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Von den nicht nachlassen wollenden Bemühungen zur Ausrottung der Spatzen

„Bis alle vertilgt sind“

Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, sagen die Leute, wenn es mit dem großen Wunschtraum nicht klappt und man stattdessen mit dem Kleinen, Alltäglichen und eher Minderwertigen vorliebnehmen muss. Das volkstümliche Sprichwort stammt aus einer Zeit, als sich bei uns noch überall riesige Spatzenschwärme breitmachten und die Taube als eine Art Friedensbote verehrt wurde.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das war einmal. Wenn es nach den heutigen Verhältnissen ginge, müsste das Beispiel mit dem Spatz und der Taube andersherum lauten. Die Tauben gelten heute vielerorts als Plage. Die Wertschätzung der Spatzen dagegen hat deutlich zugenommen. Grund ist die Sorge um den Fortbestand des kleinen, quirligen Vogels. Von den riesigen, über Jahrhunderte hinweg als Landplage empfundenen Horden ist nicht mehr viel übrig geblieben. Als gefährdet gilt insbesondere der Haussperling. Die Zahl der hierzulande noch lebenden Exemplare sei dramatisch geschrumpft, ist von Naturschützern zu hören. Nicht ganz so schlimm sei es um den engen Verwandten des „Passer domesticus“, den Feldsperling (Passer montanus) bestellt. Um die Entwicklung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, hat der Naturschutzbund Deutschland den Haussperling 2002 zum „Vogel des Jahres“ gekürt.

„Schmarotzer und Volksschädlinge“

Das Bemühen der Naturschützer darf als erste menschliche Sympathiebekundung gegenüber dem kleinen, gefiederten Nahrungskonkurrenten gelten. Bis in die jüngste Vergangenheit hinein war die Einstellung ausschließlich von Hass und Verachtung geprägt. Die stets in großen Schwärmen auftretenden Vögel galten als gerissene Schmarotzer und Volksschädlinge. Die Berichte und Klagen über ihr räuberisches Wirken in Saat- und Getreidefeldern, Kornkammern, Futterstellen und Kirschbäumen füllten und füllen ganze Bände. Selbst wohlmeinende und aufgeklärte Zeitgenossen wie Martin Luther (1483-1546) forderten zum Vernichtungskampf gegen die dreisten Haus- und Hofgenossen auf, „welche doch viel leids thun, stelen und rauben und auch aus den Heusern Korn, Hafer, Maltz, Gersten etc. tragen“.

Heftig beklagt wurde auch der liederliche Lebenswandel der bis zu vier Mal im Jahr brütenden Tiere. „Dieser Vogel ist über die massen unkeusch“, urteilte der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebende Naturkundler Konrad Gesner, „also daß er in einer stund zwanzigmal vogelt, oder eines Tags dreyhundert mal“. Nicht umsonst habe man „ein Sprichwort von den unkeuschen Leuten gemacht, da man spricht: Du bist geiler dann ein Spatz“. Nach Darstellung des zu seiner Zeit höchst angesehenen Gelehrten stellten Sperlinge, im Gegensatz zu den „frommen Vögeln wie Amseln, Drosseln und Finken“, kein von Gott gewolltes und gezielt in die Welt gesetztes Lebewesen dar. Spatzen könnten deshalb allenfalls als „Arznei oder in der Brühe als nützlich gelten“.

Ähnlich sah es auch der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebende Professor Johann Philipp Breidenstein: „Der Sperling ist zu nichts nutze, weder in seinem Leben, noch in seinem Tode“, heißt es in dessen 1779 erschienenen Werk „Naturgeschichte des Sperlings teutscher Nation“. „Seine Stimme beleidigt das Ohr, seine Vertraulichkeit ist beschwerlich, sein Fleisch ist ekelhaft und seine Federn sind so wenig, daß sich schwerlich jemand Mühe geben wird, solche zu erhalten“. Auch die Eier des Sperlings dürften „um unsere Natur nicht zu verderben, gar nicht genoßen werden, denn sie nützen allzu sehr zur Wollust“.

