weather-image
29°
Jahreswende im alten Niedersachsen / Zur Jahreswende gehörte und gehört das „Glücksschweinchen“

Blei gießen, um die Zukunft zu erahnen

Von Nicolas Heutger
Am 28. Dezember, am Tage der Unschuldigen Kindlein, fanden die seltsamen Bischofsspiele statt, wie sie für das 14. Jh., zum Beispiel für Stadthagen, Hameln und Osnabrück bezeugt sind: Schüler wählten aus ihrer Mitte einen zum „Bischof“, der nun mit gewaltigem Aufwand auf kirchlichem Gelände einen Tag lang als „Bischof“ tätig wurde. Diese Bischofsspiele trugen meistens karnevalsähnliche Züge.

Bleigießen ist einer der beliebtesten Silvesterbräuche zum Vorhersagen der Zukunft im neuen Jahr.

Von Nicolas Heutger

Am 28. Dezember, am Tage der Unschuldigen Kindlein, fanden die seltsamen Bischofsspiele statt, wie sie für das 14. Jh., zum Beispiel für Stadthagen, Hameln und Osnabrück bezeugt sind: Schüler wählten aus ihrer Mitte einen zum „Bischof“, der nun mit gewaltigem Aufwand auf kirchlichem Gelände einen Tag lang als „Bischof“ tätig wurde. Diese Bischofsspiele trugen meistens karnevalsähnliche Züge.

In den Nächten von Weihnachten bis zum 6. Januar führte nach dem Volksglauben, der Reste der untergegangenen germanischen Religion aufgesaugt hat, Wodan (Odin), einst der Gott der im Kampf Gefallenen, seine „Wilde Jagd“ durch die Lüfte.

270_008_4429744_wb101_3012.jpg

Im westlichen Südharz darf man in den Tagen nach Weihnachten keine Wäsche waschen und aufhängen. Sonst stirbt jemand im Hause. Im Landkreis Cloppenburg schnitzten in den Tagen von Weihnachten bis zum 6. Januar junge Leute durch Stockaufrauen kunstvolle Gebilde, deren feinste Formen wie „Engelhaar“ anmuten. Die kleinen Kunstwerke versuchte der Hersteller unbemerkt in das Haus seines liebsten Menschen, besonders seiner Braut, zu bringen. Das Museumsdorf Cloppenburg besitzt solche „Wäperaute und Tunschere“. Im alten Niedersachsen wurde in der Neujahrsnacht gegen 23.45 Uhr vom Kirchturm geblasen, zum Beispiel in Eime. In Elze wurde und wird nach dem mühsamen Aufstieg zum Turmplateau, das knapp zwölf Bläsern Platz bietet, zunächst ein Gläschen zur Brust genommen. Zu den tiefen Frost-Temperaturen kommt oft ein eisiger Wind. Dann verfliegen die richtigen Töne leicht.

Im alten Niedersachsen liebte man beim Übergang ins neue Jahr Feuerwerk. Aber den Regierungsstellen erschien das zu gefährlich. So verbot die Provinzialregierung in Stade am 15. Februar 1819 das „Abbrennen von Feuerwerken“ und das „Freuden-Schießen zur Neujahrszeit“ in der „Nähe bebauter Orte“. Sie drohte den Übertretern Geldstrafen von zwei bis zehn Reichstalern an, die „für unvermögende Leute“ „in eine verhältnismäßige Gefängnisstrafe verwandelt“ werden sollte.

Zur Jahreswende gehörte und gehört das „Glücksschweinchen“, das heute meistens aus Marzipan besteht. Es geht auf altsächsische Vorbilder zurück. So zum Beispiel ist in Liebenau ein Gefäß in Gestalt eines Schweines ausgegraben worden. Das Schwein war bei den Germanen Fruchtbarkeitssymbol. Am Silvesterabend wurde Blei gegossen, um die Zukunft zu erahnen. Dieser Brauch wurde vielfach mit einem Reim eingeleitet: „Kumm, mien Gret’n, Wi wült get’n, Denn dat Blee seggt jümmer wohr, Wünsch Di Glück taun nigen Johr.“

Der Schritt ins neue Jahr wurde durch einen Sprung vom Tisch angedeutet.

In der Neujahrsnacht legten die Mädchen in abergläubischer Absicht ein Gesangbuch unter das Kopfkissen. Das Vieh wurde in der Neujahrsnacht besonders gut gefüttert. Dann war im ganzen nächsten Jahr genug Futter da.

In der Celler Gegend wurde den Obstbäumen im Blick auf das Neue Jahr ein Geldstück „geschenkt“, damit die Ernte gut werde. Man raunte dabei: „Appelboom, ek schenk die watt, schenk du mi davör Appeln satt. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen“.

Nach alter Tradition erwarten noch heute die Müllwerker, Briefträger und Zeitungsausträger eine Neujahrsgabe. Die Zeitungsträger überbrachten oft, zum Beispiel in Rinteln, sogar ein gedrucktes Glückwunschgedicht, um die Gebefreudigkeit zu heben.

Die Sitte, zum Neujahr lieben Mitmenschen gute Wünsche zu schicken, ist ziemlich alt. Das zeigte besonders die Ausstellung „Glück- und Segenswünsche im Braunschweigischen“ 1987/88 im Museumshaus am Braunschweiger Burgplatz. Bezeichnend war da der fein formulierte Neujahrswunsch des 14-jährigen Domänenpächtersohnes Fritz Langenstraßen aus Salder, bei Salzgitter, an seine Eltern im Jahre 1797. Dafür erhielt er zwei Taler.

Schon früh suchten Menschen, von diesem freiwilligen Zwang zum Kartenschreiben loszukommen. So teilte der braunschweigische Herzog Karl I. in der Adventszeit 1761 unter anderem seiner Schwester Amalia in Weimar mit, dass er „keine Neujahrsschreiben versenden, und bei ihm eingehende nicht beantworten werde“. Aus dem Besitz des Dichters Wilhelm Raabe ist eine große Anzahl von Neujahrsglückwunschkarten erhalten, die der Dichter um die Jahrhundertwende erhalten hat. Erst im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts traten an die Stelle der Neujahrsglückwünsche stärker Weihnachtsgrüße.

Das Glücks-

schweinchen gehört seit jeher zur

Jahreswende.

Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare