt Reisende, die nur deshalb nach Barth fahren. Ein Pläuschchen mit Miss Marple ist ja auch zu entzückend, nicht wahr?

Ein alter 1600er VW: Im Barther Technik- und Erlebnis-Museum steht ein „Schätzchen“ neben dem anderen.




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