Kein Wunder, dass es über Jahrhunderte hinweg zahllose „Tilgungsversuche“ gab. Die im Bückeburger Staatsarchiv aufbewahrten Akten sind voll von Vorschlägen, wie „sothane schädliche Vögel auszurotten“ seien. Als besonders wirksames Mittel wurde das Ausstreuen von „verbrannter Spatzenasche“ und/oder von „zerriebenem Hundekot in faulem Urin eingemengt“, empfohlen. Eine weitere Möglichkeit sei es, das Saatkorn vor der Aussaat durch einen „ausgedörrten Habichtsschnabel“ laufen zu lassen. Und seit Anfang des 19. Jahrhunderts kamen „todsichere“ Sperlingsfallen zum Einsatz.

Als all dies nichts brachte, nahm sich die Obrigkeit des Problems an. Als besonders Erfolg versprechend schien vielen Landesherrn die Einführung einer „Spatzenzwangsabgabe“. Nach einem 1690 auf den Weg gebrachten Dekret des hessischen Landgrafen Karl, zu dessen Territorium damals auch die Grafschaft Schaumburg gehörte, hatte jeder Einwohner des Distrikts Rinteln pro Jahr zehn Sperlingsköpfe abzuliefern.

Später wurde die Fangquote auf Landbesitz und Einkommensverhältnisse der Untertanen abgestellt. Ärmere Leute hatten bis zu sechs, mittelmäßig begüterter zehn, und wohlhabende Bauern bis zu 20 Köpfe abzuliefern. Ähnliche Regelungen traten kurz darauf auch in Preußen sowie in nahezu allen anderen König-, Fürsten- und Herzogtümern des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation erlassen.

Der Verfahrensablauf war überall gleich: Ein Tilgungsversuch dauerte fünf oder sechs Jahre. Gefordert waren vor allem die Landbewohner. Die Abgabetermine gab der Dorfgeistliche von der Kanzel herab bekannt. Der Pastor selbst war freigestellt. Sammelstelle war der Kirchplatz. Man schätzt, dass bei einer Aktion pro Jahr bis zu zwei Millionen Tiere umgebracht wurden, darunter auch zahllose „Sing- und andere Nutzvögel“. Ob es sich um einen Sperlings- oder einen Buchfink-Kopf handelte, war beim Zählappell meist nicht mehr auszumachen. Von einem spürbaren Erfolg der Ausrottungsanstrengungen konnte, trotz mehrmaliger Wiederholung, keine Rede sein. Im Gegenteil. Vielen schien es, als klinge das charakteristische, zeternde „Schilp-schilp“ noch viel lauter und triumphierender als zuvor.

Kampf gegen „Ungeziefer“ sollte weitergehen

Erste Ansätze in Richtung Naturhaushalt und Artenschutz scheint es Ende des 19. Jahrhunderts gegeben zu haben. Als 1888 im Fürstentum Schaumburg-Lippe ein neuerlicher Vernichtungsfeldzug vorbereitet wurde, regte der Landrat des Kreises Bückeburg-Arensburg, Langerfeld, eine Vorabbefragung der 32 Ortsvorsteher und Gutsverwalter seines Zuständigkeitsbereichs an. Nach einigem Hin und Her stimmte die Regierung zu.

Das Ergebnis bestätigte das von Langerfeld vorhergesagte Umdenken. Nur 18 der 32 befragten Gemeinden waren für die Aktion, die meisten davon nur „mit Bauchschmerzen“. Keinerlei Zweifel hatte nur der Gemeinderat Stemmen (heute Ortsteil von Hespe). Der Kampf gegen das „Ungeziefer“ müsse weitergehen, „bis alle vertilgt sind“, so der einhellige Beschluss. Die anderen 14 Ortsräte antworteten mit einem vorsichtig formulierten Nein. Die Volksvertreter von Beeke und Luhden regten an, statt der Kopfquotenaktion lieber die Nistgelege auszuheben. Dadurch werde verhindert, dass im Eifer des Gefechts auch Singvögel umgebracht werden könnten.

Angesichts von so viel Zögern und Bedenken verschwand der „Tilgungsplan“ der Regierung wieder in der Schublade. Dazu beigetragen hatte möglicherweise auch und vor allem die Stellungnahme des fürstlichen Gutsverwalters Spring: „Pro Jahr brütet der Spatz dreimal, viermal, oder auch fünfmal, und zwar jedes Mal fünf bis sechs Eier“, klärte der Chef des Masch-Vorwerks Bückeburg seine Vorgesetzten auf. „In dieser Zeit füttert er seine Jungen ausschließlich mit schädlichen Insekten, Raupen und Kerbtieren, so daß er insofern als überwiegend nützlicher Vogel angesehen werden muß“.




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